Reisespeisen Der Teeflitzer von Fethiye

Tee ist das Nationalgetränk der Türkei. Vor allem beim Feilschen ist das Heißgetränk unverzichtbar. Mit seiner Teeküche versorgt Murat Solak in der Altstadt von Fethiye Teppich- und Souvenirgeschäfte – im Stechschritt und auf Knopfdruck.

Von Martin Cyris


Zuerst flackert ein grünes Lämpchen auf. Dann rauscht es sekundenlang. Zu guter Letzt meldet sich eine nuschelnde Stimme. Murat bückt sich, um sich nicht an einem weiß furnierten Regal zu stoßen. Er klebt sein Ohr an die Gegensprechanlage und lauscht der Stimme: "Ich bin's, Hakan. Aus dem Teppichgeschäft. Ich brauche fünf Tees. Mach schnell!"

Murat behandelt die Bestellung wie einen Notruf. Geschwind neigt er seinen Oberkörper zurück und beginnt in seiner schmalen Teeküche zu rotieren. Mit vieltausendfach eingeübten Bewegungsabläufen hantiert er an einem klobigen Apparat. Es sprüht und dampft und tropft. Murats Teeküche, zu Türkisch: Batuberk, versorgt die Geschäfte in der Altstadt von Fethiye mit dem beliebten Aufguss.

Tee ist das unumstrittene Nationalgetränk der Türken. Es wird bei jeder Gelegenheit gereicht. Morgens wie abends, sommers wie winters. Vor allem unter Geschäftspartnern ist ein Tässchen unverzichtbar. Cay, so heißt die türkische Variante, gehört in Läden und auf Bazaren zur Verkaufskultur wie das Feilschen und Verhandeln. Bevor man sich handelseinig wird, schlürft man Cay (sprich: Tschai) aus den typischen Tulpengläsern mit dem Goldrand. Versüßt wird der Geschäftsabschluss mit reichlich Zucker im Tee.

Im Stechschritt vorbei am Textilverkäufer

Es ist früher Abend in Fethiye, einer Hafenstadt an der südlichen Ägäis. In den Gassen der Altstadt steht die Luft. Es ist schwül. Murat platziert fünf Gläser auf einem Tablett mit Henkelgriff, greift sich einen silbernen Kessel und lässt die heiße Brühe reinlaufen. Auf jede der Untertassen legt er zwei Stückchen Würfelzucker. Bei der fünften legt er schnell noch eins drauf. "Hakan nimmt immer drei", sagt Murat, schnappt sich das Tablett und stiefelt los.

Im Stechschritt stapft der Teekurier vorbei an Özcan, dem Textilverkäufer. An Emre, dem Gewürzhändler. An Ibrahim, dem Imbissverkäufer. An Sami, dem Kellner, der vor einem Fischrestaurant steht und Gäste hereinbittet. Knapp hundert Meter sind es bis zu Hakans Teppichgeschäft. "Die Kunden wollen heißen Tee", sagt Murat, "ich muss mich beeilen." In den Gläsern würde der Cay zu schnell auskühlen.

Bei Hakan angekommen, schwingt Murat das Tablett über die Köpfe der kleinen Runde hinweg und stellt die Lieferung auf einem Beistelltisch ab. Der Teppichhändler hat vier niederländische Touristen in sein Separée gebeten, um dort das Verkaufsgespräch auf Sitzkissen fortzuführen. Die Gruppe wirkt etwas überrumpelt. "Tee", klärt Murat auf, "ist ein Zeichen von Gastfreundschaft." Den Niederländern scheint es eher ein Zeichen von sanftem Druck zu sein, möglichst viele Teppiche zu erwerben.

15 Cent pro Tasse Tee

Murat streckt seine Hand aus. Hakan legt fünf bunte Plastikchips hinein. Die Teewährung in den Altstadtgassen von Fethiye. Stammkunden kaufen die Chips in Hundertereinheiten bei Murat und erhalten Rabatt. Ein Tässchen kostet dann umgerechnet etwa 15 Cent. Manche Läden ordern bis zu 50 Cay am Tag. Trotz der niedrigen Preise ein ordentliches Geschäft für Murat. Als Teelieferant kann er seine vierköpfige Familie gut ernähren. Bevor er vor fünf Jahren die Teeküche übernahm, arbeitete er als Lkw-Fahrer.

Murat tritt aus dem Teppichgeschäft. Gegenüber haben sich Dutzende Männer unter freiem Himmel vor einer Großleinwand versammelt. Sie gucken Fußball. Das Spitzenspiel zwischen Fenerbahce und Besiktas Istanbul bringt die Menge zum Johlen und Aufheulen. "Keine Zeit", sagt Murat und eilt zurück in seine Teeküche.

Dort wartet schon der nächste Auftrag: Ein Schmuckhändler möchte mit drei Gläsern Cay beglückt werden. Murat zeigt mit dem Finger auf Basri, einem seiner drei Angestellten. Basri schnappt sich das Tablett und flitzt los. Den Job bei Murat macht Basri, um sich die Wartezeit zu seinem Wehrdienst zu verkürzen. Reich wird er nicht dabei. Am Ende eines Monats hat Basri 500 Euro verdient. Von morgens bis spät abends ist er auf den Beinen. Sieben Tage die Woche.

"Aber die Arbeit macht Spaß", versichert der frischgebackene Betriebswirt. "Bei der ganzen Rennerei bleibt mein Körper fit." Als Fahrer für einen Pizza-Service, wie es sie mittlerweile auch in den türkischen Touristenhochburgen von Antalya oder Bodrum gibt, würde er jedenfalls nie arbeiten wollen. "Tee ist ein wichtiger Teil unserer Kultur." Außerdem ginge es in Fethiye viel gemütlicher zu als in den bekannteren Urlaubsorten der türkischen Mittelmeerküste.

Per Kabel mit der Teeküche verbunden

Basri huscht Richtung Fischhalle. Kurz davor befindet sich der Laden von Tarik, dem Schmuckhändler. Tarik hat zwei deutsche Touristinnen am Wickel. Auf der Glasvitrine stapeln sich mit schwarzem Samt bezogene Auslagen. Wortlos nimmt Tarik die Gläser entgegen und blickt seine Kundschaft konzentriert an.

Beim Hinausgehen deutet Basri auf einen Klingelknopf an der weiß gekalkten Wand. "Damit ist er mit uns verbunden", erklärt er. Zirka 60 Geschäfte der Altstadt von Fethiye werden beliefert. In einem Radius von ungefähr 100 Metern. Fast alle sind mit Murats Gegensprechanlage verkabelt. Der Tee kommt also auf Knopfdruck. Das erklärt das abenteuerliche Kabelwirrwarr in Murats Teeküche.

"Weiter weg liefere ich nicht", sagt Murat, "weil sonst der Tee kalt werden würde, bevor ich angekommen bin." An guten Tagen rinnen bis zu 1500 Gläschen Cay aus seinem Semaver, der türkischen Variante des Samowars. Im Winter, wenn kaum noch Touristen in der Stadt sind, sind es immerhin 1000. Er verkauft auch Kaffee und Toasts.

Murat lebt nicht ausschließlich von den Touristen. Anders als die meisten Händler in Fethiye. In der Nebensaison sind zwar viele Geschäfte geöffnet, aber nur hin und wieder verirren sich dann ein paar Gäste in diese Ecke der ägäischen Küste. Oftmals sind es Bildungsreisende auf den Spuren der lykischen Kultur. Felsengräber am Rande von Fethiye zeugen vom antiken Lykien.

Obwohl Fethiye in den vergangenen Jahren deutlich wuchs und die Übernachtungszahlen kontinuierlich stiegen, wird der Urlaubsort von den großen Reiseveranstaltern oftmals übersehen. Die Touristenströme konzentrieren sich nach wie vor auf Antalya und Alanya, ungefähr dreieinhalb Autostunden weiter östlich von Fethiye.

Kein Wehmut dank Murats Cay

Özcan, der Textilverkäufer, ist nicht unglücklich darüber: "Fethiye hat seinen ursprünglichen Charakter bewahrt", sagt er, "obwohl es ziemlich gewachsen ist." Der Yachthafen ist zuletzt ziemlich angeschwollen. Vor 15 Jahren hatte Fethiye noch 20.000 Einwohner. Heute sind es rund 50.000. Dennoch, es gibt weder Hochhäuser noch Vergnügungsparks. Die beeindruckende Bergkulisse rund um den Golf von Fethiye bietet Vergnügen genug. Und natürlich das Meer: Das ist hier nicht nur auf den Postkarten unbeschreiblich türkis, sondern sogar in echt. Der felsige Meeresgrund, der das Sonnenlicht reflektiert und türkis zurückschickt, ist für Taucher ein gutes Revier.

Viele Strände rund um Fethiye tragen die Blaue Flagge, die für hervorragende Wasserqualität steht. Der Strand des Hillside Beach Clubs, ein paar Autominuten von der Altstadt in einer idyllischen Bucht gelegen, wurde in diesem Jahr von einer türkischen Zeitung gar zum schönsten Strand der Türkei mit Blauer Flagge ausgezeichnet. "Fethiye ist noch immer ein Geheimtipp", sagt Özcan. Seit sechs Jahren verkauft er gegenüber von Murats Teeküche Fußballtrikots und Sweat-Shirts. "Im Sommer sehe ich immer wieder die selben Gesichter, hier hat sich nicht viel verändert", sinniert er.

Özcan wuchs in Deutschland auf. In Geretsried im oberbayrischen Tölzer Land. Nach 40 Jahren in Deutschland entschied er sich für die Heimat seiner Eltern. Über Satellit ist er mit Deutschland verbunden. "Ich gucke regelmäßig 'Der Bulle von Tölz'", sagt Özcan. Doch Wehmut käme keine mehr auf. Wohl nicht zuletzt wegen Murats köstlichem Cay. "Komm, wir gehen noch einen bei Murat trinken", sagt Özcan.

Murats Onkel Ayhin kommt vorbei. "Gib mir einen Cay", sagt Ayhin. "Hast du einen Chip?" fragt Murat? "Komm schon Junge, jetzt mach schon!" erwidert Ayhin. Onkel und Neffe feixen. Özcan, der Textilverkäufer von gegenüber, gesellt sich hinzu.



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