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Kamerun: Der Stamm der Bakoula

Foto: Fabian v. Poser

Pygmäen in Kamerun Melodie des Urwalds

Uralte Rituale, hypnotische Klänge und tragbarer Regen: Im zentralafrikanischen Regenwald im Süden Kameruns leben die Pygmäen vom Stamm der Bakoula. Eine Nacht mit ihren Gesängen berührt die Seele.

Die Feuer flackern. Es ist angenehm kühl nach den Schauern des Nachmittags. Dicke Tropfen perlen von den Blättern auf uns herab. Langsam setzen die Trommeln ein. Immer wieder werden sie übertönt vom Geschrei. Der Schamane spritzt Wasser aus einer Flasche ins Feuer. "Damit es nicht regnet", sagt er. "Die Flasche ist tragbarer Regen, wir werden ihn vernichten."

Jetzt, da die Nacht ihre Fühler ausstreckt, beginnen die Pygmäen mit der Zeremonie. Der süße Duft von brennenden Bienenwaben liegt in der Luft. Langsam steigern sich ihre Gesänge. Die Rhythmen werden schneller, die Trommler nehmen Fahrt auf. Dann setzen die Frauen ein. Sie sitzen barfuss am Feuer. Mit ihren Klanghölzern klopfen sie auf lange Bretter aus Tropenholz.

Ihre hypnotischen Gesänge geben einen Vorgeschmack auf das, was kommen wird. Ein Tänzer begibt sich in das Rund: oben nackt, darunter ein Bastrock. Andere haben sich in Palmblätter gehüllt. Ihre Beine bewegen sich zum Takt der Musik. Zwischendurch trinken sie Palmwein aus großen Plastikflaschen. Die Bewegungen werden ausgelassener.

Es ist Anfang der Regenzeit. Nach einem eineinhalbstündigen Fußmarsch vom ehemaligen deutschen Kolonialstädtchen Lolodorf durch die morastigen Böden des Regenwalds, vorbei an Bäumen höher als Hochhäuser, empfingen uns die Pygmäen mit Kochbananen und gebratenem Hühnchen. Es war schon dunkel im Dorf Manaya, einer Ansiedlung mit einer Handvoll strohgedeckter Hütten, als wir ankamen. Jetzt sitzen wir hier, durchweicht vom Regen, und lauschen ihren Gesängen.

Verschachtelte Rhythmen

Bereits als junger Mann hatte ich Louis Sarnos Buch "Der Gesang des Waldes" gelesen. 20 Jahre lebte der Musikwissenschafter bei den Pygmäen im Regenwald der Zentralafrikanischen Republik. Schon damals faszinierten mich seine Schilderungen über deren Musik. Sarno war einer der ersten, der sich mit der Musik der Pygmäen befasste - und einer der ersten, der sie entschlüsselte.

Oft folgen sie die ganze Nacht ihren ausgefeilten, polymetrischen Gesängen. Die verschachtelten Rhythmen formen eine rituelle Einheit mit dem Tanz. Der scheinbar improvisierte Gesang folgt dabei strengen Regeln: Ein Sänger beginnt, die Nachsänger sind angehalten, nicht dasselbe zu singen wie er. Nach und nach setzen alle Anwesenden ein, jeder singt etwas anderes. So entsteht die Polyphonie.

Die Zeremonie schreitet voran. Der Palmwein, der Whisky, der Gin - der Alkohol tut nun seine Wirkung. Die Tanzfläche ist wie eine Bühne: Immer wieder kommen neue Tänzer. Einige Pygmäen sind westlich gekleidet mit Jeans und Fußballtrikot, andere traditionell nur mit Lendenschurz, wieder andere tragen einen Bastrock über ihren Jeans.

Das Begrüßungsritual für die Besucher geht jetzt in eine Heilzeremonie über. Die Pygmäen versammeln sich im Kreis. Der Patient wird auf Palmblätter gebettet. Er zittert. Er habe seine Frau verloren, erzählt mir eine der Heilerinnen in gebrochenem Französisch. Danach wurde er selbst krank. Immer wieder tanzen die Pygmäen um ihn herum, begießen ihn mit Palmwein und singen Lieder. Noch zitternd und etwas apathisch verlässt er nach gut einer Stunde das Rund.

Als billige Arbeitskräfte missbraucht

Es ist wie eine Zeitreise, wenn man diese Menschen besucht. Eine Reise in eine Zwischenzeit. Die Rituale sind noch die alten. Doch die Gesellschaft ist im Wandel. Die Pygmäen zählen zu den ältesten Bewohnern des zentralafrikanischen Regenwalds. Schon im alten Ägypten wurden ihre Fähigkeiten im Gesang und Tanz in Inschriften gerühmt. Bis heute leben sie von den Früchten des Waldes, von der Jagd, vom Fischen und vom Honigsammeln.

Niemand kennt den Urwald so gut wie sie. Aus den Dörfern in ihrer Nähe kaufen sie nur Salz, Reis, Seife, Öl für ihre Lampen, Alkohol und Tabak. Viele wandern als Nomaden bis in den Kongo, in die Zentralafrikanische Republik, nach Äquatorialguinea und Gabun.

Die Bantu nutzten einst ihre technische Überlegenheit, um die kleinwüchsigen Waldbewohner zu unterwerfen. Die Pygmäen wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht. Bis heute ist das Verhältnis gespannt. Seit einigen Jahren besteht in Kamerun Schulpflicht. Der Staat baut Unterrichtsräume in der Nähe der Pygmäen-Dörfer, doch viele Pygmäen wollen nicht die Schulen besuchen, weil sie dort nah bei den verhassten Bantu sind, auf deren Feldern sie ausgebeutet werden.

Ein Leben auf der Sonnenseite sieht anders aus. Dazu kommt: Der Regenwald ist reich an Rohstoffen, das weckt Begehrlichkeiten. Vor allem der Holzeinschlag bedroht den Lebensraum der Waldbewohner. Auch unser Besuch ist widersprüchlich: Der Tourismus bringt ein wenig Geld. Aber brauchen das die Pygmäen, die Jahrtausende ohne Zahlungsmittel überlebt haben?

"Fass mich überall an, nur nicht dort!"

Wer sich hier im zentralafrikanischen Regenwald erhellende Antworten über das Leben der Pygmäen erhofft, der wird enttäuscht. Die Pygmäen erklären nichts, niemand hier erklärt etwas, auch nicht die Zeremonie an diesem Abend. Sie singen einfach. Und das ist gut so, denn die Musik berührt die Seele. Es ist eine Musik, die nie fixiert wurde, sondern ausschließlich im spielerischen Umgang von einer Generation an die andere Generation weitergegeben wurde.

In ihren vielstimmigen Liedern danken die Pygmäen der Natur und beschwören die Götter und Geister des Waldes. Doch einige Themen sind auch beklemmend: "Ich komme vom Feld zurück, mein Herr schlägt mich", lautet der Text eines der Lieder der Männer. "Fass mich überall an, nur nicht dort", singen die Frauen.

Es wird Morgen. Nebel steigt über dem Regenwald auf. Das Dorf schält sich aus dem Dunst. Wir haben die Augen in unseren Zelten kaum zugetan, denn die Pygmäen tanzen noch immer. Die Frauen haben sich in Trance getrommelt, viele Männer sind einfach nur betrunken. Einer fragt nach Geld. Einige Männer tragen Masken aus Palmblättern, Baströcke und Fußrasseln. Zwei von ihnen steigen am Ende des Rituals in die Krone einer Palme, um ihr symbolisch das Herz herauszutrennen. Es ist das Ende der Heilzeremonie. Dann verschwinden sie in den Urwald.

Wir verlassen das Dorf mit gemischten Gefühlen. "Bitte verzeiht, dass einige von uns heute Nacht sehr betrunken waren", entschuldigt sich Dorfchef Nanga beim Abschied. "Sie haben sich so gefreut, dass ihr da wart."


Das Buch "Der Gesang des Waldes - mein Leben bei den Pygmäen" von Louis Sarno ist bei Amazon  erhältlich.

Fabian von Poser/srt/dkr
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