Profi-Hippie in Kalifornien "Ich arbeite für das Peace Department"

Das Leben ist schön - vor allem unter der kalifornischen Sonne an der Promenade von Santa Barbara. Da kann auch ein Hippie in einem alten Van wie ein Millionär leben, als Freiwilliger für eine Regierungsbehörde, die es nicht gibt.

Von Henryk M. Broder


Friedensmobil: Themenpark auf vier Rädern
Henryk M. Broder

Friedensmobil: Themenpark auf vier Rädern

Einmal im Jahr macht One Feather richtig Ferien. Letztes Jahr war er zwei Monate in Peru und Bolivien unterwegs, dieses Jahr in Thailand und Kambodscha. Nächstes Jahr will er nach Schottland und Irland. Er reist immer mit leichtem Gepäck. "Alles, was ich brauche, passt in einen Rucksack."

Und alles, was er besitzt, steckt in einem 20 Jahre alten Dodge Van, den er 1995 für 1800 Dollar gekauft hat: ein Bett, ein Propangaskocher, ein kleiner Farbfernseher, ein DVD-Spieler, einige T-Shirts und Hunderte von Spielzeugfiguren, die er auf Flohmärkten und Yard-Sales gefunden hat: die Heilige Familie und die Pieta, Pinocchio und Superman, Harry Potter und Tarzan, Yoda, Batman, Austin Powers und die Tele Tubbies, Barbie und Ken, Popeye und Cinderella, Bart Simpson und E.T., Uncle Sam und Bozo, der Clown.

One Feather: Spenden reichen für "gas, grass and fresh fruit"
Henryk M. Broder

One Feather: Spenden reichen für "gas, grass and fresh fruit"

Auch von außen sieht der Dodge aus, als wäre er zuerst mit Pattex bestrichen und dann mehrmals mit Vollgas durch ein Spielzeuglager gejagt worden, ein Themenpark auf vier Rädern. Da gibt es eine "Herr der Ringe"-Strecke und eine "Black Forest"-Ecke mit Gartenzwergen, ein "Holland-Panorama" mit Grachtenhäusern, einen kleinen "Jurassic Park" mit Dinos und eine "Dance-Party" rund um ein lesbisches Paar. Aladin hält ein Surfbrett in der Hand und Jesus eine Haschischpfeife.

Der letzte Hippie, der seinen Job ernst nimmt

Keine Frage, der Wagen ist ein Kunstwerk, ein "Denkmal der Pop-Kultur von den Fünfzigern bis heute", sagt One Feather. Für einen deutschen TÜV-Inspektor wäre der alte Dodge ein Schrecken, von dem er sich nie mehr erholen würde. Aber es gibt keinen TÜV in Kalifornien, und One Feather ist soeben heil von einem 1000-Meilen-Trip in den Norden des Landes zurückgekehrt.

"1FEATHR": Mit Vollgas durch ein Spielzeuglager
Henryk M. Broder

"1FEATHR": Mit Vollgas durch ein Spielzeuglager

Jetzt steht er wieder an seinem Stammplatz an der Promenade von Santa Barbara, "spreading love and peace". Das macht One Feather jeden Tag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, sieben Tage in der Woche. Und wenn es dunkel wird, macht er es sich im Dodge bequem, steckt eine Pfeife an, trinkt ein Bier oder auch zwei und schaut fern. Gestern hat er "The Apprentice" gesehen, mit dem Milliardär Donald Trump. Danach ein paar Seiten in einem Buch gelesen, das "A Course in Miracles" heißt und von der "Foundation for Inner Peace" veröffentlicht wurde. Dann hat er acht Stunden fest und ruhig geschlafen.

One Feather ist ein Profi-Hippie, wahrscheinlich der letzte, der seinen Job ernst nimmt, und ein fröhlicher, umgänglicher und zufriedener Mensch. "Ich habe alles, was ich brauche. Manchmal werden die Leute wütend, wenn sie sehen, wie glücklich ich bin." Aber das kommt nicht oft vor. Er hat keine feste Adresse, kein Handy, nicht einmal eine Uhr. Und natürlich hieß er nicht immer One Feather.

1962 in einer Kleinstadt in Pennsylvania geboren, verließ er das College mit 20 ohne Abschluss, arbeitete unter anderem als Krankenpfleger und begann mit 33 "meine zweite Kindheit". Seit über neun Jahren lebt er auf der Straße, hat viermal die USA von West nach Ost und Ost nach West überquert und dabei mehr gesehen als der durchschnittliche Amerikaner in seinem ganzen Leben. "Ich war überall, außer in Alaska, Maine und auf Hawaii."

"Smile!"

Aber nirgendwo ist es so schön wie in Kalifornien. "The West is best." Das Klima, die Leute, einfach alles. In Santa Barbara, wo er lebt, verteilen die Geschäfte und Restaurants am Abend das Essen, das sie tagsüber nicht verkauft haben an Arme und Obdachlose. One Feather ist ein großer Kommunikator. "Ich bin niemals einsam. Ich treffe jede Woche Tausende von Menschen." Er spricht alle an, die an ihm vorbeigehen. "Smile!", ruft er den Passanten zu, "why do you not smile?"

Geklebtes Kunstwerk: Unterwegs mit Aladin, Jesus und Harry Potter
Henryk M. Broder

Geklebtes Kunstwerk: Unterwegs mit Aladin, Jesus und Harry Potter

Und tatsächlich, die Leute bleiben stehen, bestaunen sein "Peace Mobile", lassen sich mit One Feather fotografieren, machen das V-Zeichen, lachen und stecken Münzen und Ein-Dollar-Noten in den "Collection-Planet", einen kürbisgroßen Globus, der als Kasse dient. Die Spenden reichen für "gas, grass and fresh fruit", denn viel braucht er nicht zum Leben. "Live long and prosper!" ruft One Feather den Spendern zum Dank nach.

Der praktizierende Vegetarier ist kein Gammler und kein Penner, er duscht täglich am Strand, zieht jeden Morgen ein frisches T-Shirt an und überweist 65 Dollar jährlich an die Stadt für den Parkplatz. "Ich lebe wie ein Millionär unter Palmen und habe praktisch keine Kosten." Denn er zahlt keine Miete und keine Steuern und hat nicht einmal eine Krankenversicherung. "Versicherungen basieren auf Angst. Ich bin ein freier Mensch, der sich nicht fürchtet. Es kommt, wie es kommt."

Kein Tropfen Klebstoff kontaminiert die Erde

Deswegen macht er sich auch wenig Gedanken über Politik. Bei der letzten und vorletzten Wahl hat er für Ralph Nader gestimmt, "das ist ein anständiger Mann", in diesem Jahr hat er es versäumt, sich rechtzeitig registrieren zu lassen. Zu John Kerry hat er keine Meinung und zu Präsident George W. Bush sagt One Feather, "Bush gehört vor ein Gericht und nicht ins Weiße Haus". Auf seine Weise ist auch One Feather ein amerikanischer Patriot, obwohl er nie in der Armee war, keine Steuern zahlt und das Wählen vergisst. "Ich arbeite für das 'Peace Department' in Washington, nur weiß die Regierung nichts davon."

Bastelstunde mit One Feather: Pflege mit Pattex und Silikonkleber
Henryk M. Broder

Bastelstunde mit One Feather: Pflege mit Pattex und Silikonkleber

Wenn er nicht für das virtuelle Peace Department arbeitet, wartet er sein Peace Mobil mit dem amtlichen Kennzeichen "1FEATHR", entfernt beschädigte Figuren und ersetzt sie durch neue. Wobei er darauf achtet, dass kein Tropfen Klebstoff oder Plastik die Erde kontaminiert.

Auch beim Rauchen darf kein Gramm vergeudet werden. Die Pfeife, die er in die hintere linke Wagenwand eingebaut hat, funktioniert mit kleinsten Mengen. "Das Leben ist schön, vor allem in Kalifornien. Es ist Ende Oktober und ich trage noch immer Shorts."

Und egal wer am 2. November zum Präsidenten gewählt wird, One Feather wird weiter seine Botschaft von Frieden und Liebe an der Promenade von Santa Barbara verbreiten, denn: "I enjoy the freedom. America is a good country. One day it could be a great country."



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