Reise-Blog "Nomad Earth" Umwege sind Luxus

Großstädte verwirren, Meer und Wüste machen glücklich: Die Blogger von "Nomad Earth" berichten regelmäßig von Fluchten in die Natur. Oder begleiten andere dabei - gerade haben sie einen Film über Surfer an der Atlantikküste gedreht.

nomadearth.com

Persönliche Texte, neue Blickwinkel: Die deutschsprachige Reise-Blogger-Szene hat sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt. Ein riesiger Schatz von inspirierenden Berichten aus aller Welt ist entstanden. Im Fragebogen-Interview stellen wir die Menschen hinter den originellsten Webseiten vor. Heute: Mario Hainzl, einer der beiden Gründer von nomadearth.com.

Die verrückteste Reise Ihres Lebens?

Das ist wohl unser Vorhaben, das Reisen als etwas zu sehen, das einen erweitert, anderen Chancen bietet, und selbst noch damit Geld zu machen - um wiederum länger zu reisen. Das ist eine verrückte Unternehmung, und zusammen mit meinem Kollegen Andreas Jaritz bin ich mit "Nomad Earth" seit etwa drei Jahren auf diesem Trip.

Wo fühlen Sie sich am wohlsten: Gebirge, Meer, Großstadt oder Wüste?

Meer und Wüste - die Großstädte dazwischen dienen als Punkte, in denen man Verwirrung sammeln kann. Städte sind ja so schon verrückt, aber dieser Eindruck lässt sich durch ein paar Tage Kulturabstinenz noch gewaltig steigern.

Gebirge? Na ja. Ich sehe nicht viel Sinn darin, mich zum höchsten Punkt eines Berges zu quälen, um dann wieder runterzugehen. Untypisch für einen Österreicher, aber ich kann mit den Felsmuggeln einfach nichts anfangen. Andreas sieht das anders.

Bitte schreiben Sie für uns exklusiv ein Kurz-Blog über Ihre letzte Reise - und zwar in einem Satz:

Die letzte Reise war eine 20-wöchige Tour-de-Force entlang der französischen, spanischen und portugiesischen Atlantikküste, bei der wir über 150 Leute interviewt haben und Einblicke in ihre Lebensumfelder erhaschen konnten. Das Endprodukt ist ein Film namens "The Old, the Young and the Sea", eine Dokumentation über das Surfen und Leben an Europas Küste.

Ohne welchen Gegenstand würden Sie niemals reisen?

Ich würde wohl nie ohne einen Stift und Papier verreisen. Vor einigen Jahren war ich das erste Mal an der Atlantikküste unterwegs und habe damit begonnen, jede Person, mit der ich mehr als ein paar Worte gewechselt hatte, in einer kurzen Beschreibung zu notieren. Nach einem Monat waren es über 500 Einträge. Normalerweise hätte ich die meisten dieser Leute längst vergessen.

Was war Ihre schlimmste Reisepanne?

Eine Motorradpanne. Die Gemeinheit, genau am menschenleersten Ort im Senegal den Geist aufzugeben, hätte ich meiner treuen Rosinante nicht zugetraut. Mein Reisefreund Mansour und ich haben das gestrandete Motorrad mit einer Mischung aus Skepsis und Resignation angesehen, und wir wussten definitiv, dass unsere vier linken Hände zu keiner Reparatur fähig waren.

In der flirrenden Hitze kam ein Mann auf uns zu und sagte: "Mein Haus ist in der Nähe und mein Cousin Mechaniker." Ersteres stimmte, Letzteres war stark übertrieben. Aber die drei Tage, für die er uns in sein einfaches Haus aufnahm, haben wir mit dem Beobachten der stetig wachsenden Amateurmechaniker-Meute verbracht. Den Mann, der uns aufgelesen hatte, sowie seine gesamte Verwandtschaft konnten wir während des unfreiwilligen Aufenthalts auch gut kennenlernen. Das mit dem Reparieren wurde nichts, schließlich haben wir das Motorrad mit einem alten Pick-up nach Dakar gebracht. Aber dafür habe ich dank dieser Episode einige neue Facebook-Freunde gewonnen.

Ansonsten würde ich meine Abiturreise als Panne bezeichnen - aber das plant man ja auch genau so.

Ein völlig unterschätztes Reiseziel ist:

Die Heimat. Schade nur, dass wir nicht dazu fähig sind, in unseren eigenen Gefilden touristendoof nach oben zu schauen ("Oh, diese europäischen Stuckaturen an den Gebäuden!"). Tourist im eigenen Block zu sein, das erfordert schon eine große Fähigkeit, im eigenen Leben nicht betriebsblind zu sein.

Wie oft sind Sie unterwegs, und wie finanzieren Sie die Reisen?

Wir beide sind im Jahr wahrscheinlich jeweils so an die vier Monate unterwegs. Sowohl privat als auch für "Nomad Earth". Viele der Reisen haben wir in den letzten Jahren gemeinsam gemacht. Da wir unter die Kategorie "Mobile Worker" beziehungsweise unter die noch schönere Bezeichnung "Web-Arbeiter" fallen, erledigen wir Jobs immer wieder von unterwegs. Damit kann man sich das Reisen grundsätzlich finanzieren, reich wird man allerdings kaum. Zum Glück haben wir relativ bescheidene Ansprüche.

Der größte Luxus, den Sie sich unterwegs gönnen?

Umwege, Zeit und Zufälle. Pannen als Weg zu sehen - das kann man sich in der routinierten Einfachheit des Alltags nicht leisten.

Lesen Sie hier die weiteren Blogger-Fragebogen dieser Serie:

Marianna Hillmer-Wiechmann vom "Weltenbummler Mag"

Christoph Pfaff von VonUnterwegs.com

Yvonne Zagermann von justtravelous.com

Peter Hinze von reception-insider.com

Heike Kaufhold von koeln-format.de

Johannes Klaus von reisedepeschen.de

Gesa Neitzel von bedouinwriter.com

Patrick Hundt von 101places.de

Siola Panke von quadraturderreise.de

Philipp Laage von runtravelgrow.de Die Fragen stellte Stephan Orth

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