Provincetown Amerika, politisch unkorrekt

In Provincetown, dem alten Walfängerhafen auf Cape Cod, gibt es nicht nur schöne Sandstrände für den Osterspaziergang, sondern auch die höchste Konzentration von Anti-Bush-Memorabilia in den USA.

Von Ole Helmhausen


P-Town: Das pastellfarbene Licht zog Künstler aus ganz Amerika an
Antje Blinda

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Die Lage muss es sein. Orte am Ende der Straße sind etwas Besonderes. Wo der Asphalt aufhört, hört auch die Welt auf. Zumindest die von Straßen erschlossene. Wer dort lebt, hat gute Gründe. Wer dort landet, hat sich nicht zufällig dorthin verirrt. Selbst wer dort nur vorbeischaut, tut dies auch aus dem wohligen Gefühl heraus, zur Abwechslung einmal etwas Unvernünftiges zu tun. Schließlich muß man auf derselben Straße wieder zurück - im knapp bemessenen Urlaub die reine Zeitverschwendung.

Provincetown ist so ein Ort. Hinter einer Dünenlandschaft verborgen, sitzt das 3500-Einwohner-Städtchen am Ende der Route 6 auf einem schmalen Streifen Sand, am nördlichsten Punkt des Kabeljau-Kaps, auf dem es steckt wie ein Köder für Beutefische. Oder, wie der Besucher bald feststellt, wie eine Gegenwelt zum politisch korrekten, streng manikürten Amerika. Darauf stimmt das Pilgrim Monument schon von weitem ein. Es ist kein Neuengland-typisch nahtlos ins adrette Stadtbild eingepasstes Denkmal, sondern ein 70 Meter hoher Campanile.

Nachtclub: Das Leben in dem unkonventionellen Städtchen beginnt so richtig erst am Abend
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Wer die glorreiche Idee hatte, der berühmten Fundi-Pioniere von der "Mayflower" mit dem Nachbau eines in Siena stehenden Glockenturms zu gedenken, weiß heute niemand mehr so genau. Jedenfalls wirkt der wie ein Skelettfinger in den Himmel ragende Campanile wie eine Antikörper-Spritze gegen zu viel Neuengland-Idylle. He Leute, scheint er dem denkmalverrückten, bei gutem Wetter sichtbaren Boston zuzurufen, hier berührten die "Mayflower"-Passagiere zum ersten Mal amerikanischen Boden, so what?

Sand von den Dünen weht über die Straße. Möwen surfen auf scharfen Böen vorbei, kämpfen am Strand um angeschwemmte Fischkadaver. Provincetown, das 1720 als ein armseliger Haufen von Fischerhütten begann, ist eine höchst verwinkelte Angelegenheit. Die enge, am Wasser verlaufende Commercial Street und die parallel verlaufende Bradford Street landeinwärts sind die Hauptstraßen. Kurze Querstraßen verbinden sie wie Sprossen einer Leiter. Für Bürgersteige ist meist kein Platz, man geht mitten auf der Straße und drückt sich bei Verkehr in Hauseingänge oder Vorgärten. Gleich neben der Commercial Street beginnt der Strand, liegen Boote vertäut oder aufgedockt.

Touristentreffpunkt: Das beliebteste Hummer-Restaurant von Provincetown
Antje Blinda

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Als im frühen 19. Jahrhundert in Neuengland der Walfang blühte, ankerten die Walfangschiffe der Stadt an drei Dutzend Piers. Gestalten aus aller Herren Länder - Herman Melville beschrieb sie in "Moby Dick" - lungerten auf den Straßen herum und versoffen in schmierigen Spelunken ihre Heuer. Als sich Wale nicht mehr rentierten, sattelte Provincetown wieder auf Fischfang um, vornehmlich Portugiesen von den Azoren betrieben ihn. Weniger ehrbare Bürger erinnerten sich des Handwerks ihrer Vorfahren. Als "mooncussers" lockten sie ahnungslose Seefahrer mit falschen gesetzten Leuchtfeuern auf Grund, massakrierten die Besatzung und raubten die Ladung.

Um 1900 wurde Provincetown von Malern entdeckt. Pastellfarben und selbst nach Sonnenuntergang noch minutenlang an den Seiten der Kutter im Hafen phosphoreszierend, zog das Licht Künstler aus ganz Amerika an. Aus Provincetown wurde die Künstlerkolonie "P-town". Edward Hopper kam, Jackson Pollock und George Grosz auch, dazu viele andere. Die Künstler-Boheme lockte auch Schriftsteller und Schauspieler. Das Provincetown Playhouse erlebte Uraufführungen von Eugene-O'Neill-Stücken. Marlon Brando, Tennessee Williams, Norman Mailer und andere berühmte Alkoholiker schätzten nicht nur die liberale Atmosphäre, sondern auch die Vielzahl zünftiger Wasserlöcher. Die wüsten Gelage im Anchor Inn sind noch heute tief im kollektiven Bewusstsein verankert.

Das "Kabeljau-Kap": Cape Cod liegt im US-Bundesstaat Massachusetts
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Die Alteingesessenen,von jeher ein buntes Völkchen mit Vergangenheit, absorbierten die exotischen "Wash Ashores" ebenso problemlos wie die mit ihnen kommenden Lebenskünstler und Homosexuellen. Inzwischen ist die Zeit der wilden Ausschweifungen vorbei, doch ein Fluchtpunkt ist P-Town geblieben. Hier kann jeder abschalten, abtauchen oder in den Klamotten herumlaufen, in denen er sich am ehrlichsten fühlst. Hier kann jeder in Leder- und anderen Läden shoppen, in die er sich anderswo nicht hineintrauen würdest. Selbst im Winter, wenn die Touristenhorden ausdünnen, kann man auf der Commercial Street Ecke Masonic Place im Umkreis von 20 Metern sehen: muskulöse Kerle auf dem Weg ins Fitness-Studio, per Schiff aus Boston gekommene Senioren, junge Eltern mit quengelnden Kindern, ein lesbisches Pärchen mit Dackel, schwule Väter mit Adoptivkind, ein Mädchen mit Tatoos und Rastalocken und einen als Celine Dion verkleideten Transvestiten. Und immer wieder homosexuelle Pärchen beiderlei Geschlechts, die jedes Jahr nach P-town kommen, um der Heimlichtuerei zu Hause in Kansas oder Alabama für zwei, drei Wochen zu entfliehen.

Dazwischen schlurfen einheimische Fischer nach Hause, eilen gut angezogene Ratsmitglieder zum Town Meeting. Manche Figuren sind stadtbekannt und lebende Legenden. Der da bei jedem Wetter mit drei auf links gedrehten Kleidungsschichten und grimmigem Gesicht die Straßen auf und ab patrouilliert, ist Inside-Out-Man. Radio Girl wurde ein Mädchen genannt, das die Nachrichten in einem Radio in ihrem Kopf empfing und auf der Commercial Street weitergab. Viele der durchweg hervorragenden Unterkünfte werden von homosexuellem Personal geführt. Der Reisende, der beim Einchecken verschüchtert zu bedenken gibt, er sei hetero, wird mit einem flotten "Sei nicht traurig, nobody's perfect" willkommen geheißen. Dass sich dieser Tage hier die wohl höchste Konzentration an T-Shirts mit Anti-Bush-Slogans in den USA findet, verwundert nicht weiter. Der Renner: Hemden mit George W., dessen Nase auf ein Esso-Logo anschlägt wie eine Wünschelrute.

Leuchtturm auf Cape Cod: Wo der Asphalt aufhört, hört auch die Welt auf
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Eine Gruppe sportlich aussehender Frauen schiebt ihre Leihräder über die Commercial Street. Sie wollen durch die Dünen nach Herrings Cove an der Atlantikseite und weiter zum Leuchtturm bei Race Point. Eine gute Tagestour, Strandspaziergänge und Sonnenuntergang inbegriffen. Man findet schnell Gleichgesinnte in diesem Ort am Ende der Straße. Dass Provincetown P-Town bleibt und die Strände endlos lang, dafür sorgen die strengsten Bebauungsregeln der Ostküste. Der Ort, der als heißester Immobilienmarkt des Landes gilt, soll kein zweites Key West werden



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