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Chachani in Peru: Der angeblich leichteste Sechstausender der Welt

Foto: Claus Hecking

Nevado Chachani in Peru Mal eben auf 6000 Meter

Der Chachani in Peru gilt als einer der einfachsten Sechstausender der Welt. Tourenanbieter führen Wanderer ohne große bergsteigerische Kenntnisse in einer Nacht hinauf. Claus Hecking hat es probiert.

Der Kopf, der gottverdammte Schädel. Er schmerzt, er drückt, er klopft und pocht. Im Takt meines Herzschlags, 120 mal pro Minute. Tok-Tok, Tok-Tok, Tok-Tok. Ein Anflug von Schwindel kommt, es fühlt sich an, als wäre ich leicht beschwipst. Aber es ist die Höhe. 5600 Meter über Normalnull.

Viertel nach vier morgens, eine sternklare, bitterkalte Nacht. Wir stehen auf einem nicht enden wollenden Abhang des Nevado Chachani, im Nirgendwo Perus. Mitten in einer Bergwüste. Unter und über uns nichts als Geröll und Felsen. Keine Vegetation, kein Wasser, keine Spur von Leben. Windböen fegen den Hang herab. Und der Gipfel des 6075 Meter hohen Vulkans ist immer noch nicht in Sicht.

Mir geht es gut, verglichen mit den anderen beiden Gringos. Walentina, die Juristin aus Polen, lehnt sich mit den Armen voran gegen einen Felsen. Ihr Atem rast. Sie kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Ihre Füße und Hände seien fast taub von der Kälte, sagt sie. Mario, der Banker aus London mit der Magenverstimmung, hat sich hinter den nächsten Felsen verdrückt. Man riecht es bis hier. José, unser Bergführer, reibt sich die Hände, damit sie nicht einfrieren.

Warum tun wir uns das bloß an?

Der Nevado Chachani sieht so verlockend aus, von Arequipa aus. Hoch über der Millionenstadt im Süden Perus thront der Stratovulkan, neben ihm der Misti und der Picchu Picchu, zwei mächtige, wohlgeformte Fünftausender. Der Chachani überragt alles. Für mich ist er ein logisches Ziel: 5400, 5500, 5600 und 5900 Meter hoch waren die Berge, die ich bestiegen habe. Jetzt, endlich, soll es ein Sechstausender werden. Und der Chachani gilt als vielleicht leichtester Sechstausender der Welt.

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Chachani in Peru: Der angeblich leichteste Sechstausender der Welt

Foto: Claus Hecking

Einfach hochwandern

2008 ist der letzte Rest seines Eispanzers aufgrund des Klimawandels abgeschmolzen. Entlang der Nordroute liegt oft nicht einmal mehr Schnee. Bergsteiger brauchen auf dem Normalweg keine Gletschererfahrung, keine Steigeisen, keinen Eispickel. Sie müssen nicht klettern, es gibt keine einzige ausgesetzte Stelle. Man kann einfach hochwandern.

Und doch sind schon viele am Chachani gescheitert. Wegen der Kälte: minus 10 Grad hat es oft, mit Windchill-Effekt kann es sich anfühlen wie minus 20 oder minus 25. Und wegen der Höhe: Der Luftdruck ist auf 6000 Metern weniger als halb so hoch wie auf Meeresniveau. Ein Atemzug bringt dem Menschen hier oben also nicht einmal halb so viel Sauerstoff ein.

Umso wichtiger ist, dass der Körper langsam angepasst wird an die Höhe. Die Akklimatisierung kann Wochen dauern - und es ist von Mensch zu Mensch völlig verschieden, wie gut und schnell das geht. Mit Fitness habe das wenig zu tun, heißt es. Wer zu schnell aufsteigt, dem drohen verschiedene Formen der Höhenkrankheit: schlimmstenfalls Lungen- oder gar Hirnödeme. Daran sterben Jahr für Jahr immer wieder Bergsteiger - auch in niedrigeren Höhen als dieser.

Wissenswertes zur Höhenkrankheit

Von alldem erzählt der Verkäufer des Tourveranstalters in Arequipa nichts. "Zwei Tage, eine Übernachtung. Verpflegung und Ausrüstung inklusive", wirbt er. "Nur 300 Soles." Rund 80 Euro. Und, natürlich, der Bergführer habe eine Lizenz.

José Arias, klein und durchtrainiert, wettergegerbtes Gesicht und angegrautes Haar, hat wirklich eine Lizenz. Er ist Chachani-Profi. "Mehr als 1000 Mal bin ich schon aufgestiegen", sagt der 59-Jährige, als er sich vorstellt. Wir steigen in einen betagten Geländewagen, die Straße windet sich hoch, wird zur Schotterpiste.

In nicht einmal zwei Stunden fahren wir von 2300 bis auf über 5000 Meter Seehöhe, Akklimatisierung geht anders. Zum Glück, so stellt sich heraus, sind wir alle einigermaßen höhenangepasst. Wir haben in den letzten Tagen oberhalb von 4000 Metern genächtigt und 4600 oder 4800 Meter hohe Berge bestiegen.

An einem Kraterrand endet die Fahrt. Aussteigen, auf zum Basislager, vorbei an Vulkankegel und Schutthaufen, hinweg über Reste eines Erdrutsches. Die Luft ist so dünn, dass wir auf der ersten leichten Bergauf-Passage nach Atem schnappen. "Trinken, trinken, trinken", mahnt José. Trinken und pinkeln, trinken und pinkeln, das ist wichtig für die Anpassung.

Der Kopf pocht, Zehen und Finger fühlen sich an wie Eisklumpen

Nach anderthalb Stunden erreichen wir eine windgeschützte Stelle auf 5200 Metern, bauen die Zelte auf. Uralt ist das von Marco und mir, der äußere Reißverschluss klemmt. Und im Schlafsack, dem Etikett nach mutmaßlich aus den Siebzigern, klafft ein dickes Loch.

Als die Sonne untergeht, scheint der Nachbarvulkan zu glühen. Feuerrot reflektiert er das Abendlicht. Dann wird es dunkel und eisig.

Wir legen uns in die Zelte, versuchen zu schlafen. Marco rülpst in einer Tour und hält sich den Magen, er hat Schmerzen. Windböen fegen durch das Zelt. Die abgescheuerte Rollmatratze ist so dünn, dass man jeden Stein spürt. Ab und an nicke ich ein paar Minuten ein, träume wirr, schrecke wieder hoch. Der Kopf pocht: die Höhe.

Nachts um halb zwei, endlich, holt uns José aus den Zelten. "Zieht eure dicksten Sachen an, da oben wird es richtig kalt", sagt er. Eine Tasse Tee, zwei Stück Brot mit Karamell-Paste aus der Tube, Stirnlampen an, dann marschieren wir los. Der Anstieg beginnt, eine Zick-Zack-Route windet sich über den unteren Nordhang des Chachani hoch. Und José bremst ab. "Wir müssen ganz langsam sein", sagt er, "sonst schaffen wir es nicht".

Im Zeitlupentempo versuchen wir nun den Chachani zu erklimmen, Schritt für Schritt, Kehre für Kehre, trinken und pinkeln. Nur hat die Schnecken-Methode einen Nachteil: man wird nicht warm. Der Wind pfeift, bald fühlen sich Zehen und Finger an wie Eisklumpen.

Langsam rauf, langsam runter - eigentlich

Höhenprobleme kriegen wir trotzdem, vor allem in Stunde drei, bei 5600 Metern. Es ist ein kritischer Punkt für fast alle Höhenbergsteiger, ab etwa 5500 Metern kann sich der Körper nicht mehr vollständig an die Höhe anpassen. Der körperliche und geistige Abbau setzt ein. Aber wir trotten weiter. Trinken und pinkeln.

5750 Meter, Walentina torkelt. Sie hat Schüttelfrost, ihre klammen Finger können die Wanderstöcke nicht mehr halten. Bleich ist das Gesicht, Tränen rinnen über die Wangen. Sie muss aufgeben, abwärts, wo die Luft sauerstoffreicher ist. Zum Glück wird es langsam hell, der Rückweg zeichnet sich im Morgenrot gut ab. Mario und ich haben unsere Tiefs überwunden, hinter José steigen wir weiter hoch.

Dann, endlich, geht die Sonne auf. Die Vulkane um uns herum leuchten und schimmern wieder, einer in der Ferne speit dicke Rauchwolken aus. Es wird wärmer.

Noch ein Steilstück und eine Traverse. Der letzte Schotterhang, dann erreichen wir um 6.34 Uhr das Kreuz, 6075 Meter über Normalnull. Gipfel, Adrenalinschub. Drei wildfremde, dick eingepackte Männer fallen einander in die Arme.

Die Aussicht ist überwältigend. Um uns herum die Vulkankegel, unter uns die Lichter von Arequipa. Neben uns glitzern im Sonnenlicht Hunderte Penitentes, von Sonne und Wind geformte kleine Büßereis-Pyramiden. Wir bewundern die Szenerie, schießen Erinnerungsfotos, knabbern steinhartgefrorene Schokoriegel.

Plötzlich fegen wieder Windböen über die Kuppe des Chachani, es wird ungemütlich. Eine knappe Viertelstunde waren wir oben, jetzt steigen wir ab. Nein, wir rutschen, José voran: über einen Steilhang, der tiefe Sand bremst uns ab. Diagonal sausen wir drei hin und her, links-rechts-links-rechts, wie beim Skifahren im Neuschnee. Nach 35 Minuten haben wir den halben Weg zum Lager hinter uns. Wir verlieren viel zu schnell viel zu viel Höhe.

Und da sind sie wieder, die Kopfschmerzen.

Im Video: Entlang der Anden-Abgründe von Peru

BBC