Reisespeisen Walfahrtsort am Kap

Steile Klippen, schaumgekrönte Brandung und winkende Wale: Das Zugrestaurant "Biggsy's" serviert zwischen Kapstadt und Simonstown südafrikanische Küste am Fenster. Bei der spektakulären Aussieht fällt die Entscheidung schwer: Essen oder gucken?

Von Sven Lager


Es ist Ende Oktober in Kapstadt, ein wolkenloser Frühlingstag. Auf dem Mittwochsmarkt vor dem Rathaus suchen muslimische Familien bei den afrikanischen Tuchhändlern nach Schnäppchen. Als "Biggsy’s" Restaurantwagen nebenan den Bahnhof verlässt, brennt die Sonne heiß aufs Dach.

Der Zug der Metrorail fährt alle 20 Minuten die knapp einstündige Strecke um den Tafelberg herum bis zum alten Marinehafen Simonstown – drei- bis fünfmal am Tag mit "Biggsy's" im Anhang. Die 28 Stationen mit Namen wie Woodstock, Observatory, Rondebosch, Wynberg, Plumstead sind frühe Siedlungsgeschichte der Stadt, der Panoramablick beginnt aber erst in Muizenberg am Meer.

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Surfer paddeln in den flachen Wellen. Eine Robbe gleitet vor ihnen her. Der Seegang ist freundlich an diesem Ende der False Bay. Im "Biggsy's" sind Fisch und Sandwiches längst serviert, bis das Meer in Sicht kommt. In Deutschland würde man den Speisewagen "Bistro" nennen. Er wäre klimageregelt und nüchtern gehalten.

Hier, im Land der jungen Köche und guten Weine, ist es "Biggsy's Restaurant, Coach and Wine Bar", schrabbelig, gemütlich und mit frischer Seeluft.

Biggsy, der gescheiterte Bankräuber

Sein Betreiber Hennie van der Merwe führt den Supermarkt im Fischerort Kalk Bay auf der Strecke und hat "Biggsy's" vor drei Jahren von einem Engländer namens Graham Jones übernommen, der 1997 sein Bordrestaurant nach Ronald Biggs, dem englischen Posträuber, benannte. Einzig und allein aus dem Grund, weil Biggs auch in Südafrika als schillernde Gaunerlegende populär ist – obwohl er beim größten Postraub aller Zeiten 1964 eigentlich nur Nebenfigur war. Biggs hat sich vor ein paar Jahren den britischen Behörden ausgeliefert, krank und verarmt.

Höhepunkte seines Lebens in Brasilien waren Plattenaufnahmen mit den Sex Pistols und den Toten Hosen. Aber Südafrika ist offenbar ein Land, in dem ein gescheiterter Bankräuber etwas gilt.

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Nicht, dass jemand an seiner Stelle sein will. Vor allem Doug nicht. Es gibt kaum etwas Schöneres, als nur einen halben Tag zu arbeiten und auf dem Weg nach Hause ein paar Castle Lagers zu zischen. Doug sieht auf das unruhige Grün des Meeres, das für seine Launen am Kap bekannt ist. Zweimal hat er den Atlantik überquert, 1973 und 1975, im Yachtrennen "Cape to Rio". Die Boote waren nicht Rennziegen wie heute, hatten keine Satellitennavigation, nur die Sterne und das Wetter, sagt er und bestellt noch ein Bier.

Er arbeitet in der Kunststoffverarbeitung, halbtags, um rechtzeitig "Biggsy's" um drei in Kapstadt zu erwischen. Und ja, er war auch mal Gelegenheitsschauspieler. Irgendwann. Berufe sind nicht so wichtig in diesem Land. Man überlebt, genießt und wohnt am schönsten Ende der Welt.

Ein Buckelwal bläst

In Fish Hoek wird ein Gentleman mit Schalk im Gesicht begrüßt. Er trägt ein blaues Jackett mit Emblem, als gehe er zu einem Ehemaligentreffen seiner Schule. Nein, es ist ein Begräbnis, bedauerlich, eine alte Freundin. Es wird angestoßen. Auf die Toten, auf die Lebenden. Melancholisch blickt er aufs Meer, das im Winter manchmal bis an die Scheiben schlägt, so nah liegen die Schienen an den Uferfelsen.

Berufspendler: Doug fährt jeden Tag "Biggsy's", Kellnerin Berenice serviert das kühle Bier
Mikhael Subotzky

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Ein Schatten in der Gischt, der Buckelwal lässt seine v-förmige Fontäne sehen. Weiter hinten ein Glattwal, erkennbar an dem geraden Strahl. Die Walkühe kommen zum Kalben aus der Antarktis. Wenn sie gute Laune haben, wedeln sie mit der Flosse oder springen und lassen sich auf den Rücken fallen. Sonst sind die Leviathane der See naturgemäß unter der Wasseroberfläche, unscharf wie die Vita der Pendler.

Die Reisenden sind bunt gemischt. Touristen, die es nach Kalk Bay zu den Fischern zieht oder ins Restaurant "Live Bait", um Tatar vom Schnapper zu essen. Alte Damen, die einmal die Woche in die Stadt fahren, um Glasmurmeln für ihren Kiosk zu kaufen. Wenn etwas Geld übrig bleibt, leisten sie sich den Fisch aus dem Menü, heute Kaplachs, und gekühlten Weißwein.

Ein schwedisches Ehepaar isst zu Mittag, zeigt sich gegenseitig die Wale und filmt. Am Zugfenster fliegen jetzt Schaumkronen vorbei, die aussehen wie Haiflossen, eine Handvoll Boogieboarder in Neoprenanzügen, ein buntes Fischerboot, noch buntere Strandkabinen, zu schnell für die Kamera. Die Einheimischen lachen darüber. Genuss fordert Entscheidung. Entweder man isst. Oder man guckt. Oder man unterhält sich.



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Tom Berger 18.04.2005
1. meine Lieblingspasta
---Zitat von sysop--- Unideologisch, gewaltfrei (aber nicht gegen das Essen), nachvollziehbar: Außergewöhnliche Alltagsrezepte, die es in der Spiegel-Kantine so nicht gibt. Der Mensch ist, was er ist ißt. ---Zitatende--- Weil die Sonne gerade so schon herein scheint, mein absolutes Lieblingsrezept für Pasta, ideal für heisse Sommertage, in Nullkommanix gemacht und ein genialer Hochgenuss: Tagliatelle (Bandnudeln, am besten frisch gemacht) reife aromatische Tomaten schwarze Oliven reichlich Knoblauch reichlich Blattpetersilie, alternativ Rukola, für die sizilianische Variante statt dessen in Salz eingelegte Kapern (nicht die Salz-Essig-Wasser-Kapern aus dem Supermarkt!) Butter, Salz, Zucker Pfeffer Tomaten in grobe Würfel schneiden, Oliven entkernen und grob hacken, Blattpetersilie grob hacken, Knoblauch in feine Scheiben hobeln Bandnudeln kochen. Währenddessen Butter in einer Pfanne schmelzen, die Knoblauchscheiben zuerst, dann die Tomatenwürfel, Oliven und eventuell auch die Kapern hineingeben und nur bei allerkleinster Flamme köcheln. Falls die Tomaten nicht wirklich kräftig aromatisch sind, ein klein wenig Zucker zugeben. Die Tomaten werden nur lauwarm erwärmt und ziehen Saft, sie werden nicht gar gekocht! Wenn die Nudeln fertig sind, die Tomaten vom Herd nehmen und die Petersilie bzw den Rukola unterheben, salzen (entfällt bei Salzkapern) und pfeffern, das Sugo über die Bandnudeln geben und gleich servieren. Mahlzeit Tom Berger
Rainer Helmbrecht 18.04.2005
2. Zucchinipfanne
Ebenfalls beliebt im Sommer und bei Kindern. Zutaten: Hackfleisch, Zucchini, kl. Hörnchennudeln, Zwiebeln, jede Menge Knoblauch fein gehackt,etwas Petersilie (nach Geschmack),Fett zum anbraten. Als Gewürze: Pfeffer, Salz, Prise Zucker, Fondor oder was man mag, Piment d'Espelette (wirklich scharfen Paprika als Puder). Nudeln kochen ca.6 Min. Zwiebeln würfeln Zucchini kleine Streifchen Hackfleisch mit den Zwiebeln anbraten, Knoblauch dazu tun, Zucchini mit andünsten, 4 Minuten später die Nudeln (bereits gar) dazu, evtl. etwas Brühe, wenn es zu trocken ist (2-3 Esslöffel), gut abschmecken, ist quasi fertig, servieren und als Würze Maggi aus der Flasche nach Geschmack. Vielleicht mal experimentieren, aber zumindest Ihre Kinder werden es lieben, wir fühlen uns jedes mal sehr kindlich. Ein Fl. Wein dazu, für die Erwachsenen natürlich und Sie haben ein blitzschnelles Essen. Bon appétit.
Joachim Baum 30.04.2005
3. leicht indisch angehaucht
Beinahe ein BLOG, ich werde das gleich genau so kochen: Dal mit Reis, Fisch und Joghurt, alles auf eine Teller a) Dal: 1 TL Kurkuma Powder 1 TL Cumin Powder (Kreutzkümmel) 1 TL gemahlene Korianderkörner 1 TL scharfes Currypowder (Madras oder ähnl.) ca. 3 cm Ingwerknolle, fein gerieben 2 EL Butterfett 2 Tassen Dal Salz Vorgenannte Gewürze (ohne Salz) in etwa 2 Esslöffel Butterfett (Ghee) anschwitzen, dann 2 Tassen Dal (geschälte Kichererbsen), alternativ rote Linsen (kürzere Kochzeit!) hinzugeben und ebenfalls kurz anschwitzen. Reichlich Wasser zugeben, zum Kochen bringen und köcheln lassen. Wer es schön scharf haben will (ich z.B.), gibt noch 2-3 getrocknete Chillyschoten, zwischen den Fingern zerrieben, hinzu. (Danach sollte man sich nicht mehr ins Gesicht fassen, vor allem nicht die Augen reiben, also gründlich die Hände waschen). Das ganze braucht eine gute Stunde – oder auch länger, je nach Größe der Hülsenfrüchte - zum garen. Wichtig ist regelmäßiges Umrühren und Wassernachgießen, die Hülsenfrüchte saugen sehr viel Wasser auf, es besteht Gefahr des Anbrennens. Wenn die Hülsenfrüchte ihre Form verlieren, das Ganze richtig schön breiig wird, ist die Sache fertig. Gegen Ende des Kochvorgangs Salzen nach belieben. b) Reis: 2 Tassen Langkornreis (z.B. Basmati) in Wasser (gut ein Fingerbreit über dem Reis) mit einem TL Salz und wer es mag, 3-4 schwarze Kardamonsamen zum Kochen bringen, einmal umrühren, die Ofenplatte ausmachen und ca. 20 Minuten zugedeckt dort stehen lassen. Danach ist der Reis gar, ob man es glaubt oder nicht, schön locker und noch körnig. c) Fisch: Fischfilets 1 TL Cury Powder frischer Zitronensaft Weißwein Lauchzwiebel Salz Ich nehme dazu gefrorene Lachsfilets. Menge nach Mäuler. Lachsfilets auftauen lassen, dunkle Stellen herausschneiden. Mit Zitronensaft, Salz und Weißwein etwa eine Stunde marinieren, man kann auch jetzt schon einen TL Curry Powder und kleingeschnittene Lauchzwiebeln hinzugeben. Neutrales Öl, ca. 3 Esslöffel, im Topf erhitzen, die Filets allseitig kurz andünsten und mit der Marinade einschließlich Lauchzwiebeln angießen. Mit Weißwein bis Oberkante Filets auffüllen, kurz aufkochen lassen. Nach zwei bis drei Minuten dürften die Filets gar sein. d) Yoghurt: Möglichst fetten Yoghurt, (schmeckt einfach viel besser) mit Zitronensaft, gemahlenen Korianderkörnern (ca. 3 TL für 300 ml), feingeschnittenen Lauchzwiebeln verrühren und mit Salz abschmecken. Je schärfer man das Essen macht, umso mehr Yoghurt wird man essen wollen. e) Ich mache noch als Beilage Tomaten- und Zwiebelscheiben (von großen Gemüsezwiebeln) die ein wenig mit Öl und Salz angemacht sind. Wenn es wirklich scharf geworden ist, sollte man auch nur Wasser (ohne Kohlensäure!) dazu trinken ;-). So, mir ist beim Schreiben das Wasser schon reichlich im Mund zusammengeflossen, nun ran an den Herd.
Nik Humenko, 30.04.2005
4.
Hallo Herr Baum, ---Zitat von Joachim Baum--- So, mir ist beim Schreiben das Wasser schon reichlich im Mund zusammengeflossen, nun ran an den Herd. ---Zitatende--- Mir auch. Das Rezept muss ausprobiert werden. Danke:)
Cisco, 01.05.2005
5. Frankfurter Grüne Soße
Man gehe zum Gemüsehändler seines Vetrauens und erwerbe ein Packet mit den Kräutern zur Frankfurter Soße. Kräuter mit dem Wiegemesser klein hacken und nicht im Mixer zerkleinern, das ist unfein und außerdem nur faule Socken greifen zu schwerem Gerät. Den kleingehackten Kräutern einen Becher unbehandelten Naturjoghurt (500 g) und einen Becher Schmand (150 g) zufügen, eine kleingehackte Zwiebel, evtl. zwei ausgepresste Knoblauchzehen und Kapern, mit Pfeffer und Salz abschmecken. Grüne Soße ißt man zu neuen Kartoffeln, hartgekochten Eiern, Schnitzel, Maischolle usw. Am Göttlichsten ist jedoch die Kombination von grüner Soße und frischem Spargel, dazu ein Rheingauriesling, was will der Mensch mehr?
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