Mit Baby auf den Philippinen Krabbel schneller, Kellnerin

Für ihre tollen Strände sind die Philippinen bekannt. Aber das Land hat auch grandiose Berge. Kann man als Backpacker mit Baby an die abgelegenen Orte reisen? Heike Klovert meint ja - und findet dort die besten Entertainer Südostasiens.

Marcel Klovert

Man hat uns vor den Philippinen gewarnt. Taschendiebe, Taifune, Extremisten. Und macht einen Bogen um Manila! Das sei ein Loch. Und nun sitzen wir in dem Loch auf roten Plastikhockern beim Frühstück. Es gibt süße Brötchen und Toast mit Ei.

Neben uns im Straßenlokal sitzen zwei Männer vor sieben Flaschen Bier. Drei sind leer, morgens um zehn. "Wir trinken seit acht", sagt der eine, der Eric heißt. Er trägt Baseballkappe und Synthetikshorts. Vielleicht sollten wir einen Bogen um ihn machen? Tom mag ihn. "I looove chiiildren", flötet Eric und füttert unser Kind mit Haferbrei.

Eric ist 28, sieht aus wie ein pummeliger Teenager und schiebt Nachtschichten in einer Bar. Er hätte selbst gern Kinder. Aber das sei nicht so einfach, raunt er mir zu und schiebt schmollend die Unterlippe vor. "I am bisexual, ma'am. And I am siiingle."

Wir sind als Familie seit 15 Elternzeitmonaten unterwegs, und die Philippinen sind das einzige Land in Südostasien, das wir noch nicht bereist haben. Unser Sohn Tom ist inzwischen fast zwei Jahre alt. Das Nomadenleben ist mühsamer geworden, seit er laufen kann und seinen Willen besser kennt. Es ist aber auch lustiger - und bessere Entertainer als Filipinos könnten wir uns nicht wünschen.

Gorilla-Spielchen im Nudellokal

Wir fahren von Manila gen Norden und stranden in Baguio. Eine hässliche Stadt, dicke Abgasschwaden wabern in den Straßen. Dass das hier mal ein Luftkurort für Hauptstädter war, merkt man kaum. Ich würde gern sofort weiter. Doch wir saßen schon fünf Stunden im Bus. Fünf Stunden sind die Grenze. Mehr wollen wir Tom und uns nicht antun. Deshalb bleiben wir, schlecht gelaunt, bis zum Abendessen. Bis wir Ruth treffen.

Ruth ist Mitte 20, trägt goldene Ohrringe und einen Pferdeschwanz und serviert im Lokal um die Ecke Nudeln. Als sie Tom sieht, winkelt sie die Arme an wie ein Gorilla, bläht den Brustkorb auf und röhrt heisere Tiergeräusche. Tom kichert. Ruth verkrümmt ihre Finger zu einer Monsterhand und jagt Tom durchs Restaurant. Tom lacht. Ruth sinkt auf den Boden und krabbelt ihm hinterher. Tom kreischt vor Freude.

Ein Pärchen tritt durch die Tür. Ruth steht schnell auf, räuspert sich, streicht über ihre Schürze und führt die Gäste zu einem freien Tisch. Danach macht sie gleich weiter Quatsch mit Tom. "Ich habe selbst einen zweijährigen Sohn", erzählt sie uns. "Mein Vater passt auf ihn auf, wenn ich arbeite."

Die meisten ausländischen Touristen besuchen die Philippinen wegen der Strände. Dabei sind die Berge ebenso fantastisch. Im zentralen Hochland von Luzon, im Bergdorf Sagada, finden wir die Natur, für die wir uns im Bus durch die Serpentinen gequält haben. Kein Motorenknattern dringt bis an die Flanken des Mount Ampacao. Kiefernnadeln federn unter unseren Schuhen. Vögel zwitschern, es duftet nach Harz, und irgendwo am Horizont verschmelzen blaue Berge mit dem Himmel.

Tom ist nicht dabei. Er hüpft Trampolin und fährt Dreirad. Zum ersten Mal auf unserer Reise haben wir eine Tagesstätte für Kinder entdeckt, zweiter Stock im kleinen Einkaufszentrum von Sagada. Eine Verkäuferin hat ihren Souvenirladen, der nicht lief, in ein Spielzimmer umfunktioniert. Ein Luxus, für uns alle drei. Wir bringen Tom viermal dorthin. Wenn wir ihn abholen, protestiert er jammernd.

Camping in Palaui

Ein paar Tage später kommen auch wir endlich an den Strand. Die kleine Insel Palaui liegt ganz im Norden der Philippinen. Hierhin finden nur sehr wenige Ausländer, Boracay oder Cebu sind viel bekannter. Dabei ist Palaui ein Juwel. Die Insel ist ein Schutzgebiet, es gibt keine Autos, Straßen, Restaurants, Hotels und nur sporadisch Strom. Türkisfarbene Fischerboote wiegen sich auf dem glasklaren Meer, die Fischer schlafen mittags im Schatten am Strand. Nachts fahren sie raus und jagen unter Wasser mit Harpunen und Lampen.

Meist fehlt an solch abgeschiedenen Orten die Infrastruktur, um Touristen zu versorgen. Doch die Bewohner von Palaui haben einen hübschen Garten angelegt, in dem Besucher in Zelten übernachten können. Bungalows sind noch im Bau. Frauen aus dem Dorf kochen Seetang mit Tomaten oder Oktopus in Ingwersoße für die Gäste. Viele Fischer haben sich zu Wanderführern oder Schnorchellehrern fortbilden lassen. Alle Einnahmen bleiben auf der Insel.

Wir engagieren Fidelio für einen Spaziergang zum alten Leuchtturm am Cape Engaño. Fidelio, 63 und ehemaliger Fischer, lässt es sich nicht nehmen, Tom quer über die Insel zu schleppen. Er lädt sich den Tragerucksack auf die Schultern und marschiert los, unterhält sich unterwegs gurrend und murmelnd mit Tom, wir stolpern japsend hinterher. Die Wanderung sollte drei Stunden dauern. In 90 Minuten sind wir da.

Fidelios Vater gehörte einst zur Küstenwache und war am Leuchtturm stationiert. Jede zweite Woche wohnte er in den Gemäuern, die die Spanier im 19. Jahrhundert errichtet hatten, hoch über den schroffen Felsen und der Bucht mit dem weißen Pulversand. Fidelio kam oft aus dem Dorf her, um Verstecken zu spielen. In den Achtzigerjahren zerstörte ein Taifun den Leuchtturm.

"Ich war noch nie in Manila", sagt Fidelio. Er will auch nicht hin. Zu laut, zu voll. Die Abendsonne färbt das Gras am Kap goldgrün. Ein Wasserbüffel suhlt sich im Bach zu Füßen des Leuchtturms. Fidelio sagt: "Ich mag Palaui, hier will ich sterben." Aber noch ist es nicht soweit. Der hagere Mann hat schon die Kraxe mit Tom geschultert und läuft los. 90 Minuten. Er schafft es wieder. Wir auch. Gerade so.

Zu den Autoren
  • Marcel Klovert
    Indien, Guatemala, Indonesien: Heike und Marcel Klovert waren zunächst mehrere Monate mit dem Rucksack unterwegs, dann verbrachten sie ihre Elternzeit in Asien. Kurz nach Weihnachten 2013 waren sie mit ihrem kleinen Sohn Tom nach Thailand aufgebrochen, 20 Monate reisten sie. Ihre Abenteuer unterwegs lesen Sie in Toms Blog.
  • Travelling Tom



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99luftballons 30.06.2015
1.
"Die Wanderung sollte drei Stunden dauern. In 90 Minuten sind wir da." Mit dem Rueckweg kommt das dann auch hin. Oder? Und der suesse Kleine wird sich spaeter so toll an alles erinnern, wenn Mama ihm stolz die Bilder zeigt. Nicht?
Delden 30.06.2015
2. Mhhhh
Ich finde es schon eine sinnvolle Nutzung der Elternzeit. Endlich mal jemand der was aus seinem Leben macht. Respekt vor dem Mut und dem Enthusiasmus. Aber welche normale Mensch kann sich so etwas überhaupt leisten? Nun gut, wenn man als Fotograf und Spiegel Mitarbeiterin noch den einen oder anderen Artikel hier verkauft bekommt... Scheinen ja nicht schlecht zu verdienen.
fatherted98 30.06.2015
3. Können...
...kann man alles....nur wenn was schiefgeht wirds ärgerlich bis schlimm...das Kind braucht nur einmal aus der falschen Tasse einen Schluck Wasser nehmen...und schon ist die schwerste Durchfallerkrankung da, die auch einen gesunden Erwachsenen umwirft...bei einem Kleinkind durchaus tödlich enden kann...da helfen die netten Einheimischend dann auch nicht mehr...die kennen das nämlich...die Friedhöfe auf den Philies sind voll von Kleinkindern die solche Infektionen nicht überlebt haben. Naja...die Backpacker sind ja alle gut versichert und im Krankheitsfall wird man vor Ort nicht in einem öffentlichen Krankenhaus behandelt sondern privat...was die Chancen durchaus erhöht...allerdings auch manchmal zu spät kommt.
Forist2 30.06.2015
4. Philippinen sind durchaus gefährlich !
Ich bin seit über 20 Jahren mit einer Filipina verheiratet. Da wir fast jährlich ihre Familie besuchen und ich auch mal in den 90er hier gelebt habe, habe ich diesbezüglich schon einiges erlebt. Zur falschen Zeit am falschen Ort und schon kann es passiert sein. Letzten Freitag hatte ich hier im Krankenhaus einen Termin, Minicheck Up. Da wurde der hiesige Bürgermeister eingeliefert, von 9 Kugeln durchsiebt. Sie konnten in der Notaufnahme nur noch den Tod feststellen. Schau mal in eine Philippinische Zeitung, 24 Stunden nur Mord und Totschlag, insbesondere in Manila. Viele Grüße aus Mindanao, Philippinen.
andreu66 30.06.2015
5. Der Fluch des Erziehungsgeldes
ist, dass immer mehr Eltern es für eine Weltreise mit Kleinstkind benutzen. Gibt es Statistiken, wie viele Babys das schon mit ihrem Leben bezahlt haben oder mit unheilbaren Tropenkrankheiten zurückkehren?
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