Indischer Himalaja Das glasklare Wasser des Ganges

Michael Martin

Er ist der heilige Fluss der Hindus - und eine trübe, vergiftete Brühe. Doch wo der Ganges entspringt, plätschert noch glasklares Wasser. Fotograf Michael Martin traf im Himalaja Pilger, Bergsteiger und einen Asketen.

Die spirituellen Zentren und Ashrams von Rishikesh zogen in den Sechzigerjahren schon die Beatles an den Rande des indischen Himalaja. Bis heute ist die Stadt so etwas wie die Yogahauptstadt der Welt und das Sehnsuchtsziel indischer und westlicher Pilger. Sie kommen, um sich hier mit dem Wasser des Ganges zu waschen, den viele Inder auch als ihre "Mutter" bezeichnen.

Von hier bis zur Mündung in den Golf von Bengalen fließt der Ganges mehr als 2000 Kilometer weit durch Indien. Doch mich interessiert sein Ursprung. Dieser liegt 260 Kilometer nördlich von Rishikesh. Dort tritt das Wasser aus dem Gangotri-Gletscher aus, einem der größten Eisströme des Himalaja. Dort wollen wir hin, meine Frau Elly und ich, auf 3900 Meter Höhe, zum Quell dieses fließenden Heiligtums.

Im Gewimmel der Altstadt finden wir einen Motorradverleih. Bis in die Stadt Uttarkashi macht das Fahren mit der Royal Enfield keinen Spaß - es gibt Baustellen, Erdrutsche und dichten Verkehr. Doch der nächste Tag bringt die erhoffte Fahrfreude. In unzähligen Kurven geht es meist einspurig 2000 Höhenmeter hinauf nach Gangotri.

Fotostrecke

19  Bilder
Wo der Ganges entspringt: Das Leben am heiligen Fluss

Der Pilgerort ist einer der vier Stationen der sogenannten Char Dham Yatra, der großen Pilgerreise der Hindus zu den vier heiligen Wohnsitzen der Götter im Himalaja. Gangotri besteht hauptsächlich aus einfachen Unterkünften, Lokalen und Souvenirläden. Vor dem schneeweißen Ganga-Tempel bilden sich lange Schlangen.

Auch der Ganges rauscht als glasklarer Bergfluss durch den Ort. Ein Bad ist wegen der heftigen Strömung unmöglich. Darum stehen die Pilger am Ufer - an den sogenannten Ghats -, schöpfen Wasser und gießen es sich über den Körper. Sie füllen Plastikkanister voll und steigen dann in die bereits wartenden Sammeltaxis.

Nur wenige versuchen, den 19 Kilometer entfernten Ursprung des Ganges zu erreichen. Auch wenn die Geschäfte alles feilbieten, was man dafür benötigen könnte: Wollmützen, Pullover, Anoraks und Sauerstoff in Spraydosen.

Schnappschuss mit Kuhmaul

Wir stellen das Motorrad in Gangotri unter, schultern die Rucksäcke und folgen mit dem nepalesischen Guide Kumasei dem Ganges flussaufwärts. Bald tauchen die ersten Eisriesen des Himalaja auf, die die bunten Herbstwälder überragen.

Bevor wir den Ganges am nächsten Morgen mit einer handbetriebenen Seilbahn überqueren, übernachten wir in einem der vielen Pilgercamps, die Feldbetten und warme Mahlzeiten bereithalten. Der Weg ist einfach zu gehen, aber die dünne Luft bereitet vielen Probleme. Wir sind an diesem Morgen die Ersten, die am sogenannten Kuhmaul - auf Indisch: Gaumukh - stehen. Aus einem breiten Gletschertor schießt Schmelzwasser heraus und formt einen reißenden Gebirgsfluss.

Zwar entspringt hier offiziell der Bhagirathi, der sich später mit dem Alaknanda vereinigt und erst dann Ganges heißt. Aber die Hindus verstehen bereits das Kuhmaul als Quelle ihres heiligen Flusses. Diese hat allerdings ein Problem: Schon lange schwinden die Eismassen am Gletschertor. Jüngere Messungen haben gezeigt: Zwischen Mitte der Fünfziger- und Siebzigerjahre tauten jährlich noch bis zu 35 Meter, derzeit geht man von etwa zehn Metern aus.

Der Rückgang der Gletschermasse könnte laut Europas oberster Weltraumbehörde Esa schwerwiegende Folgen für die Menschen haben, die entlang des Ganges leben. Doch die bald eintreffenden Pilger haben andere Sorgen. Sie füllen ihre mitgebrachten Gefäße mit heiligem Gangeswasser und halten den Moment zwischen Eisbrocken auf Handyfotos fest. Den meisten macht die ungewohnte Höhe derart zu schaffen, dass sie schnell wieder absteigen.

Nacht in der Speisekammer

In alpinistischer Hinsicht wird es nun aber erst interessant, denn die umliegenden Berge gehören zu den schönsten des ganzen Himalaja. Der 6543 Meter hohe Shivling wird von vielen Bergsteigern gar als der schönste Berg der Erde bezeichnet. Um ihn zu sehen, müssen wir noch einmal 400 Höhenmeter höher nach Tapoban aufsteigen, doch auf dieser Hochfläche angekommen, steckt der Shivling in dichten Wolken. Mittags beginnt es gar zu schneien.

Mauni Baba: Alltag auf 4300 Metern über dem Meer
Michael Martin

Mauni Baba: Alltag auf 4300 Metern über dem Meer

Wir laufen auf ein paar steinerne Hütten zu, als ein hochgewachsener, in rote und gelbe Tücher gehüllter Mann heraustritt. Der Sadhu - so nennen die Hindus Menschen, die sich dem strikt asketischen Leben verschrieben haben - winkt uns mit einer einladenden Geste her. "Das ist Mauni Baba", flüstert Guide Kumasei.

Wir dürfen in seinem Refugium aus Stein Platz nehmen und bekommen ein warmes, veganes Essen. Mir fällt auf, dass unser Gastgeber zwar die Lippen zu Worten formt, aber nicht spricht. "Er fastet und schweigt", sagt Kumasei. Im Winter, wenn keine Besucher zu ihm aufsteigen, sitzt er monatelang in seiner Klause und meditiert.

Als wir nach einem Platz für unser Zelt fragen, lädt uns Mauni Baba ein, in der winzigen Hütte zu schlafen, in der seine Vorräte für den Winter lagern. Wir nehmen an, sind aber nicht allein: Mäuse flitzen nachts durch den Raum, ein Nager läuft Elly übers Gesicht.

Sonnenlicht auf den Bhagirathi-Spitzen

Der nächste Tag bringt keine Wetterbesserung, vom Shivling ist weiter nichts zu sehen. Wir vertreiben uns die Zeit mit einem Besuch im Basislager einer französisch-belgischen Expedition, die seit Wochen auf ein Wetterfenster wartet, um im Meru-Massiv eine neue Route zu klettern. Die Aussichten sind endlich gut.

Als die Sonne untergeht, sind die schroffen Bhagirathi-Spitzen bereits wolkenfrei und leuchten im letzten Tageslicht. Ich stelle mir den Wecker auf 4.30 Uhr.

Der Shivling (6543 Meter) in der Morgendämmerung
Michael Martin

Der Shivling (6543 Meter) in der Morgendämmerung

Als er klingelt, krieche ich bei Minusgraden aus unserem steinernen Verschlag. Die weiße Pyramide des Shivling ragt in den sternenklaren Himmel. Vier Stunden lang fotografiere ich den Berg in allen Phasen der Morgendämmerung und des anschließenden Sonnenaufgangs. Zum Schluss lasse ich meine Drohne in den tiefblauen Himmel aufsteigen und mache Panoramabilder aus der Luft.

Zum letzten Mal kocht uns Mauni Baba einen Masalatee, dann steigen wir durch den Schnee ab ins tropisch schwüle Indien.



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4 Leserkommentare
jgom 28.10.2019
Layer_8 29.10.2019
mitch72 29.10.2019
eizboks 30.10.2019

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