Renitente Prominente an Bord Die Rausflieger

Handy aus, anschnallen, nicht rauchen: Wer sich im Flugzeug nicht an die Regeln der Crew hält, kriegt Ärger. Handelt es sich bei dem Übeltäter um einen Hollywood-Star oder ein Supermodel, ist die Häme groß - oder sind die Vorschriften einfach zu streng?

AFP

New York - Nicht einmal die Flucht zur Toilette half Alec Baldwin. Am Dienstag musste der Hollywoodstar ein schon startbereites Flugzeug in Los Angeles wieder verlassen, weil ihn die Crew nicht mehr mitnehmen wollte. Der Grund: Der 53-Jährige hatte auf seinem Mobiltelefon "Worlds with Friends" gespielt - obwohl Stewardessen ihn mehrfach ermahnten, endlich das Gerät auszuschalten.

Immer wieder fliegen Passagiere aus Flugzeugen, weil sie sich nicht so benehmen, wie es die Besatzung vorschreibt. Und umstritten ist seit Jahren, wie sinnvoll viele der Regeln an Bord sind. Telefon ausmachen, anschnallen, Sitzlehne aufstellen und natürlich nicht rauchen. Das sind die Vorschriften, die jeder kennt - aber an die sich nicht jeder hält. Neben Baldwin sorgten schon einige renitente Prominente für Ärger in der Kabine:

  • Die Pop-Diva Whitney Houston wäre vor zwei Monaten fast aus einem Flugzeug verwiesen worden, weil sie sich partout nicht anschnallen wollte.
  • Der Schauspieler Jonathan Rhys Meyers ("Match Point") wurde gar nicht erst ins Flugzeug gelassen, weil er zuvor in der Warte-Lounge auf Alkohol bestanden hatte - am frühen Morgen.
  • Und Josh Duhamel ("Transformers") wurde aus dem Flugzeug geschmissen, weil er sein Telefon nicht ausmachen wollte - so wie Baldwin.

"Wir führen keine Promi-Statistik", sagt Les Dorr von der Federal Aviation Administration. Die US-Luftfahrtbehörde registriert aber durchaus, wenn Flüge wegen Passagieren abgebrochen werden, gar nicht erst starten oder aufmüpfige Kunden vor die Tür gesetzt werden.

Hohe Kosten für die Fluggesellschaften

"Die gute Nachricht ist, dass die Zahl der Fälle nicht steigt", sagt Dorr. Die schlechte: Es gibt trotzdem fast jeden Tag solche Probleme. Für die Fluggesellschaften bedeutet jeder Fall hohe Verluste, für die anderen Passagiere oft lange Verspätungen.

Fast vier statt eineinhalb Stunden dauerte zum Beispiel ein Flug von Paris nach Dublin, bei dem Gérard Depardieu an Bord war. Der französische Filmstar wollte unmittelbar vor dem Start noch schnell auf die Toilette, was ihm die Stewardess verbot. Da griff Depardieu zur Flasche. "Ich sagte, Madame, ich muss pinkeln. Ich bin nicht krank, ich bin kein Terrorist. Ich muss einfach nur pinkeln." Dummerweise ging einiges daneben ("Das Fläschchen war für mich einfach zu klein") und Depardieu bekam reichlich Ärger und sorgte weltweit für Schlagzeilen.

Sogar vor Gericht endete es für Naomi Campbell, als vor drei Jahren einer ihrer Koffer verschwand. Das schwarze Topmodel beschimpfte die Crew als Rassisten, spuckte sie an und trat mit ihren Stilettos nach Polizisten. Es half nichts, sie wurde in Handschellen abgeführt. Als Buße musste sie Toiletten putzen. Zu der Strafarbeit kam sie im Pelzmantel. Ein Chauffeur im Rolls-Royce holte sie danach wieder ab.

"Es ist sicher kein Promi-Problem", sagt der Sprecher einer europäischen Airline, "bei denen fällt es nur auf." Sonderrechte gebe es für Erste-Klasse-Passagiere ebenso wenig wie für Prominente. "Wer will auch sagen, wo Prominenz anfängt?" Solche Fälle kämen selten vor. "Aber bei den Millionen Passagieren wird es dann doch zum Alltagsproblem." Vor allem aber in den USA: "In Europa ist man etwas toleranter." Hinzu kommt, dass Angestellte in den USA oft keinerlei Spielraum haben und einfach stur nach den Regeln arbeiten.

Und so geht dank Baldwin im Internet wieder die Diskussion los, wie sinnig oder unsinnig Flugvorschriften sind. "Warum soll ich den Tisch einklappen? Wenn wir abstürzen, enden wir in einem Feuerball - auch ohne Tisch", schreibt einer. Und ein anderer will gleich ganz aufs Flugzeug verzichten: "Ich möchte nicht in einem Fortbewegungsmittel sitzen, dem ein einfacher MP3-Player gefährlich werden kann."

Chris Melzer, dpa



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Hans58 09.12.2011
1. Nie mehr einen Titel...
Zitat von sysopHandy aus, anschnallen, nicht rauchen: Wer sich im Flugzeug nicht an die Regeln der Crew hält, kriegt Ärger. Handelt es sich bei dem Übeltäter um einen Hollywood-Star oder ein Supermodel, ist die Häme groß - oder sind die Vorschriften einfach zu streng? http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,802709,00.html
Nein, die Antwort steht doch schon im Artikel: "Hinzu kommt, dass Angestellte in den USA oft keinerlei Spielraum haben und einfach stur nach den Regeln arbeiten. " Wenn eine Dienstanweisung sagt, man darf das nicht, hält sich jeder Mitarbeiter einer US-Airline und eines Flughafens daran. In Europa haben vergleichbare Mitarbeiter Spielräume und legen auch Dienstanweisungen häufig "sinngemäß" aus. In den USA wird die alte US-Militär-Sitte der Befehlstaktik auch in das "Zivilleben" übertragen, so wie in Deutschland halt die Auftragstaktik.
rettungsschirm 09.12.2011
2. .
Zitat von Hans58Nein, die Antwort steht doch schon im Artikel: "Hinzu kommt, dass Angestellte in den USA oft keinerlei Spielraum haben und einfach stur nach den Regeln arbeiten. " Wenn eine Dienstanweisung sagt, man darf das nicht, hält sich jeder Mitarbeiter einer US-Airline und eines Flughafens daran. In Europa haben vergleichbare Mitarbeiter Spielräume und legen auch Dienstanweisungen häufig "sinngemäß" aus. In den USA wird die alte US-Militär-Sitte der Befehlstaktik auch in das "Zivilleben" übertragen, so wie in Deutschland halt die Auftragstaktik.
Ne manche Leute sind es nur nicht gewohnt nicht ständig eine Extrawurst gebraten zu bekommen. Davon bekommt deren Weltbild ernste Risse...
fxe1200 09.12.2011
3. Standard bei American Airlines...
Zitat von rettungsschirmNe manche Leute sind es nur nicht gewohnt nicht ständig eine Extrawurst gebraten zu bekommen. Davon bekommt deren Weltbild ernste Risse...
Sicherlich ist diese "Geschichte" nur die Spitze des Eisbergs. Aber wenn Sie mit AA fliegen, oder besser fliegen müssen, dann wissen Sie, daß Sie genauso gut dran sind, wie Kühe, die auf dem LKW transportiert werden. Meine Erfahrungen mit dieser Airline sind nich nur schlecht, sie haben mich - neben dem Ticket- auch Geld für unnötige Übernachtungen gekostet. Eine Erstattung der nachweislich (tower communication protocol) von AA verursachten Kosten, wurde stets abgelehnt. Und wer möchte schon gegen ein Fluglinie in den U.S. klagen? Ich jedenfalls beglückwünsche AA zur Inanspruchnahme des Chapter 11 der bankruptcy protection.
mauimeyer 10.12.2011
4. Im Prinzip richtig
Zitat von Hans58Nein, die Antwort steht doch schon im Artikel: "Hinzu kommt, dass Angestellte in den USA oft keinerlei Spielraum haben und einfach stur nach den Regeln arbeiten. " Wenn eine Dienstanweisung sagt, man darf das nicht, hält sich jeder Mitarbeiter einer US-Airline und eines Flughafens daran. In Europa haben vergleichbare Mitarbeiter Spielräume und legen auch Dienstanweisungen häufig "sinngemäß" aus. In den USA wird die alte US-Militär-Sitte der Befehlstaktik auch in das "Zivilleben" übertragen, so wie in Deutschland halt die Auftragstaktik.
Das kennt man aus den USA: Je dümmerer der Angestellte, desto enger die Interpretation der Regel. Ich mußte als 60-jähriger meinen Ausweis an der Supermarktkasse zeigen, um zu beweisen , daß ich älter als 18 Jahre bin. Motto: "We 100% controll your identity!" Da ich oft in den USA sein muß, könnte ich die Beispiele endlos fortsetzen! Kauri
Swen Goldpreis 12.12.2011
5.
Sicherheit hat ein ganz grundsätzliches Problem: Sie neigt in sich zum Totalitarismus, weil es die angestrebte hundertprozentige Sicherheit nicht gibt und es sehr schwierig ist, gegen Sicherheit zu argumentieren. So wird im Namen der Sicherheit verboten, Getränke an Bord zu nehmen, was allerdings die Sicherheit vermutlich kein bisschen erhöht, sondern nur die Einnahmen der Flughäfen. Das Telefonierverbot ist auch blanker Unsinn. Ich lebe in China und hier gibt es immer wieder Leute, die auch während des Endanflugs noch kurz telefonieren. Abgestürzt ist deswegen noch kein Flugzeug. Aber es hilft den Fluglinien, teure Bordkommunikationssysteme zu verkaufen. Es wird aber mit Sicherheit argumentiert und keiner kann etwas dagegeben haben. Mit Sicherheit wird argumentiert beim Menschenwürde verachtenden Nacktscanner. Dabei sind die Fluglinien nicht die einzigen, die mit dem Begriff "Sicherheit" ihren Unfug treiben. Schauen wir zum Beispiel die Sicherheit im Strassenverkehr an: Wenn wir in den Städten mit 50 statt mit 60 fahren, gibt es weniger Todesfälle. Kein Zweifel, dass das stimmt. Wenn wir aber mit 40 fahren, gibt es noch weniger. Mit 30 noch viel weniger. Mit 20 noch ganz wenige. Mit zehn vielleicht nur noch "vermeidbare Knochenbrüche". Wo also die Grenze ziehen? Wie viel Sicherheit wollen wir? Und wie viel Lebensqualität wollen wir für Sicherheit aufgeben. Während der Strassenverkehr im grossen und ganzen eine vernünftige Balance zwischen Sicherheit und Lebensqualität gefunden hat, ist das beim Flugverkehr nicht der Fall und die Vorschriften werden immer schlimmer. Wir wollten deshalb aufständischen Prominenten wie Depardieu danken, denn sie tun etwas Gutes für uns alle. Sie sorgen dafür, dass der "Sicherheitswahn" die Fluggesellschaften etwas kostet. Erst wenn die Kosten für die Sicherheit so viel höher werden als der Nutzen aus der Sicherheit, werden sich die Fluglinien beginnen, für das Wohl ihrer Passagiere einzusetzen. Deswegen sollten wir alle, wenn wir in einem Flugzeug sitzen, die Tische hin und wieder runter klappen, vor dem Start kurz telefonieren und zeigen, dass wir Konsumenten nicht gewillt sind, diesen Unsinn weiter zu akzeptieren.
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