Mit Baby durch Indonesien Lass dich kneifen, kleiner Bruder

Nasekneifen auf dem Markt, Füttern im Bus: Heike Klovert reist mit Familie auf die indonesische Insel Flores. Europäische Babys sind dort so beliebt wie Popstars - sie werden geküsst, geknuddelt und gezwickt.

Marcel Klovert

Ich hatte nicht vor, die Marktfrau in die Nase zu kneifen. Es ist einfach passiert. Ich hörte hinter mir einen kleinen Schrei: "Adé!" - kleiner Bruder! Bunter Sarong, hochgesteckte Haare, betelnussrotes Lachen.

Und schon zupft die Gemüseverkäuferin an der Nase von Tom, der vor meinem Bauch im Tragegurt sitzt. Unser Sohn lässt solch stürmische Begeisterung gelassen über sich ergehen, auch wenn es schon die fünfte fremde Frau ist, die seine Nase an diesem Tag so hübsch findet, dass sie sie kurz zwicken muss. Aber ich habe genug. Ich kneife zurück.

Wir sind in Ende, auf der Insel Flores in Indonesien, und der Ort fühlt sich so an, wie er heißt. Seit fast einem halben Jahr reisen wir durch Südostasien. Flores ist der abgeschiedenste Fleck, an den wir uns bisher mit Baby gewagt haben. Hier fahren noch fast alle Menschen Mopeds, die Straßen haben Löcher und die Leute quietschen, lachen, zeigen, laufen herbei und zupfen, küssen, streicheln, wenn sie ein kleines europäisches Kind sehen.

Die Marktfrau, flink und abgebrüht, zwickt mich ihrerseits in die Nase. Wir lachen mit ihr und kaufen ein paar knubbelige Möhren und eine Aubergine. Tom isst sie am nächsten Tag im Bus, mit seinem Hirsebrei, während wir darauf warten, dass der Fahrer endlich einsteigt. Wir wollen zu den drei verschiedenfarbigen Kraterseen.

Tom sitzt auf dem Schoß von Schwester Tomasa und lässt sich von der katholischen Nonne füttern. Der Herr mit dem Motorradhelm, der in der Bustür steht, reißt den Mund auf und macht bei jedem Löffel "Ammmm!". "Schlaues Baby", sagt Schwester Tomasa lobend und tippt mit dem Finger auf Toms Bauch. "Indonesische Kinder mögen kein Gemüse."

"Ich bin stark", sagt Mutter Ros

Shiva ist so ein Kind. Sie ist zwei Jahre alt und mag nur Milchreis. Shiva wächst in Moni auf, einem Bergdorf zwischen Reis- und Tomatenfeldern. Sie hat wache, dunkle Augen, ein herzförmiges Gesicht und, viel wichtiger, sie ist gesund.

Ihre Schwestern Shakira und Shahira sind es nicht. Die Zwillinge haben Wasser im Kopf, können mit dreieinhalb Jahren weder laufen noch sprechen. "Ich bin stark!", sagt ihre zierliche Mutter Ros und singt "waka waka eh eh" vor ihrem Haus zwischen den Enten, Hühnern und Shivas pinkem Dreirad.

Ros konnte neun Monate lang keine Nahrung bei sich behalten. Der Arzt beruhigte sie, dem Baby gehe es gut. Dass sie zwei Kinder zur Welt bringen würde, erfuhr sie erst bei der Geburt. Zweimal hat die Familie schon das Geld für eine Operation in Bali zusammengekratzt. Geholfen hat es wenig. Shakira und Shahira schlafen meistens oder schauen mit glasigen Augen auf den Fernseher im Wohnzimmer. Ich will nie wieder jemanden kneifen, der Toms Nase bewundert.

Wir wohnen in einem der Gästezimmer von Ros und ihrem Mann Brian. Als es von morgens bis abends regnet, sitzen wir auf der Veranda und beobachten die Nebelschwaden, die durchs Tal ziehen. Die Enten drängen sich in der Bambusgarage hinter einem Haufen Kokosnüsse. Eine Frau mit Schirm und Machete stapft durchs Tomatenfeld, bis zu den Achseln in einen Sarong gewickelt. Drüben im Haus dudelt das Radio ein Liebeslied, man hört es kaum, der Regen schluckt die Geräusche.

Opfergaben für die Ahnen

Am nächsten Morgen stehen wir um vier Uhr auf und wandern zum Vulkan Kelimutu und seinen Kraterseen hinauf. Tom schläft im Bauchgurt. Langsam steigt die Sonne über die Wolken am Horizont und erhellt den türkisfarbenen und den schwarzbraunen See. Die Felswand, die sie trennt, wirkt so dünn und spröde, als könnte man sie mit der Hand zerbrechen.

Wir warten fast drei Stunden, bis die Sonne die Wolken über dem dritten See auflöst. Er schimmert dunkelgrün am Grund des Kraters. Die Dörfler glauben, dass die Seelen der Verstorbenen in die Seen wandern und dass diese deswegen immer wieder ihre Farbe wechseln.

Flores ist überwiegend katholisch, seit die Portugiesen im 16. Jahrhundert begannen, die Bewohner zu bekehren. Aber die alten Bräuche leben weiter. Die Menschen in Moni bringen den Seelen in den Seen regelmäßig Opfergaben, und fast jedes Bergdorf hat noch ein Rumah Adat, ein traditionelles Haus, in dem Ahnenrituale abgehalten werden. Die Menschen sind stolz darauf und selbstbewusst. "Da geht es um unsere Ahnen und nicht um Gott, deswegen kann Gott nichts dagegen haben", sagt Brians Bruder Mateo.

Die meisten Touristen machen nur einen kurzen Abstecher von Bali nach Labuanbajo an Flores' Westküste, um zu tauchen und die Warane auf der Nachbarinsel Komodo zu sehen.

Wir fahren von Kelimutu in der Inselmitte weiter nach Osten. In einem Taxi, dessen Fahrer "Racing Rider" auf dem Innenspiegel stehen hat und eine CD der Band Gambas spielt. Flores ist bekannt für gute Musik. Der Takt geht in die Füße, und der Bass dröhnt laut und dumpf wie ein verrückt gewordener Herzschlag, während sich der Wagen die Serpentinen entlang in die Höhe schraubt. Mir ist leicht übel, Tom schlummert.

Auch in Maumere gibt es keine Bürgersteige und keine Berührungsangst. Der Asphalt geht rechts und links in Schotter, Gras oder Abwassergräben über. Im Supermarkt folgt uns eine Traube von Kassiererinnen bis zum Windelregal. "Ganteng!" - hübsch!, rufen sie. Eine legt eine Hand aufs Herz und schmachtet Tom an wie einen Popstar.

"Zehn Monate, ein Junge, er heißt Tom", sage ich auf Indonesisch. Und: "orang campur", gemischter Mensch. Ich bin deutsch, mein Mann Marcel kommt aus den Niederlanden. Die Mädchen kichern und nicken, Tom strahlt. Seit wir reisen, sind wir alle drei ein bisschen gemischter.

insgesamt 10 Beiträge
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sitiwati 04.09.2014
1. ja, das ist wahr,
ich hätte meine 3 Kinder indoneische/deutsch sofort verkaufen können, besonders mein erster Sohn sehr hellhäutig war ein STar, Menschen sprachen uns allerorten an, nahmen das Kind auf den Arm und liessen sich damit fotografieren, von den Menscen, denen man Geld ansah, wurde häufig gefragt, ob man das KInd nihct hergeben möchte, allen Ernstes, bei meiner Tochter gins bis sie ungefähr 6 Jahre alt war, dann sanken dei Angebote, ja und as Kneifen, die Indonesier konnten es nicht sein lassen, ist wie eine Krankheit, des öfteren hatte ich das Zoff, die Frauen kneifte ich ein paarmal zurück, was erstaunte , sag ich mal Reaktionen hervorrief, Kinder sind das A und O, das sieht man allerorten, in den Kaufhäusern Etagen voller Kinderklamotten, ja und Berührungsängstekennt man in Indonesien nicht, der smal talk ist da gang und gäbe, man darf nur nicht verwundert sein, dass die Menschen, die man dann wiedertrifft, genau diesselben Fragen stellen, wie beim ersten Treff !
hobbyleser 04.09.2014
2. Spannend
Dieses Modell "Kind und trotzdem leben" finde ich schon sehr spannend, auch wenn mir nicht ganz klar ist, was die Eltern wohl im Ernstfall machen. Da kann man nur hoffen, dass das ganze Gegrabbel als Rundumimmunisierung wirkt.
ph.latundan 04.09.2014
3. ich habe ........
ich habe aber auch westliche kinder, insbesondere blonde, erlebt, die auf die permanenten "knuddeleien" ausgesprochen aggressiv reagiert haben. nicht alle kinder moegen das.
Herr Hold 04.09.2014
4. Knuddeln und kneifen
Ich kann es ja irgendwie verstehen, ein wirklich süßer Junge. Ich habe allerdings ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass jedes Kind anders auf solche "Knuddeleien" reagiert. Manche werden dann sogar ängstlich.
hansvonderwelt 04.09.2014
5. Ob Tropen für -
kleine Kinder gut sind !? Ich bin skeptisch,jeder Kinderarzt würde ihnen von einer solchen Reise abraten.Ich erinnere mich an jammernde und klagende Kleinkinder auf langen Flügen und dem Stress selbst für Erwachsene.Kinder können sich leider gegen die Dummheit ihrer Eltern nicht wehren.Viele Aussagen von Müttern, erscheinen mir eher Projektionen ihrer eigenen Befindlichkeit.
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