Ziellosigkeit als Reisetrend Verirren für Fortgeschrittene

Erstens: Gehe zur nächsten Bushaltestelle. Zweitens: Nimm den nächsten Bus, der gen Innenstadt fährt. Drittens: Steige nach zwölf Haltestellen aus. Mit solchen Anleitungen erkunden Reisende spielerisch die Stadt - und entdecken per Zufall Orte, die kein Tourist kennt.

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Man sieht sie nur noch sehr selten, diese Touristen mit zerknittertem Stadtplan in der Hand, der sich im Wind wölbt, während sie an Straßenecken mit irritiertem Blick Norden und Süden suchen. Und dann garantiert in die falsche Richtung marschieren.

Das nämlich ist so 20. Jahrhundert! Denn heute lassen wir uns auf Reisen von Satelliten und ihrem Global Positioning System steuern. Und die Kunst, sich mal richtig gediegen zu verirren, ist eine Art aussterbendes Handwerk.

Doch seit einiger Zeit gibt es eine Gegenbewegung: Menschen, die sich verlaufen wollen. Wie Ellen Keith aus San Francisco. Die Grafikdesignerin hat die Flaneur Society gegründet, eher eine Idee als ein Verein. "Wir gehen doch nur noch an Orte, die uns eine Community empfohlen hat", sagt sie mit Verweis auf Seiten wie "Yelp". Sie, die im Mekka der Silicon-Valley-Typen lebt, sagt: "Es hat mich irritiert, wie anders sich auf einmal alle durch die Stadt bewegen. Mit dem Smartphone nehmen wir den Raum um uns herum nur noch indirekt wahr."

Sich treiben lassen will gelernt sein

Also schrieb sie ein kleines Handbuch: "The Guide to Getting Lost" - eine Anleitung, um sich besser zu verlaufen. Eine Hilfe für Leute, denen es schwer fällt, sich treiben zu lassen. Und so liest sich ihr Rezept wie eine Spieleanleitung: "Erstens: Gehe zur nächsten Bushaltestelle. Zweitens: Nimm den nächsten Bus, der gen Innenstadt fährt. Drittens: Steige nach zwölf Haltestellen aus. Viertens: Gehe nach dem Aussteigen nach links. Fünftens: Wenn du einem Mann mit Brille begegnest, dreh dich sofort um und biege in die nächste Straße links ab." Der Orientierungssinn: außer Gefecht.

Zeit solle man sich lassen, rät Keith, sich auch mal hinsetzen und nur schauen - sechs leere Seiten für Notizen sind angehängt. "In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung", steht vorne in ihrem Handbuch. Das Zitat stammt von dem Philosophen Walter Benjamin, der als eine Art Ober-Flaneur das um die Jahrhundertwende entstehende Großstadt-Schlendern wohl am pointiertesten beschrieb.

Eine App hat Ellen Keith übrigens bewusst nicht aus ihrer Idee gemacht: "Ich habe darüber nachgedacht, ja. Aber es war mir wichtig, dass es eine komplett analoge Erfahrung ist."

Spielanleitungen aus der App

Der andere Teil der Gegenbewegung setzt genau darauf: Apps fürs Mobilgerät, um die Selbstnavigation per GPS zu überlisten. Was wie ein Widerspruch klingt, funktioniert zumindest bei jenen Ideen ganz prima, die dem gleichen spielerischen Prinzip wie Ellen Keiths Flaneur-Projekt folgen. Da ist etwa das etwas sehr minimalistische "Dérivé": Dort findet man Dutzende vergleichbare Anleitungen ("Finde etwas Altes und etwas Neues"), die Zufallsrouten entstehen lassen, für Städte von Abu Dhabi über New York bis Kampala. Jeder kann sich darüber hinaus selbst Spielanweisungen ausdenken und der Community zur Verfügung stellen.

Mit etwas mehr interaktivem Witz hat das Künstlerprojekt "Broken City Lab" aus der Nähe von Toronto seine App "Drift" konzipiert, die explizit dazu anregt, sich an vertrauten Orten zu verlaufen: Es gibt einen eingebauten Kompass, man kann aus der App heraus Fotos machen und sie per Twitter oder E-Mail teilen.

Dagegen kommen Seiten wie "Mosey" und "Detour" eher wie kuratierte Stadtwanderungen daher: Auf "Mosey" teilen Nutzer Lieblingsorte einer Stadt, die man dann mit Blick auf den interaktiven Stadtplan abschlendern kann. Die direkte Suche nach Touren bestimmter Städte ist aber alles andere als intuitiv, nämlich: nicht möglich. Man findet sie nur, wenn man in den Profilen der anderen Nutzer stöbert.

"Detour" ist um einiges aufwendiger (wenn auch bislang nur für San Francisco und Austin): Rund eine Stunde lang dauern die Touren, die einen via Audioguide und Map in unerwartete Ecken lotsen. Eine auf den Spuren von Müll in der Stadt, eine zu den tollsten Konditoreien, eine andere in die Ecken, in denen sich Jack Kerouac, Allen Ginsberg und die anderen Beatpoeten in den Fünfzigerjahren rumgetrieben haben.

Stets zig Ziele vor Augen

Jedoch: In einen "Straßenrausch" wie der Soziologe Siegfried Kracauer Anfang des 20. Jahrhunderts auf seinen Touren durch Paris und Berlin, kommt man so nicht. Der Flaneur sei einer, "der ziellos dahinschlenderte und das Nichts, das er um und in sich spürte, durch eine Unzahl von Eindrücken überdeckte", schrieb er. So herumstrawanzend, fand er, könne man aus den "Oberflächenphänomenen" der Stadt den Gemütszustand der Gesellschaft ablesen.

Unser Gemütszustand ist eher: Wir fühlen nichts vor lauter Eindrücken, stets zig Ziele zugleich vor Augen - da wird die Suche nach Orientierung outgesourced an Google Maps. "Wir versuchen alle, von A nach B zu kommen", sagt Ellen Keith. "Aber was, wenn da kein B ist?"

Wer dennoch zaudert, aufs "B" zu verzichten und das Handy-Navi auszuschalten, kann sich von Hobbyläuferin Claire Wyckoff aus Portland inspirieren lassen: Ihre Joggingtouren legt sie so, dass aus den GPS-Spuren Bilder entstehen. Neue Ecken lernt man so garantiert kennen. Nur eines darf man bei dieser Straßenmalerei nicht: sich verlaufen.



insgesamt 76 Beiträge
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5b- 15.06.2015
1.
"Denn heute lassen wir uns auf Reisen von Satelliten und ihrem Global Positioning System steuern." Das GPS gehört nicht den Satelliten. Die entsprechenden Satelliten gehören zum GPS. Es gibt auch das GLONASS, dessen Verwendung sehr weit verbreitet ist, mit eigenen Satelliten. Es müsste so heißen: "Denn heute lassen wir uns auf Reisen vom Global Positioning System und dessen Satelliten steuern."
nuramnoergeln 15.06.2015
2. GPS aus und dann los
Wieso braucht es für alles eine Anleitung? GPS oder HAndy aus, an der nächsten Ecke zur Not eine Karte geholt und dann los. Niemals der Menschenmasse folgen, sondern da lang wo keiner hin will. Falls man in einer Sackkasse landet zurück zur nächsten Kreuzung und in eine andere Richtung. So habe ich schon sher schöne Touren durch große und kleine Städte gehabt. Das einzig wichtige ist, nicht der Masse folgen. Nur so bekomme ich etwas eigenes.
Affenhirn 15.06.2015
3. Für die Kreativlosen
Benötigt die Generation Smartphone schon eine Anweisung, den Kopf vom Handy wegzudrehen? Das klappt doch schon in der gewohnten Umgebung nicht. Gerade San Francisco ist aber eine phantastische Stadt um sich mal treiben zu lassen. Z.B. Vom Cliff House die Steilküste entlang Richtung Golden Gate Brücke. Vorteil: das geht nur zu Fuß. Auch ansonsten kann man SF eigentlich nur zu Fuß richtig erschließen, und tolle Dinge sehen, solange man sich nur von den üblichen Bereichen (Fisherman's Wharf etc.) fern hält.
teaki 15.06.2015
4. Traurig
dass Menschen nun schon eine App brauchen um mal ihre Umwelt wieder zu sehen
dwg 15.06.2015
5. Toll!
Also ich jedenfalls kenne Städte, wo solche Anleitungen fast zwangsläufig dazu führen ausgeraubt zu werden, oder sonst wie unter die Räder zu geraten.
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