Uigurische Stadt Turpan in China Lächeln ist unsere Sprache

Die einen wollen Profit, die anderen ihre Kultur bewahren: In der Xinjiang-Provinz ist das Klima zwischen Uiguren und Han-Chinesen angespannt. Nun kommen immer mehr Touristen - wer sie herumführt, muss diplomatisch sein.
Huthändler mit Dopa-Kappe: Zeitweise fühlt man sich hier, als sei man nicht in China, sondern in einem orientalischen Land

Huthändler mit Dopa-Kappe: Zeitweise fühlt man sich hier, als sei man nicht in China, sondern in einem orientalischen Land

Foto: Stephan Orth

Die Straßenschilder sind nun auf Chinesisch und Uigurisch betextet, und kurz hinter dem Ortseingang kontrolliert an einem Checkpoint ein schwer bewaffneter Polizist mit "SWAT Chinese"-Uniform den Pass. Durch eine staubige Wüstenlandschaft mit ein paar Ölförderkränen fährt der schwarze VW Santana auf nagelneuem Asphalt aus Turpan heraus, einer 600.000-Einwohner-Stadt in der Xinjiang-Provinz.

"Sie nennen unsere Stadt Tulu-fan", sagt Fahrer Erkin (Name geändert), bei der letzten Silbe geht er übertrieben mit der Stimme hoch, um die Albernheit des chinesischen Namens zu unterstreichen. "Tulu-fan. Klingt das nicht fürchterlich?" Der 38-jährige Uigure ist hier geboren, er mag die Han-Chinesen nicht besonders. "Es kommen einfach zu viele. Sie asphaltieren Straßen und wollen Öl fördern. Und neuerdings sind es auch immer mehr Touristen", sagt der Familienvater, ein ruhiger Mann mit brauner Haut und kurzem schwarzen Haar. Für ihn ist das Fluch und Segen zugleich, denn die Han-Chinesen sind seine wichtigste Einnahmequelle. Seit 16 Jahren arbeitet Erkin als Touristenführer in Turpan.

"Vor vier bis fünf Jahren hatte ich noch viele japanische Kunden, ich spreche sogar Japanisch. Aber jetzt kommen die nicht mehr, wegen des Inselstreits mit China", sagt er. "Die haben sich wenigstens für die alten Dörfer und archäologischen Stätten interessiert. Die Chinesen dagegen wollen vor allem gut essen und gut schlafen."

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Fotostrecke: Turpan und Tuyok

Foto: Stephan Orth

Im Oasenort Tuyok bringt er den Wagen zum Stehen. 30 Yuan (gut vier Euro) kostet der Eintritt für ein traditionelles Uiguren-Dorf, in China steht überall ein Ticketschalter, wo es was zu sehen gibt. "Manner and civilization is the golden key of coexistence", ("Anstand und Kultur sind der goldene Schlüssel für die Koexistenz") steht auf einem Schild und "Smiling is our language, civilization is our belief" ("Lächeln ist unsere Sprache, Zivilisation unser Glaube") auf einem anderen. Man fragt sich, welche der beiden verfeindeten Gruppen eigentlich gemeint ist, die Han-Chinesen oder die Uiguren.

Tuyok ist berühmt für seine Trauben, seine traditionellen Lehmhäuser und für das Grab des ersten muslimischen Uiguren. An Letzterem murmelt ein unwirscher Mann mit Dopa-Mütze was von "piao" ("Ticket"), anscheinend hätte man die Heiligtum-Eintrittskarte extra lösen müssen. Die Dorfkinder sind geschäftstüchtige Raufbolde, sie wollen Geld dafür, fotografiert zu werden, und ohne Foto wollen sie trotzdem Geld. Freundlicher geht es an einem Rosinenstand zu. Die Verkäuferin lächelt viel und sagt, sie möge Deutschland sehr, wegen Mercedes und Adidas.

Erkin fährt zurück Richtung Turpan, vorbei an den Flaming Mountains, die für ihre leuchtenden Farben berühmt sind, aber beim heutigen bewölkten Himmel kein Feuer haben. Ein paar Touristen aus Guangzhou machen trotzdem Erinnerungsfotos auf Kamelen. Am Ortseingang von Turpan geht es vorbei an Neubausiedlungen mit fast identischen dreistöckigen Mehrfamilienhäusern. Keins der Häuser scheint älter als fünf Jahre zu sein. "Immer mehr Han-Chinesen kommen auch, weil hier mehr Platz ist. Sie müssen nicht so beengt in Hochhäusern wohnen wie in Shanghai oder Peking", sagt Erkin. Die Zuwanderung vergrößert die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen in der Xinjiang-Provinz.

Erkin hält an seinem Lieblingsrestaurant in der Munaer Straße. Köstliche Lachman-Suppe mit Nudeln und Lammfleisch. Und Wusu-Bier, die beste Marke Chinas. Der orientalisch anmutende Basar ein paar Hundert Meter weiter ist bestens geeignet für ein Suchspiel, bei dem man was über den improvisatorischen Umgang chinesischer Textilfirmen mit dem Urheberrecht lernen kann: Wer die meisten Schreibweisen und Variationen des Markennamens Adidas entdeckt, hat gewonnen.

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Foto: Stephan Orth

Turpan ist eine quirlige Stadt, wo Motorräder und Trikes knattern und Trommlergruppen in Parks musizieren. Wo abseits der modernen Shops noch Metzger halbe Schafe vor ihre Läden hängen und die Männer Dopa-Kappen und spektakuläre Bärte tragen. Obwohl hier 600.000 Menschen leben, fühlt man sich in den Nebenstraßen wie in einem Dorf, viele der Lehmhäuser haben knallbunte Türen mit knallbunten Kitschzeichnungen darüber, auf denen Wasser eine wesentliche Rolle spielt. Wasser ist hier ein großes Thema, Turpan ist mit 154 Metern unter Meereshöhe nicht nur die tiefstgelegene Stadt Chinas, sondern auch die wärmste.

Und eine, die sich stark verändert: Direkt neben dem alten Basar wird schon das Modell eines Shoppingcenter-Bauprojekts gezeigt. Es hat an einer Seite einen Turm mit Rundkuppel, was typisch für die hiesige Architektur ist. Das ist allerdings auch das einzige Detail an dem hochmodernen sandfarbenen Protzbau, das typisch Turpan ist.

Per Zug durch China
Foto: Stephan Orth

5500 Kilometer, eine Zeitzone: Stephan Orth reist per Zug quer durch China, von Ost nach West. Die achtteilige Serie führt von Shanghai bis in die entlegene Seidenstraßenstadt Kashgar ¿ und durch ein Land voller Widersprüche und Extreme.