Foto: Michael Martin

Rentiernomaden in Sibirien Das wunderbare Nirgendwo der Nenzen

Ausflug in eine andere Welt: Wie schaffen es die Nenzen-Nomaden, in der eisigen Weite Sibiriens zu überleben? Der Fotograf Michael Martin hat sie besucht - kurz vor der Grenzschließung.

Die beiden Punkte am Horizont werden nur langsam größer. Mit zusammengekniffenen Augen blicke ich durch die Sehschlitze meiner Frostschutzmaske in die verschneite Tundra hinaus. Im weißen Nirgendwo sollen wir auf eine Nenzen-Nomadenfamile treffen, die uns ein paar Tage an ihrem Leben im nordwestlichen Sibirien teilhaben lässt.

Ein Lkw hatte uns von der Stadt Salechard in die Tundra mitgenommen - auf einer schneeverwehten holprigen Straße, 50 Kilometer weit. Wir stiegen an einer Stelle aus, wo wir mit den Rentiernomaden verabredet waren. Organisiert hatte das Treffen am Polarkreis die österreichische Russlandkennerin Lisa Veverka. Sie kannte einen jungen Moskauer, der wiederum Kontakt zu den Nenzen hatte.

Nach langem Warten bei Kälte und Sturm im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen, wie diese entlegene Region in Westsibirien offiziell genannt wird, werden aus den beiden Punkten am Horizont zwei Schneemobile, gesteuert von Anatolij und seinem Sohn Aljoscha. Wir laden unser Gepäck in die angehängten Schlitten und setzen uns darauf. Vor uns liegen anstrengende Stunden.

Nacht auf dem Rentierfell

Die Tundra ist von kleinen Wäldern aus Sibirischen Tannen und Lärchen durchzogen, meist geht es kilometerweit über zugefrorene Seen und Schneefelder. Immer wieder fahren sich die Schneemobile im tiefen Schnee fest und können nur mit einem Seil und dem anderen Schneemobil geborgen werden. Nach sieben Stunden Fahrt biegt Anatolij in ein Wäldchen ab. Bald öffnet sich eine Lichtung, in deren Mitte das Tschum, das Zelt der Nomadenfamilie, steht. Zu meiner Erleichterung sehe ich Rauch aus dem Ofenrohr aufsteigen, das aus dem tipiartigen Zelt in den Sternenhimmel ragt.

Fotostrecke

Tour durch die Tundra: Im Land der Rentiere

Foto: Michael Martin/ Lars Böhnke

Anatolijs Frau Walentina bittet uns hinein. Die Schlafkojen im Zelt sind mit Rentierfellen ausgelegt, ein niedriger Tisch ist für uns gedeckt - mit zartem Rentierfleisch, rohem Fisch und Preiselbeeren. Unser Guide Waroslaw stellt meine Frau Elly, meinen Sohn David und unsere Freunde Lars, Sepp und Wolf vor. Wir lernen neben Anatolij, Walentina und Sohn Aljoscha auch die Tochter Tamara und die beiden Enkelkinder kennen. Wir sind hier die ersten Gäste aus dem Ausland. Sich mit der Beherbergung von Fremden in Zukunft gelegentlich ein Zusatzeinkommen zu verschaffen, das wäre für die Nenzen-Familie eine gute Perspektive.

Ihre Lebensgrundlage ist die 400 Tiere umfassende Rentierherde, die während des dreimonatigen Winterlagers auf den schneebedeckten Weiden im Umkreis von 15 Kilometern steht. Am nächsten Morgen nimmt uns Anatolij auf dem Schneemobil mit zu seiner Herde, die jeden Tag ein Stück weiter zieht. Die Spuren im Schnee verraten ihre Richtung, und so haben wir sie bald gefunden. Die Rentiere stehen bei eisigem Wind in der offenen Tundra und versuchen mit ihren Schnauzen, durch den Schnee an Flechten, Moose und Pilze zu kommen.

Wittert die Herde Gefahr, beginnt sie zu rotieren, um sich und die Jungtiere vor Angreifern zu schützen.

Wittert die Herde Gefahr, beginnt sie zu rotieren, um sich und die Jungtiere vor Angreifern zu schützen.

Foto: Michael Martin

Die Herde braucht keine besondere Fürsorge. Anatolijs Aufgabe ist es vielmehr, die Tiere jeden Tag zu Weidegebieten zu treiben, wo genug Nahrung wächst. So setzt er sich mit seinem Schneemobil an die Spitze der Herde, sein Sohn treibt die Herde an, Ausreißer werden vom Hirtenhund eingefangen. Nach einer Stunde Fahrt im Schritttempo hat Anatolij eine gute Weide gefunden, und wir fahren zurück zum Tschum, wo seine Frau mit dem Abendessen wartet. 

Polarlicht und Potenzmittel

Am nächsten Tag nimmt uns Anatolij mit zum Korral, dem wichtigsten Ereignis während des dreimonatigen Winterlagers. Nach 70 Kilometern wilder Fahrt durch die Tundra erreichen wir einen Pferch, der mit Gattern aus Baumstämmen unterteilt ist. Von allen Seiten treiben Nenzen ihre Herden herbei, die dort sortiert, geimpft und um ihre Hörner gebracht werden. Die Rentiere versuchen auszubrechen. Doch kräftige Männer packen sie am Geweih und halten sie fest. Mit Sägen werden die Hörner entfernt. Sie gelten in China als Potenzmittel und bringen dort mehr Ertrag als das Rentierfleisch, das in Russland mit umgerechnet fünf Euro pro Kilogramm gehandelt wird.

Zurück im Tschum. Dort sehen wir, wie viel Zeit das Spalten des Brennholzes in Anspruch nimmt. Es wird in großen Mengen benötigt, um das Wohnzelt bei extremen Minustemperaturen warm zu halten. Feuerholz ist auch der Grund, warum die Nenzen im Winter gen Süden bis in die Waldtundra ziehen.

Nenzen-Familie beim Abendessen im Tsum

Nenzen-Familie beim Abendessen im Tsum

Foto: Michael Martin

Bereits Ende März, früher als sonst, werden die Nomaden ihre Winterlager abbrechen und wieder in den Norden der Jamal-Halbinsel ziehen. Sie müssen hierfür den Ob-Fluss überqueren, der in diesem vergleichsweise milden Winter eisfrei sein wird. Valentina erzählt, dass der Zug vom Winter- ins Sommerlager die schönste, aber auch anstrengendste Zeit des Jahres sei. Jeden Tag gehe es weiter, das Lager müsse jeweils neu aufgeschlagen werden, und die Rentiere würden ihre Jungen gebären.

Es gibt für die Nenzen keine Alternative zum Zug nach Norden, denn die Herden würden im Morast der Waldtundra versinken. Moskitos und die Sommertemperaturen sind für Rentiere unerträglich. Die Sommerlager stehen jeweils nur wenige Tage, da die Weiden schnell abgegrast sind. Die Nenzen sind im Sommer mit leichtem Gepäck und leichten Schlitten unterwegs, die von Rentieren über die schneefreie Tundra gezogen werden.

Die Tage der großen Wanderungen sind gezählt

Diese Wanderungen werden immer mehr gestört - durch die Gas- und Ölindustrie, deren Pipelines viele Gebiete der Jamal-Halbinsel  durchschneiden. Gazprom und staatliche Stellen versuchen, die Nomaden zu beschwichtigen, indem sie Satellitentelefone, Schneemobile und günstiges Benzin verteilen oder Feuerholz mit dem Helikopter in baumlose Tundragebiete liefern. Die Tage der großen Wanderungen auf der Jamal-Halbinsel sind gezählt.

Polarlichter in kalter Nacht

Polarlichter in kalter Nacht

Foto: Michael Martin

In unserer letzten Nacht flackern Polarlichter über der Tundra, die Temperatur fällt auf unter minus 30 Grad Celsius. Entsprechend eisig wird unsere Schneemobilfahrt am nächsten Morgen zurück zum Treffpunkt, an dem jener Lkw auf uns wartet, der uns acht Tage zuvor in die Tundra gebracht hatte. Wir verabschieden uns von Anatolij, Walentina und ihrer Familie. Bald buchen sich unsere Handys in das russische Mobilfunknetz ein. Schnell erfahren wir,  dass die Coronakrise weltweit zu Grenzschließungen und Flugausfällen führt. Jaroslaw, unserem Kontaktmann in Moskau, gelingt es, uns Tickets für eine Maschine nach St . Petersburg zu besorgen, spätabends geht es weiter nach Moskau.

Der Tag, der in einem Zelt aus Rentierhäuten begonnen hat, endet in einem modernen Airport-Hotel am Moskauer Flughafen Scheremetjewo. 

Wir bekommen schließlich noch Plätze auf dem letzten Aeroflot-Flug nach Wien. Die Österreicher lassen uns nach einem medizinischen Check zum Glück einreisen, im leeren Geisterzug geht es weiter an die deutsche Grenze. Unser Pass sichert uns die Einreise, um 23.30 Uhr sind wir am Hauptbahnhof München. Eine halbe Stunde später schließt Wladimir Putin Russlands Grenzen.

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