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Gletscher-Ausflug in Grönland: Ein letztes Mal Tourist sein

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Rasmussen-Fjord in Grönland Weltkriegsschrott und Eismauern

Wale, Riesengletscher und rostige Überbleibsel einer Militärbasis: Auf einer spektakulären Bootsfahrt durch die Fjorde Ostgrönlands kann die Expeditionsgruppe bestens verdrängen, dass sie ein ernsthaftes Problem hat - weil ein Frachtschiff Verspätung hat, ist ihr Vorhaben in Gefahr.

Am Freitag sollte das Frachtschiff ankommen mit unserer Holzkiste, in der sich unsere Pulkaschlitten, Skier und 117 Kilo Lebensmittel befinden. Am Hafen erfuhren wir, dass es drei Tage Verspätung hat. Keine guten Nachrichten für uns, denn nun könnte sich unser Start aufs Eis verzögern. Selbst wenn das Schiff im Hafen festmacht, kann es noch lange dauern, bis alle Container entladen sind. "Bei der letzten Lieferung habe ich acht Tage gewartet", berichtet Robert Peroni, Herbergsbetreiber vom Roten Haus. "Aber ihr habt bestimmt mehr Glück."

Wir können nun also nur warten, was den Vorteil hat, dass wir nun die Zeit dazu nutzen können, einen Sightseeing-Tag einzulegen. Wir buchen einen Bootsausflug zum Rasmussen-Gletscher - ein letztes Mal Tourist sein, bevor es aufs Eis geht. Und das zu einem besonderen Ort: "Am Rasmussen-Gletscher habe ich meine Liebe zu Grönland entdeckt", sagt Peroni, der sich einst als Extrembergsteiger und Wüsten-Abenteurer einen Namen machte, seit über 30 Jahren aber fast nur noch in Grönland unterwegs ist. Nur wenige haben mehr Inlandeis-Touren gemacht als er.

Mit 225 PS hüpft das orangefarbene Motorboot über das Wasser, zwischen den steilen Wänden tausend Meter hoher Berge hindurch. "Das ist hier so, als würde man die Schweiz auf 2500 Meter Höhe fluten", sagt einer der neun Tour-Teilnehmer, die in dicken Klamotten und Schwimmwesten im Boot sitzen. Tatsächlich hat man Ostgrönland schon auf vergleichsweise geringen Höhen häufig alpine Bedingungen.

Wie Patagonien in Klein

Der Rasmussen-Gletscher ist zunächst ein dünner weißer Streifen am Horizont. Wenn man näher kommt, ragt schließlich eine imposante Mauer aus zerklüftetem Eis aus dem Wasser. Der Inuit am Steuer des Bootes fährt nicht zu dicht heran - das wäre gefährlich, wenn der Gletscher kalbt.

Deutlich ist unten am Eis die Gezeitenlinie zu erkennen, eine Einbuchtung dort, wo das Wasser am Eis nagt. Etwa 30 bis 40 Meter hoch ist die Mauer: "Wie der Perito Moreno in Patagonien in Klein", sagt Wilfried. Er schätzt, dass sich dieser Gletscher mit etwa drei Meter pro Tag in den Fjord bewegt. Ab und zu rumpelt mit einem dumpfen Grollen ein Eisklumpen ins Wasser.

Wir fahren an Land, ein paar Zelte stehen dort am Westufer. Nach der Begegnung mit den de Quervains erlebe ich hier nun zum zweiten Mal einen unfassbaren Zufall. "Stephan, bist du das?", ruft jemand, der aus dem Camp auf mich zuläuft. Der Typ kommt mir bekannt vor, "Patrick?", rufe ich zurück.

Tatsächlich, es ist der Reiseleiter Patrick Schoengruber, der heute Morgen mit einer Gruppe hier angekommen ist. Letztes Jahr hat er meine ganze Familie zwei Wochen zu Trekking-Touren an den Fjordufern begleitet. Die Welt ist wirklich klein, und die Welt von Ostgrönland offensichtlich ganz besonders.

Wir gehen ein bisschen am Hang spazieren und plaudern, er berichtet, dass er bald zum zweiten Mal Vater wird. Patrick ist begeistert, dass ich nun tatsächlich übers Inlandeis gehen will. Letztes Jahr hatten wir noch herumgesponnen, ob wir eine solche Tour zu zweit versuchen sollten.

Monströse Überbleibsel der Vergangenheit

Meine Bootsgruppe wartet schon am Ufer, wir verabschieden uns. Nach einem Ausflug zum ebenfalls imposanten Karale-Gletscher steht noch ein Stopp an einer US-Militärbasis auf dem Programm, die 1942 angelegt wurde und am Ende des Zweiten Weltkriegs eingestellt wurde.

Tausende verrostete Ölfässer künden mitten in der ansonsten unberührten Naturlandschaft davon, dass hier einst ein kleiner Schotterpisten-Landeplatz für Kampfflieger unterhalten wurde. Monströs ragen die rostigen Reste von Gebäuden und Maschinen aus dem Boden, 70 Jahre alte Kettenfahrzeuge und Lastwagen stehen versprenkelt herum.

"Hier sind ja mehr Autos als in ganz Tasiilaq", witzelt ein Tour-Teilnehmer aus Bayern. Vorhin staunten wir über die Naturwunder der Gletscher, nun staunen wir, wie Menschen auf die Idee kommen können, hier draußen, auf halber Strecke zwischen Deutschland und den USA, mit extremem Logistik-Aufwand eine solche Basis einzurichten.

Zwei Stunden dauert die Rückfahrt, zwei Wale salutieren uns mit Fontänen. Der Inuit-Bootsfahrer versucht, näher heranzukommen, doch die scheuen Tiere tauchen immer wieder ab und sind schließlich verschwunden.

Am nächsten Morgen um halb zehn ist endlich die knallrote "Irena Arctica" in der Bucht von Tasiilaq zu sehen, das lang erwartete Frachtschiff. Wir freuen uns, dass es keine weitere Verspätung hat. Die Zeit drängt aber weiterhin: Wir müssen so schnell wie möglich an unsere Ausrüstungskiste herankommen. Sollte das noch drei oder vier Tage oder gar länger dauern, wäre es unmöglich, unsere Expedition bis zum Rückflugtermin zu schaffen.


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