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Pilgern in der Türkei: Per Pedes und Heißluftballon

Foto: Gerhard Merk

Pilgerreise in der Türkei Zuflucht im Feenkamin

Ob in Tarsus, Antakya oder Kappadokien - in der Türkei wandern christliche Pilger auf den Spuren des Apostels Paulus. Das islamische Land stellt sich zunehmend auf die Touristen aus dem Westen ein. Sogar die Basilika des Apostels wurde instandgesetzt.

Auch ein mausgraues Gewand wäre noch zu auffällig. Deshalb trägt Schwester Cornelia statt des Schleiers Zivil. Das kleine Kreuz an ihrer Kette steckt sie auf der Straße lieber in die Bluse. "Nur nicht provozieren", sagt sie. Die 64-jährige Italienerin lebt in Tarsus im Südosten der Türkei. Eine katholische Ordensfrau in der islamischen Diaspora. Aber dort wurde der Apostel Paulus geboren. Zehn Jahre nach seinem Christus.

Man kann ihn sich vorstellen, wie er über die Hafenstraße ging. Eine kleine Gestalt auf dem Weg zur Toraschule und in die Zeltmacherlehre. Die schwarzen Basaltplatten der alten Straße hat man beim Bau eines Parkplatzes in vier Metern Tiefe freigelegt. Gleich neben dem Paulusbrunnen, wo der erzfromme Jude lebte. Im antiken Tarsus in der Provinz Mersin kreuzten alle irgendwann die alte Seidenstraße: feurige Propheten, Mystiker, Asketen, Zoroastrier, Christen, zuletzt die Schüler Mohammeds.

Immer mehr Christen pilgern neuerdings auf Paulus Spuren - und bringen reichlich Lira unter das Volk. Auch ein Grund, warum die Stadt Tarsus nun wieder den großen Sohn mit dem falschen Kirchenbuch feiert. In der Basilika des Apostels - vor Jahren noch als Armeedepot zweckentfremdet - erklingen wieder Messgesänge. Und an Weihnachten drängen auch Andersgläubige zum Lichterfest.

Unterirdische Städte als Zuflucht

Südöstlich von Tarsus, in Antakya, dem alten Antiochien, zeigen frische Wegweiser zur Katolik Kilisesi, der Kirche. Daran vorbei werden Schafe gezerrt. Die Muslime feiern ihr Opferfest, es riecht nach Hammelbraten. Kapuziner-Pater Domenico predigt bescheiden im Schatten des Minaretts und fühlt sich "nach zweitausend Jahren wieder am Ursprung". Antakya ist stolz auf seine religiöse Toleranz. Eine Straßenplastik vereint Kreuz, Halbmond und Davidstern.

In diesem verwirrenden Wegenetz zur Seligkeit ist auch Schwester Barbara unterwegs. Wenn die 56-jährige Ordensschwester in Fleece-Jacke und Jeans zur Klampfe greift, singen Juden, Muslime, Katholiken und Orthodoxe im Chor. Dann setzen sich alle zum abrahamitischen Mahl mit Pide, Pasten und Pasteten. Pilger bekommen für 15 Euro ein Bett. Insbesondere für sie lässt die Stadt derzeit die Grottenkirche renovieren, in der Petrus den Heiden predigte.

"Hier in Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt", verbürgt die Apostelgeschichte. Der vom Saulus zum Paulus gewendete Christenfresser aus Jerusalem trug das Evangelium weiter - nach Zypern, in die Griechenstädte, bis nach Rom. Paulus, den zuvor Stefans Steinigung kalt gelassen hatte, lehrte nun: "Die Liebe verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles."

Im Heißluftballon über die Feenkamine

Mit Sanftmut durften die Jünger des Apostels im nahen Kappadokien damals aber kaum rechnen. Wenn Feinde nahten, verschwanden sie deshalb spurlos. In rund 50 unterirdischen Städten saßen die neuen Christen die Besatzung durch Römer und Seldschuken aus. Zum Beispiel in Derinkuyu: 80 Meter tief ist dieses Labyrinth im Tuff, ein klimatisierter Röhrenbau mit Wohnräumen, Küchen und Ställen. Weinpressen und Brunnen, Kirchen und Kerker gab es, Verfolger wurden mit Rollsteinen ausgesperrt.

Unverändert wie zu Paulus Zeiten schwebt über dem Agrarland um Kayseri der Eisgipfel des Erciyes Dagi. Mit seinen Ausbrüchen hat der Vulkan das Zauberland um Göreme geschaffen. Eine Welt, wie für die Schlümpfe gebaut: schroffe Falten und spitze Felsnadeln. Viele dieser "Feenkamine" tragen Zipfelkappen und Hüte. Türen, Fenster und Taubenkobel sind in den Stein geschlagen. Ganze Klöster haben Mönche ins poröse Gestein gehöhlt und ausgemalt.

Mit den ersten Sonnenstrahlen steigen Touristen in Dutzenden bunter Heißluftballons über dieser Szenerie auf. Dann schweben sie über der Heimat der Missionare Martyrius, Sisinius und Alexander. Die drei wurden im Trentino in Italien erschlagen und verbrannt. Im Ort Nonstal, aus dem Schwester Cornelia stammt: "Jetzt bringe ich die Botschaft wieder zurück", sagt sie.

Gerhard Merk/srt/dkr
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