Ehemalige Reisebloggerin Ute Kranz: »Dieser Lifestyle ist nicht so erstrebenswert, meine Zweifel wuchsen«
Ehemalige Reisebloggerin Ute Kranz: »Dieser Lifestyle ist nicht so erstrebenswert, meine Zweifel wuchsen«
Foto: Ute Kranz

Hauptberuf Reisebloggerin Über einen Traum, der keiner mehr ist

Jahrelang reiste ich um die Welt und lebte von den Einkünften als Influencerin. Dann kam Corona und zerstörte mein Geschäft – darüber bin ich eigentlich ganz froh.
Von Ute Kranz

Die Welt bereisen und damit auch noch seinen Lebensunterhalt bestreiten können, hört sich traumhaft an. Oder? Nicht mehr zu Hause im Alltagstrott versinken, sondern die Freiheit an den schönsten Plätzen der Erde erleben – diese Option erschien mir auch vor acht Jahren derart erstrebenswert, dass ich mein Glück als Reisebloggerin versuchen wollte.

In meinem damaligen Beruf war ich mental und körperlich ausgebrannt. Das Einzige, was mich all die Jahre gehalten hatte, war die Tatsache, dass ich mir von meinem sehr guten Einkommen viele zum Teil exotische Reisen leisten konnte. 2013 ging ich mit meinem Blog »Bravebird« live – zunächst als Nebenberuf.

Ich wollte in erster Linie mit meinen Erfahrungen Frauen ermutigen, allein auf Reisen zu gehen. Meine Reichweite wuchs kontinuierlich, Einladungen zu Pressereisen flatterten in mein Postfach, und nur ein Jahr später gab ich Job und Wohnung auf und machte das Bloggen zum Hauptberuf.

Doch was als Hobbybloggerin verlockend klingt – kostenlos für eine Woche in die Karibik fliegen, dort in einem Klub am Meer chillen oder in stylischen Luxushotels übernachten und darüber im Nachgang nur einen Reisebericht schreiben – war hauptberuflich von Jahr zu Jahr uninteressanter. Vom Reisen ohne Honorar konnte ich nicht überleben.

Als Soloselbstständige aber musste ich mindestens 3000 Euro brutto monatlich an Einnahmen haben. Nur wie sollte ich das bewerkstelligen? Die Antwort lautete schlicht: Werbung in allen nur erdenklichen Facetten. Pressereisen, Produkte, Gastbeiträge, Bücher. Kein Problem, dachte ich, solange es Dinge sind, die ich gut finde. Doch nach und nach wurde mir klar, dass dieser Lifestyle nicht so erstrebenswert ist, wie viele Blogger:innen es im Netz suggerieren, und meine Zweifel wuchsen.

Posieren im Bikini statt Einheimische kennenlernen

Das Problematische an Werbung auf meinem Blog ist, dass sie nicht wie zum Beispiel bei YouTube unabhängig zwischengeschaltet ist, sondern dass das zu bewerbende Produkt mit meiner Person verknüpft sein muss. Man hält irgendwas in die Kamera oder empfiehlt irgendetwas, was nicht immer zu einem passt. Authentisch bleiben ist dadurch in sehr vielen Momenten nicht mehr möglich.

Bevor ich jedoch gar nichts verdiente, musste ich Kompromisse machen. Pressereisen erschienen mir die beste Wahl, um erst mal das Unterwegssein zu finanzieren. Eine Agentur oder ein Tourismusbüro stellt ein Programm für mehrere Tage zusammen, über das man nach der Reise im eigenen Stil berichtet. Doch so einfach war das nicht. Oft passten die Inhalte nicht zu mir oder der gewünschte Beitrag entsprach nicht dem, was ich aus eigener Intention verfasst hätte.

Mal war ich für vier Tage in Frankreich für eine geplante Radwanderweg-Promotion unterwegs und saß in dieser Zeit nur insgesamt 2,5 Stunden auf einem Fahrrad – viel zu wenig, um über das Thema wirklich zu schreiben. Mal verbrachte ich eine Woche in der Karibik mit drei ambitionierten Instagrammer:innen: Von morgens bis abends drehte sich bei ihnen alles um Likes, Konkurrenz und sexy Posieren im Bikini am Privatstrand, anstatt auf den Tagestouren die Insel zu entdecken.

Reisen als Job: Was relaxt aussieht, hat mit der Realität oft wenig zu tun

Reisen als Job: Was relaxt aussieht, hat mit der Realität oft wenig zu tun

Foto: Ute Kranz

Beides war mehr als fern von dem, was Reisen für mich ausmacht: die Begegnung mit Einheimischen, um das Leben und die Kultur der Menschen im Reiseland besser verstehen zu können.

Gleichzeitig war der Aufwand hoch: Manchmal waren bis zu 70 E-Mail-Kontakte mit einer Agentur nur für eine Reise notwendig, die mit den Inhalten überfordert war. Tag für Tag bekam ich unzählige Anfragen von Unternehmen und Agenturen, die sich zwar Werbung wünschten, aber nichts oder wenig bezahlen wollten. Nur einzelne E-Mails waren interessant, alle aber mussten beantwortet werden. Auch jene von großen Firmen, die sich von mir sponsern lassen wollten: Ich sollte zum Beispiel ein Hotel-Wochenende für deren Follower spendieren, um dafür »von ihrer Media-Reichweite« zu profitieren – eigentlich funktioniert das genau andersherum.

»Lebe nicht dein Leben, sondern poste deinen Traum«

Wer mit seinem Blog finanziell erfolgreich sein möchte, wird zwangsläufig auf Themen setzen müssen, für die sich die meisten Menschen interessieren. Das sind in der Regel City-Trips, Massentourismusziele und seit Instagram die einschlägigen Hotspots, die eine perfekte Selbstinszenierung in toller Kulisse ermöglichen. Diese »Sehnsuchtsorte« sind auf den Bildern natürlich meist menschenleer, ohne Plastikmüll und einfach nur ganz wundervoll. Mit der Realität hat das oft wenig zu tun.

Um an meinem Traum vom ortsunabhängigen Leben und Reisen mit meinem Reiseblog festzuhalten, musste ich zunehmend feststellen, dass sich meine eigene Art zu reisen verändert hatte. Ich war nicht mehr für mich unterwegs, sondern für andere. Steuerte Orte an, die Leser:innen interessieren könnten, obwohl sie für mich selbst belanglos waren. Abenteuer und Erlebnisse mit Einheimischen wurden im Blog eher selten gelesen, wodurch sich das, was ich eigentlich liebte, immer mehr in den Hintergrund verlagerte.

Was hinzu kam: Wenn ein Reiseblog oder ein:e Influencer:in einen neuen Trend setzt, kann das viele negative Folgen für die Umwelt haben. Sobald sich ein neues Reiseziel oder eine neue Reiseart (Stichwort »Vanlife«) großer Beliebtheit erfreuen, springen nicht nur viele Follower auf den Zug auf, sondern auch viele Mitstreiter:innen, Unternehmen und Regionen. So war mal der Wunsch des Tourismusverbands Mecklenburg-Vorpommern, dass ich eine 2000-Kilometer-in-acht-Tagen-Tour in einem großen Wohnmobil in und durch das Bundesland als »nachhaltige Camper-Wanderreise« ausgeben sollte – absurd.

Die Konsequenz solcher gepushten Trends: Massentourismus, Fernstreckenflüge, lange Autofahrten nehmen auch durch das Vorbild in den sozialen Medien zu, das Halten von Wildtieren in Gefangenschaft wird unterstützt und vieles mehr. Mit der Reichweite sollte eigentlich in gleichem Maße die Verantwortung wachsen; die Realität besonders auf Instagram und TikTok sieht jedoch anders aus.

Dabei interessierten mich die Themen, die kommerziell am erfolgreichsten waren, schon lange nicht mehr. Ich war seit 2015 privat nicht mehr im Flugzeug unterwegs, seit Ende 2018 fliege ich gar nicht mehr. Mit meinem VW-Bus, mit dem ich anfangs in mein Bloggerinnen-Leben gestartet bin, bin ich seit zwei Jahren nicht mehr auf Reisen. Deutschland und Europa sind meine Ziele geworden, per Zug, Kleinwagen oder Fahrrad, in Zelt oder Ferienwohnung.

So traurig es aber ist: Die nachhaltigste Reise ist heute bedauerlicherweise die, die nicht stattfindet. Ohne Reise allerdings gibt es für die Branche und Blogger keine Einnahmen. Und wer das Greenwashing von Konzernen und Unternehmen nicht unterstützen möchte, wird auch auf das Bewerben von nicht nachhaltigen Produkten verzichten wollen.

Die ersten beiden Jahre habe ich viel Mühe investiert, um aus meinem Hobby ein Business zu machen. Nach jahrelangem Zweifeln, ob ich an diesem Konzept trotz all der Widrigkeiten festhalten möchte, hat mir die Coronapandemie die Entscheidung abgenommen: Während die Tourismusbranche stillstand, musste ich weiterhin aktiv bleiben und Beiträge schreiben, denn ein inaktiver Blog würde bei Reisebeginn keine Aufträge mehr erhalten. Dies bedeutete für mich ein Jahr Erwerbslosigkeit trotz regelmäßiger Arbeit. Ein Zustand, der mehr als deprimierend ist.

Es gibt einen Traum, der bleibt

Nach fünfeinhalb Jahren lasse ich daher den Wunsch los, meinen Lebensunterhalt mit Reisen und Reiseprodukten zu bestreiten. Ich möchte meine Authentizität wieder ausleben können und meine Reiseleidenschaft zurückerobern, die durch Pressereisen, die nicht zu mir passten, oftmals gelitten hat.

Für ein großes Glück halte ich es wiederum, mittels eines Blogs oder anderer Kanäle Menschen mit guten Inhalten erreichen, aufklären und inspirieren zu können. Daran halte ich voller Erfüllung und neuer Leidenschaft fest, denn es gibt für unsere gemeinsame Zukunft viel zu tun.

Nur das Geld, das muss zukünftig von anderer Stelle kommen. Dann hoffentlich ohne Superlative, gestellte Fotos und Jagd auf Likes und Herzchen.