Reisehorror Die Sache mit der Abkürzung

SPIEGEL-ONLINE-Leser Dietmar Koch hatte einen richtigen Abenteuerurlaub geplant. In Namibia wurde es an einem Tag aber fast ein bisschen zu abenteuerlich für seinen Geschmack.

Wir, meine Freundin, unser fünfjähriger Sohn und ich, hatten uns eine besonders lange Etappe vorgenommen. So um die 500 Kilometer. Die Straßenkarte versprach eine verlockende Abkürzung am Kamgab-River entlang. 100 Kilometer sparen, warum nicht?

Wir bogen also mit unserem zweiradgetriebenen Miet-Camper von der Hauptpiste in einen Weg ab. Eine Allrad-Route, zugegeben. Aber wir wollten es probieren. Notfalls drehen wir um, dachten wir. Aber wir kamen gut voran.

Nach rund zwei Stunden gabelte sich der Weg: Links führte er durch ein Farmtor und rechts in ein ausgetrocknetes Flussbett. Wir grübelten: War es erlaubt, ins Farmgelände zu fahren? Schließlich nahmen wir den rechten Weg. Es war der falsche, wie wir nach 200 Metern feststellten. Überall tiefer Sand. Wir saßen völlig fest.

Wir versuchten das Auto auszugraben. Zwei Stunden lang, in glühender Mittagshitze. Vergebens. Laut Karte waren es nur drei oder vier Kilometer bis zur Hauptpiste im Tal des Oranje. Ich beschloss Hilfe zu holen, packte einen Kanister Wasser in den Rucksack und marschierte in die Wüste. In der erste Stunde zählte ich meine Schritte. Etwa drei Kilometer war ich vorangekommen, schätzte ich. Eine Geschwindigkeit, die ich nicht halten konnte.

Der tiefe Sand, die unerträgliche Hitze! Ich machte immer längere Pausen, trank Wasser, das in meinem Rucksack inzwischen kochte. Außerdem beobachtete ich die Schlangen und Skorpione zwischen den Steinen. Sie waren mir inzwischen schon egal. Waren die Felsformationen am Horizont überhaupt die von "meinem" Oranje-Tal? War ich in die falsche Richtung gelaufen?

Drei Stunden waren vorbei. Windgeräusche hielt ich nun schon für Motorbrummen. Da sah ich endlich, endlich die Hauptpiste irgendwo in der Ferne. In diesem Moment fuhr ein Landrover vorbei. Ich lief los, erschöpft wie ich war, schrie und winkte. Und tatsächlich: Das Auto blieb stehen, rollte dann in meine Richtung. Zwei Südafrikaner saßen darin. Geschafft, dachte ich. Ich habe es geschafft!

Doch noch war das Abenteuer nicht überstanden. Ich fuhr mit meinen beiden Rettern zurück zum Miet-Camper. Wie ich mich auf meine beiden Lieben freute! Doch sie waren nicht mehr da! Am Fahrzeug hing ein Zettel: "Sind in der nächsten Farm. Touristen haben uns mitgenommen." Damit ging die Suche los. "In der nächsten Farm", das ist in Namibia noch lange keine Ortsangabe. Auf gut Glück fuhren wir Richtung Norden. Nach 35 Kilometern kamen wir zur ersten Farm. Doch niemand kannte eine blonde Frau mit einem kleinen Jungen. Ich war verzweifelt, am Ende meiner Kraft. Also wohin nun? Nach Osten? Nach Westen?

Also zurück in auf die schlechte Piste. Plötzlich überholte uns ein Pick-up. Es waren Leute von der Farm, auf der meine Freundin und mein Sohn ängstlich auf eine Nachrichten von mir warteten. Ich jubelte. Kurz vor Sonnenuntergang konnte ich beide wieder in die Arme schließen.

Den Rest der Reise vermieden wir übrigens jede Abkürzung. Auch wenn sie sich in der Straßenkarte noch so verlockend durch die Wüste schlängelte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.