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Pekings Verbotene Stadt: So residierte der Kaiser von China

Foto: Stephan Orth

Pekings Verbotene Stadt 9999 Zimmer für den Sohn des Himmels

Sie ist einer der letzten Orte, an denen sich die Vergangenheit der chinesischen Kaiserzeit nachempfinden lässt: die Verbotene Stadt im Herzen Pekings. Die riesige Anlage trotzt der rasanten Modernisierung der Metropole - und wird nun nach Jahren der Vernachlässigung renoviert.

Peking - Dort, wo einst die "Söhne des Himmels" regierten und Mao Zedong 1949 die Volksrepublik China ausrief, herrscht an diesem Samstag Volksfeststimmung. Vor den gewaltigen roten Mauern stellen sich Familien für ein Foto auf, Jugendliche albern herum. Nur die Wachsoldaten verziehen keine Miene.

Pekings ehemaliger Kaiserpalast, die 600 Jahre alte Verbotene Stadt, ist ein Wunder - in mehr als einer Hinsicht. Beim Rundgang beeindrucken die schiere Größe und architektonische Leistung auch den ausgelassensten Touristen, je tiefer er in das gelbrote Labyrinth aus Terrassen, Höfen und Hallen eindringt.

Über 72 Hektar erstreckt sich die Anlage mitten in Peking, vom Süd- bis zum Nordtor läuft man fast einen Kilometer. Die Zahl der Zimmer wird mit 9999 angegeben, was den Buckingham-Palast der Queen in London mit 600 Räumen bescheiden wirken lässt. Selbst das Schloss von Versailles war dagegen mit 2000 Zimmern zu seinen größten Zeiten ein überschaubares Zuhause.

Ein Wunder ist auch, dass die Verbotene Stadt überhaupt noch existiert. Dass die Maoisten beim großen Aufräumen in der Nachkriegszeit und während der Kulturrevolution ausgerechnet den alten Kaisersitz verschonten, ist in der Nachbetrachtung genauso erstaunlich wie die Toleranz der heutigen Machthaber.

Wider den Modernisierungswahn

Denn auch die gegenwärtigen Regenten neigen dazu, gnadenlos abzureißen, was der Modernisierung der Elf-Millionen-Stadt im Weg steht. Mao etwa ließ die Stadtmauer aus der Ming-Zeit einfach schleifen. In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2008 wurde ohne Bedenken die Abrissbirne eingesetzt, um Platz für neue Schnellstraßen oder Luxuseinkaufszentren zu schaffen.

Peking unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von anderen asiatischen Metropolen wie Hongkong, Bangkok oder Tokio. Die Zahl der neben der Verbotenen Stadt liegenden Hutongs - flache, graue Häuser der Altstadt mit einem Netz an Innenhöfen - hat sich in den vergangenen vier Jahren halbiert.

Dolmetscher Michael Guan ist im Hauptberuf Geschichtslehrer an einem College in Peking. Der 37-Jährige erlebt dort täglich die gleichgültige Haltung der jungen Generation: "An größeren historischen Zusammenhängen sind meine Schüler nicht interessiert, sie wollen nur wissen, was sie aus den Strategien der alten Kaiser und Hofbeamten für ihr eigenes Vorankommen in der Wirtschaft lernen können", sagt er. Geschichte als Managementseminar für Fortgeschrittene.

Die Verbotene Stadt konnte dem Modernisierungswahn bislang jedoch widerstehen. Tatsächlich befindet sie sich nach Jahren der Vernachlässigung gerade in einem millionenteuren Restaurierungsprozess durch das Palastmuseum und den privaten gemeinnützigen World Monuments Fund in New York. Es ist das erste Mal, dass das Palastmuseum mit einer ausländischen Einrichtung zusammenarbeitet. Bis 2020, pünktlich zum 600-jährigen Bestehen, soll das Projekt abgeschlossen sein. Die ersten Erfolge im Nordostquadranten der Anlage sind schon zu sehen.

Nicht einmal speisen konnte der "Sohn des Himmels" in Ruhe

Der Kaisersitz kann in zwei Abschnitte unterteilt werden. Wenn man auf der Südseite unter dem Mao-Bild durch das wie ein Mauseloch wirkende "Tor des Himmlischen Friedens" eintritt, befindet man sich zunächst im offiziellen Teil, dem Äußeren Hof. Hier lag die Regierungszentrale der 24 Kaiser, die seit dem 15. Jahrhundert mit 2000 Hofangestellten, Konkubinen und Eunuchen in dem Palast lebten. Die Hallen und Plätze sind so riesig, dass sich die vielen hundert Touristen an diesem Wochenendtag locker darin verteilen.

Diesem Prunk als Regent ausgeliefert zu sein, war noch weniger als in anderen Königshäusern ein Spaß. Der Tagesablauf des Kaisers war streng geregelt. Wer die formale Möblierung der Thronsäle und kaiserlichen Schlafgemächer sieht, bekommt schon vom Hingucken Rückenschmerzen. Nicht einmal essen konnte der Himmelssohn in Ruhe. Jede seiner zwei vorgeschriebenen Mahlzeiten am Tag - frühmorgens und mittags, das Abendessen entfiel - wurde zum Staatsakt mit Aufmarsch der Küchenbrigaden und Kompanien an Vorkostern. Bis die berühmte geröstete Pekingente den Kaiser erreichte, war sie garantiert kalt.

Kein Wunder, dass die Kaiser so oft wie möglich aus der Verbotenen Stadt flohen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts vorzugsweise in den Sommerpalast am Fuß des "Berges der Barmherzigkeit und des Langen Lebens" vor den Toren Pekings. Hier war ein legeres Leben möglich. Der Sommerpalast ähnelt architektonisch dem Hauptsitz. Wegen der romantischen Lage an einem See ist er einen Besuch wert, selbst wenn von der einst riesigen Anlage nur noch ein Bruchteil übrig ist. Schuld daran sind diesmal nicht die Kommunisten, sondern die Engländer, die während des Opiumkrieges 1860 wüteten.

Feng-Shui-Refugium für den Ruhestand

Den zweiten Teil der Verbotenen Stadt bildet der nördliche Innere Hof. Statt mit Repräsentationsplätzen sind die Gebäude mit kleinen Innenhöfen durchsetzt. Hier lebte der Kaiser mit seiner Familie und dem Hofstaat. Höhepunkt und nun nach fast einem Jahrhundert erstmals renoviert ist der Qianlong-Garten mit dem 1776 erbauten "Palast des Ruhevollen Alters".

Chinas Herrscher schied eigentlich erst mit dem Tod aus dem Dienst, der Qianlong-Kaiser hatte jedoch nach 60 Jahren genug vom Regieren, verzichtete zugunsten seines Sohnes und baute sich für seine letzte Lebensspanne eine Ministadt in der großen Verbotenen Stadt. Im Qianlong-Garten hat man die in Peking selten gewordene Gelegenheit, in Ruhe herumzuwandern. Nur wenige Besucher der Anlage verschlägt es hierher.

Dem königlichen Rentner ging es um maximale Harmonie. Die kleinen Innenhöfe sind nach den Regeln des Feng Shui gestaltet mit Lavasteinen, Wasser, gestutzten immergrünen Bäumen und einem verschachtelten Ensemble aus Veranden und Korridoren. Für die Inneneinrichtung wurde chinesisches und europäisches Kunsthandwerk zusammengetragen: zierliche Bambusintarsien, Jadeschnitzereien, Ölmalereien. "Es gibt nur wenig vergleichbar Erhaltenes aus der Qing-Dynastie", schwärmt Michael Guan.

Ebenfalls im Nordteil sind der Kaiserliche Garten und ein paar Souvenir- und Buchgeschäfte untergebracht. Durch das Tor des Göttlichen Kriegers verlässt man schließlich die Verbotene Stadt und ist zurück in der Hektik des modernen Peking.

Frank Rumpf, dpa
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