Ruta 40 in Argentinien: Vor uns 35.000 Kilometer
Ruta 40 in Argentinien: Vor uns 35.000 Kilometer
Foto: Kevin Lemos Wimmer / Lars Fischer

Ausgebremst im Dschungel wegen Corona Ich hab noch einen Daimler in Peru

15 Monate lang wollten ein 25-jähriger Stuttgarter und sein Kumpel über die Panamericana fahren, von Chile nach Alaska. In Peru stoppte sie das Virus, seitdem wartet ihr Mercedes-Benz W124 auf sie – mitten im Urwald.
Von Kevin Lemos Wimmer

Ein Jahr ist es jetzt her, dass wir unseren Traum von der Durchquerung Amerikas, von der Südspitze Südamerikas bis hoch nach Alaska, begraben mussten. Vor einem Jahr sind mein bester Freund Lars und ich mit einem britischen Evakuierungsflug aus dem Corona-Lockdown Limas nach Hause geflohen.

Zurück blieb unser 30 Jahre alter, umgebauter Mercedes-Benz W124 mit unseren Notebooks, der Kameraausrüstung und vielen persönlichen Dingen an Bord – in dem peruanischen Dorf Pozuzo, mitten im Dschungel östlich der Anden.

Dabei hat alles so gut begonnen. Im August 2019 ist der Hamburger Hafen das Letzte, was wir von Deutschland sehen. Fünf Wochen schippern wir mit unserem Auto auf einem Frachtschiff Richtung Südamerika – insgesamt wollen wir 15 Monate unterwegs sein und filmen. Mit an Bord sind auch andere Langzeitreisende. Uns alle verbindet der Plan, die längste Straße der Welt, die Panamericana, mit dem eigenen Fahrzeug hochzufahren. Wir tauschen uns aus, bauen Freundschaften auf, knüpfen Kontakte.

Es ist ein Mythos, dass man sich die Überfahrt erarbeiten könnte, indem man das Deck schrubbt. Wir sind zum Nichtstun verdammt. Und das ist okay. Weil wir jetzt nach Ausbildung und Arbeit die Zeit dafür haben und das Bedürfnis, mal wieder offline zu sein. Internet, Telefon oder Fernsehen gibt es an Bord nicht, stattdessen einen Aufenthaltsraum, drei Mahlzeiten am Tag, ein provisorisches Fitnessstudio und jede Menge Platz an Deck für Sport und Sonnenbaden. Am Tag der Ausschiffung in Montevideo in Uruguay fahren wir alle wie bei einer Rallye von Bord und verstreuen uns über den Kontinent.

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Aus unserem »Daimler«, wie man bei uns im Ländle sagt, haben wir die hintere Sitzbank ausgebaut, um zwei Ebenen für Ausrüstung und Werkzeug zu schaffen. Zum Schlafen steigen wir in unser Dachzelt, auf 1,30 Meter Breite haben wir beide gerade eben ausreichend Platz. Gekocht wird am Kofferraum, den wir zur Küche ausgebaut haben. Verderbliches haben wir nicht dabei, stattdessen viel Gemüse, Obst, Avocados und Erdnussbutter. Immer wieder sprechen uns Einheimische auf das Dachzelt an. Den Hype darum verstehen wir nie so wirklich.

Lenkgetriebe kaputt und kein Ersatz

Uns zieht es erst einmal durch das windige Patagonien ins argentinische Ushuaia, in die südlichste Stadt der Welt. Dort starten wir die Tour über die komplette Panamericana mit ihren etwa 35.000 Kilometern. Campen können wir überall. Abends müssen wir unser Dachzelt nach dem Wind ausrichten, da es trotz robuster Bauweise wie ein Segel wirkt und bei Windgeschwindigkeiten um die 100 km/h zu zerfetzen droht. Der Lärm nachts ist ohrenbetäubend, die Kälte zieht bis in unsere Schlafsäcke.

Der »Daimler« mit Dachzelt: Zu windig in Patagonien

Der »Daimler« mit Dachzelt: Zu windig in Patagonien

Foto: Kevin Lemos Wimmer / Lars Fischer

Wochen später führt uns die »Carretera Austral« entlang der verregneten Ostseite der Anden durch das im Süden nur dünn besiedelte Chile. Unsere Lenkung macht plötzlich Probleme. Um geradeaus zu fahren, müssen wir mehr als 90 Grad nach links einlenken, täglich wird das Spiel in dem komplexen Getriebe größer. Wir brauchen Hilfe.

Doch die Mechaniker erklären uns, dass wir die nur in Santiago de Chile finden. Ausgerechnet in der Stadt, die wir meiden wollten, denn im Herbst 2019 befindet sich Chile im Umbruch – die Menschen gehen wegen der noch aus Zeiten der Pinochet-Diktatur bestehenden Verfassung auf die Straße, demonstrieren für Sozialreformen und zeigen ihre Wut auf den teils komplett demolierten Straßen im Zentrum der Hauptstadt. Dort juckt es uns immer wieder in Nase und Augen. Tränengas, erklärt uns eine Passantin und deutet auf ihre abgedichtete Schutzbrille.

In der Mercedes-Benz-Niederlassung wird uns erklärt, dass es für unser altes Modell kein Ersatzteil gibt, der Import eines neuen Lenkgetriebes aber den Wert unseres alten Kombis bei Weitem übersteigt. Mein Bruder Bruno hilft uns aus der Misere: Zwei Wochen später fliegt er mit einem neuen Lenkgetriebe im Koffer nach Santiago.

Juan und seine Familie: Stuttgarter Nummernschild als Mitbringsel

Juan und seine Familie: Stuttgarter Nummernschild als Mitbringsel

Foto: Kevin Lemos Wimmer / Lars Fischer

Nach erfolgreicher Reparatur ziehen wir über die nördlichen und oft extrem heißen Provinzen Argentiniens weiter Richtung Norden. Mitten in der kargen Steppe kommt uns eine etwa 20-köpfige Großfamilie auf Pferden entgegen, wir machen zusammen für einige Stunden Rast.

Mit Pferden haben wir beide keine Erfahrung, und der Vater, Juan, führt uns ein paar Runden auf dem Rücken der Tiere herum. Spaßeshalber sagt er, dass das jetzt 70 Dollar koste, seine Familie lacht. Statt Geld schenken wir ihm eins der deutschen Nummernschilder, die wir aus der Garage meines Vaters mitgenommen haben. Bei uns ist es ausgedientes Altmetall, am anderen Ende der Welt ein Souvenir.

Von der Viehzucht allein kann die Familie kaum leben, erklärt Juan. Stattdessen hoffen sie auf Touristen, die zum Reiten aus dem reichen Buenos Aires oder etwa aus Brasilien und Chile kommen. Einer der Männer, etwa unser Alter, spricht uns auf das 7:1 zwischen Brasilien und Deutschland an. Obwohl wir Deutschen die Argentinier in der WM 2014 im Finale besiegten, danken sie uns fast, dass die Nationalelf die Brasilianer damals so gedemütigt hat. Dass ich nicht nur Deutscher, sondern auch Brasilianer bin, verschweige ich lieber.

Karneval im peruanischen Bergland

Nach beinahe einem halben Jahr auf Achse stecken wir irgendwo im peruanischen Bergland fest. Nicht etwa im Schlamm, sondern in einem Karnevalsumzug. Dicker Nebel kommt im Laufe des Tages auf, wir frieren. Nach etwa sechs Stunden wagen wir einen ersten Versuch und starten den Motor. Lars steigt aus und bittet die betrunkene Menge, uns passieren zu lassen. Ohne Erfolg. Stattdessen bewerfen sie ihn mit Mehl. Von oben bis unten weiß bestäubt, wirft er sich wieder ins Auto. Ich lache mich kaputt und schlängele mich hupend durch die Menge. »Das war ja 'ne super Idee«, sagt Lars und winkt seinen Peinigern durch die Scheibe zu.

Es wird das letzte Mal sein, dass wir so viele Menschen so dicht gedrängt sehen. Die beginnende Coronakrise bringt Peru nur wenige Wochen später zum Stillstand.

Pozuzo, das Tausend-Einwohner-Dorf im peruanischen Dschungel, in dem noch heute unser Benz steht, erreichen wir im Februar. Österreicher und Deutsche gründeten dort vor rund 150 Jahren eine Kolonie, hier wird Deutsch gesprochen und in Lederhose und Dirndl gefeiert. Schon allein die Straße dorthin ist ein Abenteuer: Mitten in der Regenzeit gleicht sie eher einer Off-Road-Piste; um sie passierbar zu halten, müssen Bagger jeden Tag den vom Hang gestürzten Schlamm zur Seite schaffen.

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Mit dem Daimler auf der Panamericana: Vollbremsung in der Coronakrise

Foto: Kevin Lemos Wimmer / Lars Fischer

An eine Rückfahrt ist zunächst nicht zu denken, zu massiv ist der Schlamm, zu abschüssig die Straße. Erst in einem Monat wird die Regenzeit abklingen. Wir lassen unseren Daimler auf dem Parkplatz der Pension von Hans stehen, der Plan: mit dem Rucksack ein paar Wochen den Amazonas erkunden. Womit wir nicht gerechnet haben: dass wir nicht mehr zu unserem Auto zurückkommen und eine Pandemie unsere Reise auf den Kopf stellt.

Gosimar und Esaias, zwei Brüder indigener Abstammung, nehmen uns mit zu ihrer Familie in eine Art Außenposten mitten im Pacaya-Samiria, dem größten Naturschutzgebiet Perus und in etwa so groß wie Hessen. Nachts suchen wir nach Krokodilen, tagsüber laufen wir stundenlang durch den Dschungel und entdecken Tapirspuren.

In Acht nehmen sollen wir uns vor den Ameisen, deren Stiche schmerzen wie die von Hornissen. Auf keinen Fall irgendwo blind hinfassen – ein Schlangenbiss kann hier tödlich sein, da wir zu weit weg von der nächsten Klinik sind. Das allerwichtigste: Gummistiefel. Oft waten wir durch den aufgrund der Regenzeit wassergetränkten Urwald. Sogar im knöcheltiefen Wasser sehen wir Piranhas. Am Abend isst die Familie einen Affen, dem sie eine Falle gestellt hatten. Eine Probe lehnen wir dankend ab.

Mit dem letzten Flugzeug nach Lima

In einer kleinen Stadt am Rio Ucayali erreicht uns die Nachricht, dass Covid-19 zur Pandemie geworden ist. Frühmorgens haben wir mit dem Boot das Camp der indigenen Familie verlassen. Ohne Internetverbindungen oder gar Strom haben wir von der Ausbreitung des Coronavirus nichts mitbekommen.

»Coronavirus!«, »Gringos!«, ruft man uns zu, einige Taxifahrer vermeiden, bei Barzahlungen unsere Hand zu berühren. Wir fühlen uns unerwünscht. Die Peruaner sehen in uns weißen Touristen die Überträger der Krankheit und haben große Angst vor Covid-19 und den noch völlig unbekannten Folgen – wir auch.

Mit dem Schnellboot fahren wir nach Iquitos, der größten Stadt der Welt, die nur auf dem Wasser- oder Luftweg zu erreichen ist. Sechs Flusstage bräuchten wir, um stromaufwärts zu unserem Auto zu kommen. Zu weit. Aber in der Dschungelstadt zu bleiben, ist aufgrund ihrer Lage auch keine Option. Mit dem buchstäblich letzten Flugzeug im peruanischen Luftraum kommen wir in der Hauptstadt Lima an.

Die Metropole ist bekannt für das größte Verkehrschaos Südamerikas, doch jetzt ist sie menschenleer. Innerhalb von nur 24 Stunden ist sie zur Geisterstadt geworden. Unser Busticket nach Pozuzo ist wegen der bevorstehenden Ausgangssperre storniert worden. Wir bitten einen der wenigen Taxifahrer, uns in ein Hostel in der Innenstadt zu bringen. Dafür müssen wir mehrere Militärkontrollen passieren.

Mit jedem Tag schwindet mehr die Hoffnung, unseren Benz wiedersehen zu können. Schon das eigene Stadtviertel zu verlassen, ist verboten, geschweige denn das Reisen innerhalb des Landes. Auf die Straße dürfen wir nur für Bank- und Apothekenbesuche oder um Nahrungsmittel im nächstgelegenen Supermarkt zu kaufen. Nach zwei Wochen Lockdown in Lima fliegen wir mit einem britischen Evakuierungsflug über London nach Frankfurt. Unsere Reise ist bis auf Weiteres beendet.

Konfiszierung des Autos droht im Mai

In Pozuzu zündet Pensionswirt Hans, ein Peruaner mit deutsch-österreichischen Wurzeln, etwa einmal im Monat unseren Daimler, um die Batterie am Leben zu halten. Seine Tochter Bianca hilft uns derweil über WhatsApp immer wieder, wenn es um die komplizierte Verlängerung der peruanischen Fahrzeugpapiere geht. Während auch Hans durch Corona die Gäste fehlen, hat sich unser Auto mittlerweile als Dauergast etabliert.

Aus heutiger Sicht war es die richtige Entscheidung, Peru zu verlassen. Wir hätten nicht weiterfahren können, da die meisten südamerikanischen Länder ihre Landesgrenzen zur Pandemiebekämpfung geschlossen haben. Jetzt sind der Frühling und die Entwicklung der Infektionszahlen für uns entscheidend, denn kommenden April wollen wir zurück nach Peru, um den Daimler mit dem Frachtschiff zurück nach Deutschland zu bringen.

Bis Anfang Mai haben wir dafür Zeit, dann erlischt die temporäre Einfuhrgenehmigung für das Auto und die Konfiszierung durch den peruanischen Zoll droht. Die Uhr tickt.