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Azoren: Kneipenmythos auf Faial

Foto: Andreas Drouve

Legendärer Seglertreff im Atlantik Die Kneipe am Rande der Welt

Waljäger, Hobbysegler, Chansonnier Jacques Brel: Sie alle fanden in der Seemannskneipe Peter eine warme Stube fern der Heimat. Die Kulttaverne auf der Azoren-Insel Faial ist Infobörse, unerschöpflicher Quell für harte Drinks - und ein Hafen im Hafen.
Von Andreas Drouve

"Zu Peter zu gehen, das ist wie nach Hause zu kommen - nur mitten im Atlantik", schwärmt Skipper Antonio Doria. Mit seiner Charteryacht "Tam-Tam" geht der rauschebärtige Spanier alljährlich zwischen Europa und der Karibik auf Tour. Pflichtstopp unterwegs ist der Hafen von Horta auf der Azoren-Insel Faial. Samt Besuch im "Peter" versteht sich. "Ich bin bestimmt zehnmal dort gewesen", sagt Antonio und folgt einer Seglertradition, indem er auf den Kaimauern ein kleines Kunstwerk hinterlässt.

Wale, Steuerräder, Tintenfische schmücken den Beton, ergänzt durch Namen und Jahreszahlen. "Wenn du hier ankommst und nichts auf die Mole malst, hast du bei der Weiterfahrt kein Glück mit dem Wetter", ist sich Antonio sicher. Wer nach Tagen und Wochen unter Segeln glücklich eintrifft, greift - abergläubisch oder nicht - zum Farbtopf und setzt Pinselstriche auf den Beton. Einmal hat Antonio seine "Tam-Tam" vor einer Riesenwelle gemalt. "Als wir aus der Karibik kamen, hatten wir wahnsinnigen Sturm." Umso größer war die Erleichterung im Hafen.

Das Peter ist halb Wirts-, halb Kaffeehaus. Ein wahrer Ankerpunkt für Segler aus aller Welt. Ein Kneipenmythos. Für viele die "beste Seglerbar der Welt". Ein Ort zum Ankommen. Ein Hafen im Hafen.

Alles im Peter Café Sport - so der volle Name des Lokals - wirkt schlicht und einfach: die Fassade, die zur Straße hin geöffneten Türen, das Interieur. Holztischchen und Gestühl verteilen sich über einen einzigen Großraum. Die Wände sind mit Fähnchen und Fotos überfrachtet, von der Decke baumeln Erinnerungswimpel. Manche sind leicht vergilbt, mit Heftzwecken festgeklemmt. Am Tresen haften Aufkleber und Zettel, einer auf Deutsch: "Wir waren hier, wo warst du?"

Oase mitten im Atlantik

Die Geschichte der Taverne beginnt, als der Händler Ernesto Azevedo im frühen 20. Jahrhundert einen Laden in Hafennähe eröffnet, ihn "Azorisches Haus" nennt und anfängt, nicht nur Kunsthandwerk zu verkaufen, sondern auch Drinks auszuschenken. Später verlegt er das Geschäft ins Nachbargebäude und tauft es in Café Sport um.

Seeleute aller Art rücken an: Matrosen, Marineoffiziere, Waljäger, englische Mitarbeiter der Kabelgesellschaften und die Besatzungen niederländischer Schlepper, die den Winter über bleiben und Schiffen in Notlagen Hilfe leisten. Im Kneipenumfeld knüpfen sie Kontakte, finden Gleichgesinnte, eine Infobörse, ein Refugium fern der Heimat und eine Quelle für harte Drinks.

Azevedos Sohn José, der während des Zweiten Weltkriegs vorübergehend auf einem in Horta stationierten Kriegsschiff der Briten arbeitet und dort den Spitznamen Peter bekommt, führt die Cafétradition fort und zementiert den Ruf der legendärsten Oase im Nordatlantik. In den sechziger Jahren trifft mit Freizeitseglern ein neuer Kundenstrom ein, der bis heute nicht abgeebbt ist.

Jacques Brel, der Seemann

Peter ist seit sieben Jahren tot, doch das Café als polyglotter Treff lebt, weitergeführt von seinem Sohn José Henrique. Unterstützt von fleißigem Personal, steht der 52-Jährige häufig selber hinter der Theke. Auf die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis des Cafés gibt er sich bescheiden: "Im Grunde überhaupt keins, als Familie haben wir immer nur versucht, gut mit den Seeleuten zusammenzuarbeiten."

Bei Peter wechselten sie Geld, brachten Wetterprognosen in Erfahrung, fanden handfeste Hilfe. "Mein Vater ging mit denen, die angekommen waren, selber einkaufen, weil er wusste, wo es was am günstigsten gab", erinnert sich José Henrique. Auch Probleme mit Segeln und Motoren, mit der Gesundheit der Besatzung wurden rasch gelöst. "War jemand auf dem Boot erkrankt und durfte im Hafen noch nicht an Land, ging mein Vater an Bord und schaute, wie es um ihn bestellt war. Den Gesundheitszustand teilte er dem Arzt mit. Jeder wusste, dass auf ihn Verlass war."

Berühmte Gäste? "Ja, eine ganze Menge, aber hier wurden alle ganz normal empfangen. Wenn ich mich zum Beispiel an den Sänger Jacques Brel erinnere, der war für uns nichts weiter als ein Seemann - und das wusste er zu schätzen", erzählt José Henrique.

Bei Peter sind Getränkeauswahl, Küche und Preise bodenständig geblieben. "Wenn ich aus der teuren Karibik komme, weiß ich das besonders zu schätzen", bekennt Skipper Antonio. "Außerdem sind immer viele Einheimische hier. Und egal zu welcher Zeit, du bekommst etwas Gutes, das dich wärmt."