Reguetón in Kuba Attitüde ist alles

Salsa und "Buena Vista" sind von gestern: Kubas Jugend hört Reguetón. Einen Musikimport, der derb und extrem ungezogen ist - und in dem dicke Goldketten, wilde Tattoos und leicht bekleidete Frauen ein große Rolle spielen.

Von Jürgen Schaefer


Kuba ohne Musik; für einen Moment ist es, als würde das Herz aussetzen. Eben noch funkelte der Wohnblock neongrün, aus allen Fenstern drangen Gelächter und Musik, fröhlich, laut, kakofonisch. Dann fällt plötzlich der Strom aus, erlöschen alle Lampen, und der graue Klotz liegt reglos im Abendlicht. Stille. Alamar, Havannas Betonvorstadt, scheint mitten im Leben erstarrt zu sein.

Drinnen im Wohnblock sitzt Yasser Vera in seinem Schlafzimmer und fährt fluchend, nachdem der Strom zurückgekehrt ist, den Computer wieder hoch. Es ist schon der dritte Stromausfall an diesem Tag; und bei jedem Wiedereinschalten muss Vera fürchten, dass Spannungsspitzen den Rechner verschmoren. Für die Musikszene der Vorstadt wäre das eine Katastrophe.

Auf einem schmalen Stuhl in Yasser Veras Schlafzimmer kauert Angel Luis Aguiar, 20 Jahre alt, Sänger und Student des Englischen, gesegnet mit den sanften Augen eines Enrique Iglesias. Er hat ein rosafarbenes Schulheft auf den Knien und kaut auf einem Kugelschreiber.

Aus bittersüß gebrochenem Herzen schreibt er am Text für einen Background-Chorus, womöglich nicht ganz ehrlich mit sich selbst: "Ich sah dich gestern Nacht / mit einem anderen / doch es tat mir nicht weh." Am Mikrofon neben dem Bett schlägt Yoandri Hodelin, 26, Automechaniker, ein schlaksiger Schwarzer im Muskelshirt, auf ein imaginäres Schlagzeug ein. Aguiar und Hodelin nennen sich "Stiki & Showy"; auf ihrer selbst produzierten CD posieren sie mit Sonnenbrillen vor dem Foto eines amerikanischen Sportwagens.

Als es der Computer wieder tut, schiebt Yasser Vera Musikbausteine hin und her, schnell wie ein Hütchenspieler. Hier in der Vorstadt nennt ihn niemand bei seinem Taufnamen; in Alamar wird Yasser Vera ehrfürchtig "El Alacrán" gerufen, "der Skorpion", nach einer Tätowierung auf der linken Schulter. Sein Schlafzimmer fungiert als Aufnahmestudio für die Bands aus Alamar, sein schwarz kopiertes Computerprogramm aus Deutschland als Mischpult. Für umgerechnet 15 Euro produziert El Alacrán Songs, die zu Hits werden. Sie gehören allesamt demselben Genre an: Reguetón.

"Buena Vista"-Balladen nur in Hotels

Ganz Kuba hört Reguetón: die eine Hälfte freiwillig und ohrenbetäubend laut, die andere unfreiwillig. Vor gut zehn Jahren tauchten die ersten Platten in Santiago de Cuba auf, und seitdem hat sich die Musik auf Kuba verbreitet wie der Marabú-Strauch, eine eingeschleppte Pflanze, die bereits die halbe Insel überwuchert. Bei Kubas Jugend hat Reguetón längst Salsa und Timba als Leitmusik abgelöst. "Buena Vista"-Balladen sind ohnehin nur noch in Hotels zu hören.

Reguetón stammt aus Panama, in den siebziger Jahren dort entstanden, als Nachfahren der Einwanderer aus Jamaika ihre Reggae-Musik mit einheimischen Latino-Rhythmen verschmolzen. Seitdem hat der "Reggaeton", wie er im englischen Sprachraum genannt wird, so ziemlich alles an Musikstilen aufgesogen, was es auf dem amerikanischen Doppelkontinent zu hören gibt: entspannten Grundbeat aus der karibischen Dancehall-Musik, Sprechgesang aus US-amerikanischem Hip-Hop, melodische Bläserlinien aus der Salsa Südamerikas. Dazu versaute Gossenprosa aus den Slums von San Juan, Puerto Rico.

In Kuba fiel der musikalische Samen auf fruchtbaren Grund. "Reguetón ist tanzbar, hat einen einfachen Rhythmus und derbe Texte", sagt Aniel Abreu, Produzent der Reguetón-Stars "Acento Latino". Die Band stellte ihr Repertoire vor sechs Jahren komplett auf Reguetón um, "weil es das Einzige war, was das Publikum hören wollte". Salsa, seit zwei Jahrzehnten dominierend auf der Insel, hatte sich totgelaufen, glaubt Abreu: "Über Jahre wurde Salsa immer feiner, immer lyrischer. Bis ein großer Teil des Publikums, die unteren Schichten, sich darin nicht mehr wiederfand. Genau da hat der Reguetón eingeschlagen."

Die Demokratisierung der Produktionsmittel ist ein weiterer Grund für den Erfolg. Es braucht nicht viel, um einen Reguetón-Hit aufzunehmen: einen Computer, ein paar Stunden Strom am Tag – und den Willen, sich an etwas Neues zu wagen. "Natürlich sind wir in Kuba stolz auf unsere musikalische Tradition", sagt Yasser Vera, der Skorpion; doch er klingt genervt. "Irgendwann ist es auch mal gut mit den Wurzeln. Die Jugend will was Neues. Die Jugend will Veränderung." Veränderung ist ein böses Wort auf Kuba. Musik hatte schon immer das Potential, den Nachwuchs zu verderben.

Reguetón braucht Unterschicht-Protz

Das Untergeschoss des Gran Teatro in Havannas Altstadt: Hier sieht es so gar nicht aus wie beim Treffen der sozialistischen Jugend. Die Frauen im "Cabaret Nacional" tragen glitzernde Tops, Stilettos und die Röckchen so kurz, als gäbe es Kleiderstoff nur auf Rationierungskarte. Junge Männer in blitzweißen T-Shirts lassen großzügig Bier und Cola auffahren.

Der Club ist der Härtetest für "Stiki & Showy", die reguetoneros aus Alamar. Wer hier besteht, hat die Chance, auch größere Bühnen zu bespielen. Für diesen Auftritt haben sie lange gespart; das Schwierigste ist die Kleidung. Reguetón braucht Unterschicht-Protz: falsche Goldketten und T-Shirts mit dicken Logos, Markenturnschuhe sind Pflicht; und "Showy" hofft, dass es niemandem auffällt, dass sein Mobiltelefon nur eine Attrappe ist.

Doch die beiden kommen nicht weit: Nach zwei Songs winkt sie das Publikum gelangweilt von der Bühne. In Havannas Clubs zählen große Namen, "Eddy K" oder "Gente d' Zona", für deren Konzerte umgerechnet bis zu 20 Euro Eintritt bezahlt werden. "Farándula" nennt sich die umherziehende Kaste der Partygänger, der mit Geld gesegneten jungen Menschen, die von Verwandten aus dem Ausland alimentiert werden und Fidel Castro einen guten Mann sein lassen: Urlaub vom Sozialismus, mitten auf Kuba. Der Reguetón, in dem es meist nur um Sex, Geld und Party geht, gibt ein perfektes Vehikel für privaten Eskapismus ab.

Zu Hause in Alamar scheint sich für "Stiki & Showy" noch eine Chance zu bieten. Auf einem großen namenlosen Platz baut jemand im Schein einer einsamen Straßenlaterne eine Musikanlage auf. "Sibirien" wird die Vorstadt hier genannt. Einwohner: mehr als 100.000. Kulturprogramm: ein Kino.

Bei schmutzigen Liedern bleibt der Strom weg

Einmal im Monat organisieren die jüngeren Bewohner in Alamar deshalb ein Reguetón-Festival unter freiem Himmel. Bis zuletzt ist unklar, ob das Konzert stattfinden kann. Über den Strom entscheidet der Delegierte des Revolutionskomitees, und er will ihn nur einschalten, wenn die Sänger sich verpflichten, keine schmutzigen Lieder zu singen. Die Texte sind am Reguetón das Schwierigste, sagt "Showy". Einfach nur die Lebensrealität zu beschreiben – wie es junge kubanische Autoren seit Jahren vormachen –, kann Ärger bringen. "Wenn du zu sanft bist, lacht dich das Publikum aus. Und wenn du zu direkt bist, schalten sie dir den Strom ab."

Als die Musikanlage dann doch anfängt, im Takt eines Herzschlags zu wummern, und die Snare Drum synkopisch dazu scheppert, füllt sich der Platz in Minuten mit Kindern und Jugendlichen aus den Wohnblocks. Ein halbes Dutzend Gruppen wird an dem Abend gefeiert, doch für "Stiki & Showy" zerplatzt auch die Hoffnung, wenigstens hier im Viertel den Durchbruch zu schaffen: Der Discjockey verlangt von jeder Gruppe vier Euro, als Beitrag für die Finanzierung der privaten Musikanlage. Zu viel für "Stiki & Showy".

Der Stimmung auf der Neonlicht-Arena in Alamar tut dies keinen Abbruch: Schon nach den ersten Liedern tanzen alle; und gegen Mitternacht wird das Liedgut auf der Bühne dann schmutzig genug, dass die Polizei anrückt. Die Party abzubrechen aber wagen die Polizisten nicht. Feiern gehört auf Kuba einfach zu den unveräußerlichen Grundrechten.



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