Segelmanöver auf der »Libertalia«: Transatlantik-Tour mit zwei Mitsegelgelegenheiten
Segelmanöver auf der »Libertalia«: Transatlantik-Tour mit zwei Mitsegelgelegenheiten
Foto: Bruderleichtfuss.com

Per Anhalter über den Atlantik »Auf so einem Törn kann man ja nicht einfach aussteigen«

Kein Boot, fast keine Segelerfahrung und kaum Geld: Wie man trotzdem den Atlantik auf einer Jacht überqueren kann, hat Timo Peters ausprobiert – er trampte 3300 Seemeilen übers Meer.
Ein Interview von Bettina Hensel

SPIEGEL: Herr Peters, Sie sind lange vor der Coronakrise rund 3300 Seemeilen von Gibraltar bis nach Brasilien gesegelt – per Anhalter auf zwei Jachten. Wäre der Sommer ein guter Zeitpunkt für diese Strecke?

Peters: Nein, mich hat gerade eine Frau angeschrieben, die im Juli nach Südamerika segeln möchte. Das wäre keine gute Idee. Auf dem Atlantik ist zu dieser Zeit Hurrikansaison. Die beste Zeit für eine Atlantiküberquerung Richtung Karibik oder Südamerika ist von Oktober bis März. Dann weht der Passatwind oft konstant, und die Sonne scheint. Das nennt man auch Barfußsegeln. Aber auch mit der Planung so einer Reise im Herbst wäre ich jetzt vorsichtig: Ich habe von Seglern gehört, die derzeit auf ihren Booten im Pazifik festsitzen. Grund dafür sind steigende Covid-19-Fallzahlen und dementsprechende Einschränkungen.

SPIEGEL: Wie kamen Sie auf die Idee, per Anhalter auf Segeljachten zu reisen?

Peters: Ich bin begeisterter Tramper. Auf einer Tour durch Südportugal hatte ich einen Aushang: »Gibraltar: Crew wanted« entdeckt. Ab da ließ mich der Gedanke nicht mehr los. Wie groß ist eigentlich so ein Ozean? Wie fühlt es sich an, wenn man so lange Zeit kein Land sieht? Auf einem anderen Kontinent ankommt? Durch Langstreckenflüge verliert man ja völlig das Gefühl für Entfernungen. Man steigt in Hamburg bei Nieselregen ein und wird in Lima bei 35 Grad ausgespuckt.

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Per Anhalter über den Atlantik: Timo Peters unterwegs auf Segelbooten

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SPIEGEL: Und? Haben Sie Antworten auf Ihre Fragen bekommen?

Peters: Ja. Es ist abenteuerlich, irgendwo auf einem blauen Fleck auf der Landkarte zu sein, auf dem vielleicht noch nie jemand vor dir war. Am schönsten fand ich die Zeit kurz vor Tagesanbruch auf Deck. In der Dämmerung surften Delfinschulen auf den Bugwellen, ich habe fliegende Fische und Raubvögel gesehen.

SPIEGEL: Das klingt sehr idyllisch. Wurde es auch mal ungemütlich?

Peters: Klar. Von Seekrankheit, großen Schäden am Schiff, extremer Hitze und Flaute auf dem Äquator bis zu hohem Wellengang war alles dabei. Ich musste mich ab und an in meiner Koje mit Gurten festschnallen, um schlafen zu können. Gut festhalten sollte man sich auch beim Zwiebelschneiden in der Kombüse. Der nächste Arzt ist ja oft Hunderte Seemeilen entfernt.

SPIEGEL: Das Anheuern auf Schiffen ist ein alter Brauch. Wer gegen freies Logis mitsegeln will, muss dafür an Bord arbeiten. Heute nennt sich das »Hand gegen Koje«. Sollte man dafür auch segeln können?

Peters: Ein bisschen Erfahrung hilft, ist aber keine Voraussetzung fürs Trampen zur See. Ich war zuvor nur auf zwei Wochenendtörns im Mittelmeer und hatte einen Online-Grundkurs im Segeln gemacht. Meine Hauptaufgabe auf den Törns war es, Wache zu schieben an Deck. Auch mitten in der Nacht von 1 bis 4 Uhr. Die Schicht war nicht besonders beliebt; wir nannten sie »Arschkartenschicht«.

SPIEGEL: Was macht man dabei genau?

Peters: Den Horizont beobachten und aufpassen, dass man nicht mit Treibgut oder anderen Schiffen kollidiert. Achten muss man etwa auf marokkanische Fischerboote, die nachts häufiger mal unbeleuchtet im Zickzack-Kurs vor der Küste auf Fang gehen. Oder auf verloren gegangene Container, die herrenlos auf den Weltmeeren herumtreiben. Darüber erzählt man sich unter Seglern Horrorgeschichten. Sie schwimmen wie Eisberge nur knapp über der Oberfläche, weil sie mit Luft gefüllt sind. Oder umhertreibende Baumstämme. Ein Kapitän sagte einmal zu mir: Die sieht man erst, wenn sie direkt neben dir in der Koje stecken.

»Ein bisschen Glück gehört natürlich dazu, es ist ja kein Pauschalurlaub.«

SPIEGEL: Geht es wirklich zum Nulltarif über den großen Teich? Genau wie beim Trampen auf Asphalt?

Peters: In der Regel teilt man sich als Crew auf einem Boot die Kosten für Hafengebühren, Diesel und Proviant. Das ist nicht viel. Die Verpflegung kostet dich ca. 50 Euro wöchentlich.

SPIEGEL: Wie kommt man am besten an so eine Mitsegelgelegenheit? Einfach Daumen raus am Hafen?

Peters: Unterschiedlich. Eine Französin lief Flöte spielend am Kai entlang, um Skipper auf sich aufmerksam zu machen. Ich habe in Gibraltar oder am Hafen von Las Palmas auf Gran Canaria das Gespräch mit möglichst vielen Seglern gesucht und ihnen von meinem Vorhaben erzählt. Dort starten viele ihre Atlantiküberquerung. Mitsegelangebote findet man auch auf schwarzen Brettern in Hafenbüros oder auf Online-Crew-Börsen.

SPIEGEL: Sie sind ja schon 2013 aufgebrochen – inzwischen ist das Mitsegeln ein Trend geworden, Dutzende warten inzwischen in Häfen wie Las Palmas auf Gelegenheiten. Wie sind heute die Chancen?

Peters: Ein bisschen Glück gehört natürlich dazu, es ist ja kein Pauschalurlaub. Aber da einige Hundert Jachten jedes Jahr auf der Route unterwegs sind, sind die Chancen auf eine Koje eigentlich gut. Von einem neuen Run auf Mitsegelgelegenheiten würde ich nicht sprechen; schon bei meiner Reise waren die schwarzen Bretter voll mit Kojengesuchen. Kürzlich sprach ich mit einem Kapitän, der sogar darüber klagte, dass er für seine Törns zwar immer schnell Zusagen bekommt, ihm aber kurz vor dem Ablegen immer öfter Leute abspringen. Er überlegt deshalb, sich Flugbestätigungen zeigen zu lassen oder nur noch Mitsegler mitzunehmen, die er spontan vor Ort in den Häfen trifft.

SPIEGEL: Ist es dann vielleicht besser, spontan vor Ort ein Schiff zu suchen, statt sich schon jetzt online um eine Koje für den Herbst zu kümmern?

Peters: Es ist sicher gut, zweigleisig zu fahren. Wer nur darauf baut, eine Koje vorab online zu organisieren, kann später auf die Nase fallen. Viele Kapitäne wissen noch gar nicht, ob sie es wirklich im Winter zur See schaffen. Oft verändert sich auch noch kurzfristig die Crew. Dann hat man vor Ort die besten Chancen, für jemanden einzuspringen.

SPIEGEL: Wo haben Sie Ihre erste Mitsegelgelegenheit gefunden?

Peters: Im Onlineforum des Veranstalters »World Cruising Club« . Randy, ein früherer amerikanischer Bauunternehmer, suchte dort nach einem Mitsegler von Gibraltar auf die Kanaren. Mit 50.000 Seemeilen im Logbuch war er sehr erfahren. In Seglersprache ein echter »Salzbuckel«. Bei ihm fühlte ich mich in guten Händen.

SPIEGEL: Gab es so eine Art Bewerbungsgespräch vorab?

Peters: Ja, Randy hat mir sein Schiff gezeigt, mir die Route vorgestellt, und wir haben uns länger an Bord unterhalten. Man sollte vorher sichergehen, dass man auf einer Welle liegt. Bei so einem Törn kann man ja nicht einfach kurz rechts ranfahren, wenn die Chemie nicht stimmt, geschweige denn umdrehen und gegen den Wind segeln.

SPIEGEL: Das Risiko ist bei Mitfahrgelegenheiten auf einem Segelboot höher als im Auto. Worauf müssen Mitsegler und Mitseglerinnen achten?

Peters: Auf dem Törn von den Kanaren auf die Kapverden hatten wir eine 23-jährige Norwegerin an Bord – die einzige Frau in unserer Vierercrew. Sie hat zur Sicherheit vor der Reise ehemalige Mitseglerinnen des Kapitäns kontaktiert und sich nach ihren Erfahrungen erkundigt. Viele Schiffe haben ja Blogs und Social-Media-Auftritte, in denen man ohne große Mühe ehemalige Crewmitglieder finden kann. Ich fand es hilfreich, dass man vor dem »Einsteigen« die Gelegenheit hat, den »Fahrer« kennenzulernen. Das hat man beim Trampen über Straßen ja in der Regel nicht.

»Libertalia«-Crew im Karneval von Recife: »Es war verrückt!«

»Libertalia«-Crew im Karneval von Recife: »Es war verrückt!«

Foto: Bruderleichtfuss.com

SPIEGEL: Stand für Sie schon vor Ihrem Aufbruch fest, dass es nach Brasilien geht?

Peters: Mein Ziel war einfach nur: über den Ozean. Ich hatte damit gerechnet, dass es die Karibik wird, weil die meisten Schiffe in diese Richtung fahren. Doch der Kapitän auf meinem zweiten Törn wollte nach Brasilien; und zwar rechtzeitig zum Karneval im Februar.

SPIEGEL: Wie sahen die Schiffe aus, auf denen Sie mitgesegelt sind?

Peters: Meine erste Koje habe ich auf der »Mystique« bezogen, einer sportlichen 20-Meter-Jacht, vollgestopft mit Seefahrttechnik. Wir sind damit sehr schnell übers Wasser geglitten. Manchmal mit bis zu 15 Knoten, das sind circa 27 km/h. Für die fast dreiwöchige Fahrt von Lanzarote nach Brasilien habe ich dann auf der »Libertalia« angeheuert, die Passat-Kombi-Version des ersten Schiffs. Ein circa dreimal so schweres Boot aus Stahl. Kapitän Phil, ein Deutscher Mitte dreißig, hat darauf dauerhaft an Bord gelebt.

SPIEGEL: Bisher war immer nur die Rede von Skippern, gibt's denn gar keine Frauen auf See?

Peters: Das Milieu ist zwar immer noch männlich dominiert, allerdings ist eine Skipperin keine Sensation. Mittlerweile gibt es auch relativ viele Familien, die mit ihren noch nicht schulpflichtigen Kindern die Welt umsegeln. Junge Paare, die für ihren Job nicht ins Büro müssen, trifft man ebenfalls oft. Dass Familien oder Paare Mitsegler an Bord nehmen, ist aber die Ausnahme.

SPIEGEL: Nach so viel Einsamkeit auf dem Ozean haben Sie am 7. Februar 2014 die brasilianische Hafenmetropole Recife erreicht. Und das auch noch zum Karneval. War das ein Zivilisationsschock?

Peters: Es war verrückt! Wir waren extrem euphorisch, dass wir die Atlantiküberquerung geschafft hatten. Und plötzlich steht man inmitten eines riesigen Volksfests in Recife und hat das Gefühl, die ganze Welt feiert mit dir mit.

SPIEGEL: Sie sind viel auf dem Asphalt getrampt und jetzt auch noch über den Atlantik. Was kommt als Nächstes?

Peters: Ein großer Traum ist es, mit meiner Familie und einem eigenen Schiff auf Weltumsegelung zu gehen. Dafür bleibt mir allerdings noch genug Zeit, meine Tochter ist erst vor Kurzem auf die Welt gekommen.