Reise am Gelben Fluss, Teil 5 Kultstätte der Mao-Jünger

In Yan'an hat alles angefangen: Erschöpft nach dem einjährigen Langen Marsch, errichteten Mao Tse-tung und seine Genossen 1935 hier ihr Hauptquartier und planten die Befreiung Chinas. Heute nimmt die Mao-Verehrung skurrile Züge an, und die Not leidende Bevölkerung klagt über Willkür und korrupte Kader.


Wie viele Orte am Gelben Fluss sucht Yan'an, rund 100 Kilometer südlich von Zizhou, Anschluss an die Moderne: Wir fahren durch ein modernes Wohnviertel mit achtspuriger Straße. Ein Plakat warnt: "Wenn du heute nicht fleißig arbeitest, musst du dir morgen fleißig Arbeit suchen."

Neubauten an der Straße Zizhou-Yan'an: Anschluss an die Moderne
Jutta Lietsch

Neubauten an der Straße Zizhou-Yan'an: Anschluss an die Moderne

Im Zentrum Yan'ans erinnert ein großes Museum mit Mao-Statue auf dem Vorplatz an die revolutionären Zeiten. Innen hat die Mao-Verehrung mitunter skurrile Züge angenommen: So ist ein ausgestopftes Pferd zu bewundern, auf dem Mao geritten sein soll. Vor dem Gebäude fotografieren sich fröhliche Touristengruppen. Ein paar Kinder streichen um sie herum, um Pfandflaschen einzusammeln.

In Yan'an sind auch Versammlungshalle und Höhlenwohnungen der Kommunisten zu besichtigen. Revolutionäre Musik ertönt aus Lautsprechern. Wer will, kann sich in alten hellblauen Uniformjacken mit roten Kragenspiegeln fotografieren lassen.

Maos Nachfolger beschwören den Geist von Yan'an noch heute - und verlangen horrende Eintrittspreise für die Besichtigung der bescheidenen Kemenaten. Doch die Besucher bekommen nicht die ganze Wahrheit zu sehen: Die Spuren von Maos Witwe, der Opernduse Jiang Qing, die nach dem Sturz der berüchtigten Viererbande zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sind zum Beispiel verwischt.

Museum in Yan'an: Revolutionsmetropole zu Maos Zeiten
Jutta Lietsch

Museum in Yan'an: Revolutionsmetropole zu Maos Zeiten

Auch der ehemalige Verteidigungsminister Peng Dehuai, der sich mit Mao wegen der Volkskommunenbewegung überwarf, existiert in Yan'an nicht mehr. In der "Residenz am Fuße des Phönixhügels", der ersten Bleibe der KP, sind zwar die sorgfältig gefalteten Uniformjacken und Decken Maos, Tschou En-lais (später Ministerpräsident) und des Heerführers Zhude zu besichtigen. Pengs Haus aber bleibt dem Publikum verborgen. Wir entdecken es hinter einem großen Holztor. Es hat kunstvoll geschnitzte Fensterläden, dahinter verstauben Gerätschaften und ein Pappkarton mit der Aufschrift "Toshiba".

"Unter Mao herrschte mehr Disziplin"

In einer der ehemaligen KP-Herbergen treffen wir auf Wang Jingwei, einen Mann mit Stoppelhaarschnitt, der vor einigen Jahren von seinem Staatsbetrieb entlassen wurde und nun Andenken verkauft. Offenkundig froh, Gesprächspartner gefunden zu haben, verwickelt er uns in eine Debatte über Politik: "Wir sind so arm, weil wir das falsche politische System haben", klagt er. "Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, die Korruption auch. Die KP ist allein nicht zur Reform fähig. Wir brauchen ein Mehrparteiensystem."

Nur schwer aufzuspüren: Haus von Ex-Minister Peng Dehuai
Jutta Lietsch

Nur schwer aufzuspüren: Haus von Ex-Minister Peng Dehuai

Zornig ist auch der Fahrer, der uns am nächsten Tag zu den berühmten Stromschnellen am Gelben Fluss in der Nähe der Stadt Hukou bringt. Die lokalen Kader seien eine "Betrügerbande, die uns einfache Leute belügt".

Die Funktionäre würden Geld für Dienstwagen, Bankette und teure Wohnungen abzweigen, Verwandte und Freunde auf lukrative Posten hieven und sogar die Führung anlügen, wenn die aus Peking anreise: "Sie bauen ihnen Potemkinsche Dörfer auf." Wenn die Bevölkerung protestiere, seien Armee und Polizei sofort zur Stelle.

Er sehnt sich deshalb nach den alten Zeiten zurück: "Unter Mao war das so: Wenn die Spitze etwas sagte, wurde es unten ausgeführt. Da herrschte mehr Disziplin", sagt er.

Solch Nostalgie begegnen wir am Gelben Fluss öfter. Gleichwohl ist sie für uns erstaunlich. Denn ihre Vertreter haben vergessen, dass bei Maos wirre Kampagnen Millionen Menschen verhungerten, sie erschlagen oder verbannt wurden. Oft sind die Mao-Apologeten selbst Opfer - weil während der Kulturrevolution die Schulen geschlossen waren.

Hohe Steuern und schwer aufzubringende Schulgebühren

Wir stoppen in einem Dorf in windiger Höhe über einer grün-braunen Terrassenlandschaft. Die Bäuerin Wang Yuping, 40, bewirtschaftet hier mit ihrem Mann einen Hof. Freundlich bittet sie uns in das bescheidene Haus hinter einer Lehmmauer, auf der Kakteen wachsen.

Straßenfriseur in Yan'an: "Wir brauchen ein Mehrparteiensystem"
Jutta Lietsch

Straßenfriseur in Yan'an: "Wir brauchen ein Mehrparteiensystem"

Die zwei Räume sind blitzsauber, eine Kleidertruhe ist rosa angestrichen, auf einem Tisch steht ein Fernseher. An der Wand hängen Fotos vom Sohn. Er ist Soldat. Die kleine Frau klagt über ihr schweres Leben: Da der Brunnen versiegt ist, muss sie Wasser heranschleppen. Wir sprechen die Steuerlast an: "Wir müssen für alles Mögliche bezahlen, mal sind es 30 Yuan, mal 50", sagt sie.

Die größte Belastung für die Familie sind allerdings die Schulgebühren für Tochter Zhao, die in der Kreisstadt die zweite Klasse der Mittelschule besucht: 1000 Yuan im Semester, inklusive Kost und Logis.

Damit die 13-Jährige es wenigstens bis zur neunten Klasse schafft, muss ihr Vater - wie Zehntausende in der Umgebung - sich als rechtloser Wanderarbeiter durchschlagen. Am Schluss unseres Besuches will die Bäuerin uns von ihr bestickte Schuhsohlen schenken, die in Shaanxi ein beliebtes Präsent sind. Wir geben ihr 40 Yuan, die sie zufrieden in die Truhe steckt.

"Die KP benimmt sich selbst wie ein Großgrundbesitzer"

An den Wasserfällen kommen wir mit einem Gastwirt ins Gespräch. Über dampfenden Nudelschüsseln sprechen wir den nahenden 16. Parteitag der KP an: "Mit uns hat das nichts zu tun. Wir sind einfache Leute. Wir sorgen uns nur darum, ob wir Kleidung, Nahrung und das Schulgeld bezahlen können", sagt er. "Ob ein Jiang Zemin oder ein Hu Jintao Parteichef wird: Für uns ändert sich nichts", ergänzt unser Fahrer. Die Nudeln will der Wirt nicht bezahlt haben, was unseren Chauffeur erneut an der Menschheit zweifeln lässt.

Hochzeitsauto in Yan'an: Pilgerort der Kommunisten
Jutta Lietsch

Hochzeitsauto in Yan'an: Pilgerort der Kommunisten

"Die Kommunistische Partei kam an die Macht, um die Großgrundbesitzer zu vertreiben. Nun benimmt sie sich selbst wie ein Großgrundbesitzer", lesen wir später in einem Aufsatz des Shanghaier Wissenschaftlers Cai Jingqing, der lange Zeit in der Provinz Henan forschte und seine Erkenntnisse in dem Buch "China am Gelben Fluss" zusammenfasste.

Auf der Rückfahrt nach Yan'an halten wir an einem weiteren revolutionärem Stützpunkt: In Nanyiwan hat die Befreiungsarmee in den dreißiger Jahren eine Kolchose gegründet. Um Sympathien bei der Landbevölkerung zu gewinnen, verlangte Mao von seinen Truppen, sich selbst zu versorgen und nicht die Vorratskammern der Bauern zu leeren.

Ein kleines Museum erinnert an das Ereignis, in der Höhle, in der Mao drei Tage lang wohnte, stehen noch Bett und ein paar Hocker. Die Kolchose von damals existiert noch heute. Im Kulturpalast sind ein paar Scheiben zerbrochen, ein Mao-Porträt ist an ein Fenster geklebt.

Auf der Rückfahrt sehen wir in der Ferne Häftlinge in blau-weißen Uniformen, die eine Straße ausbessern.

"Als Genosse kann man etwas werden"

Vor dem Schalter am Bahnhof von Yan'an wird geschubst und vorgedrängelt. Wie wollen Fahrkarten nach Xi'an lösen. Die Bahnhofsuhr geht 20 Minuten nach. Vor dem Ausgang zum Bahnsteig wogt eine quirlige Masse junger Leute in bunten T-Shirts. Es sind Studenten aus Xi'an, die, wie einige berichten, an einer "sozialen Bewegung" teilgenommen haben.

Im Zug von Yan'an nach Xi'an: Ein alter Mann und sein Enkel bestaunen die westlichen Besucher
Jutta Lietsch

Im Zug von Yan'an nach Xi'an: Ein alter Mann und sein Enkel bestaunen die westlichen Besucher

Die sah so aus: In den Dörfern in der Umgebung von Yan'an spielten sie mit den Kindern und verteilten Stifte, Bücher und Kleidung. "Die Leute sind hier noch sehr arm", sagt ein Student.

Er berichtet, dass nur besondere Studenten für solche Aktivitäten ausgesandt würden. "Sind Sie KP-Mitglied?" fragen wir. Der junge Mann bejaht. Warum? "Man kann als Genosse etwas werden, man kann Verantwortung übernehmen."

Er ist stolz auf sein Parteibuch: "Die Vorbereitungszeit dauert zwei Jahre. Nur die Besten können Mitglied werden."

Die Reportage über die Reise am Gelben Fluss besteht aus sechs Teilen. Die ersten vier Teile finden Sie hier:

Die sechste Etappe führt nach Sanmenxia, zum ersten großen Staudamm am Huanghe, dessen Bau in den sechziger Jahren fast eine Katastrophe verursachte, und endet in Kaifeng in der Provinz Henan. Lesen Sie am Donnerstag den letzten Teil der Reisereportage am Gelben Fluss:



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.