Reisehorror Geschenk von oben

Viele Menschen kehren mit einem leeren Gefühl aus ihren Clubferien zurück. Berufsreisende und -schreiber werden deshalb oft nach dem denkwürdigsten Reiseerlebnis gefragt. Ole Helmhausen erinnert sich dann gerne an die 40 Kilometer im Matatu in Kenia.


Taxifahren kann man überall, aber nur in Kenia ist es ein religiöses Erlebnis. Man geht durch die Hölle, aber nachher fühlt man sich wie neu geboren und könnte die Welt umarmen. Wer vorher als ahnungsloser Lebensverbraucher dumpf dahin dümpelte, lernt in einem Matatu, was Sterblichkeit ist.

Aber das alles wusste ich noch nicht, als ich mich am Lake Naivasha an die Moi Lake Road stellte. Als nach zwei Stunden endlich ein Matatu auftauchte, sprangen zwei junge Typen ab, die außen an den Hintertüren hingen. Sie fuchtelten mit den Armen: "Haraka haraka" - Tempo, Tempo! Ich packte meinen Rucksack und stolperte los. Erst beim Näherkommen merkte ich, dass dieses Matatu eines jener Sorte war, vor der man mich gewarnt hatte: Es war ein Peugeot 504 - "Die kippen oft um!" - mit einem rechteckigen Kasten aus Eisen und Sperrholz huckepack.

Reisen ist in Afrika für sich schon ein Abenteuer
Alex Richter

Reisen ist in Afrika für sich schon ein Abenteuer

Drinnen gab es zwei Holzbänke. Zugelassen sind diese Peugeot-Matatus für zwölf Passagiere, zwei neben dem Fahrer, die übrigen hinten. So weit so gut. Dazu muss man aber wissen, dass die Regierung, finanziell stets mau, mit allerlei Knebelsteuern versucht, sich eine Schnitte vom Profit der rund 24.000 Matatu-Besitzer abzuschneiden, und Polizisten schon bei 100 Kenia-Shilling (rund vier Mark) beide Augen zudrücken. Das Resultat sind rollende, nur durch Stoßgebete zusammengehaltene Seelenverkäufer - und eine katastrophale Unfallrate.

Zehn Passagiere hockten da mit eingezogenen Köpfen und lächelten freundlich. Ich bekam den Platz auf dem Bohnensack an der Fahrerrückwand. Der Speer des Nachtwächters zur linken drückte nicht allzu tief in meine Schenkel, das Baby zur rechten erbrach sich in die andere Richtung. Keine Minute später stiegen zwei jungen Frauen zu. Ihre Matoke-Säcke landeten direkt vor mir, umso weicher saßen sie dann, wobei die eine meine Knie ungefragt als Rückenlehne wählte und die andere lautstark über das Erbrochene unter ihrem Hintern schimpfte.

Irgendwann fielen ein paar Fenster heraus, was aber wegen des süßlichen Geruchs allgemein begrüßt wurde. Dann stieg eine ganze Familie zu, insgesamt sechs Personen, wenn ich mich recht erinnere, und alle für den Gottesdienst wie aus dem Ei gepellt.

Irgendwann brach ein Teil des Bodenblechs weg, und eins der Kinder fiel fast auf die Straße. Der Staub von der Piste verwandelte die Kabine im Handumdrehen in einen Sandkasten. Beim nächsten Stop stieg noch ein Weißer zu, ein junger Amerikaner. Damit waren wir 20 und hatten offensichtlich das Limit erreicht, denn niemand stieg mehr zu. Ich fühlte mich wie einer dieser Verrückten, der für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde mit 20 anderen Verrückten in eine Telefonzelle klettert.

Es schaukelte wie auf einem Rodeo-Automaten. Ein besonders tückisches Schlagloch hob die junge Frau vor mir auf meinen Schoß, auf dem sie bis auf Weiteres blieb, während mein Kopf einen Abdruck in die Kabinendecke drückte und ich eine Schulter zum Festkrallen fand.

Die Kinder auf dem Boden brüllten jetzt wie am Spieß, zwei übergaben sich auf ihre gebügelten Sonntagshosen. Dies und das größer werdende Loch im Boden erschütterte das allgemeine Vertrauen in den Fahrer beträchtlich. In Afrika lernt man, jedes Ding von zwei Seiten zu betrachten. Das Schlechte an unserer Havarie war die Verzögerung. Das Gute war, dass alle noch lebten, aller Unbill zum Trotz.

Kenianische Matatus haben alle einen Namen. Unterwegs gesehen: "The Art of Music", "Fast as Lightning", "Invincible", "Boeing 747", "Uprising", "Close to God": Hoffnungen und Träume der Fahrer, gepinselt oder genietet. Unseres hieß "Inshallah" und dampfte unter der Haube wie ein türkisches Bad. Meja, der Fahrer, hatte für solche Fälle eine Tüte Maniokmehl unter dem Sitz. In einer fließenden Bewegungen wuchtete er die lose aufliegende Haube vom Motor und legte sie vorsichtig ins Gras. Dann schraubte er den Kühler auf. Dass das Ding so porös war wie ein Sieb, war nicht weiter tragisch: Während einer der Schaffner Wasser nachgoss, gab Meja das Mehl bei. Das Mehl quoll auf und verstopfte die Löcher von innen. "Gut für 100 Kilometer", sagte Meja.

Die letzten zehn Kilometer. Hinten in der Kabine kannten sich die meisten inzwischen mit Namen. Mein Vetrauen in "Inshallah" war inzwischen auf dem Nullpunkt. Während unseres Maniok-Stops hatte eines der Kinder Fahrer gespielt und das Lenkrad mehrere Male herumgedreht, ohne das sich die Vorderräder von der Stelle gerührt hätten. Auch kannte ich nun den Grund für Mejas Pfützenstops: "Inshallah" hatte keine Bremsen und mochte nur in tiefem Schlamm anhalten.

Kurz vor Naivasha wurde mir schlecht. Als wir den Asphalt erreichten, wollten alle aussteigen. In Ermangelung einer Pfütze ließ Meja "Inshallah" sanft ausrollen und setzte ihn schließlich gegen einen Baum. Der Motor tat einen letzten Seufzer, dann war es totenstill. Niemand sagte ein Wort. Unter mir rieselten die Bohnen durch das Loch auf die Straße.



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