Rock auf Island "Damit das Leben wieder spannend wird"

Rock-Musik aus Island ist ein Markenzeichen. Jetzt hat sich eine neue Band gebildet, die allein schon durch den Namen aus dem Rahmen fällt: Vaginas. Das Potenzial ist da, es fehlt nur ein Produzent.

Von Henryk M. Broder


Gitarristinnen Erla und Hafdis: Keine kann das Ave Maria schöner singen als Nina Hagen
Omar Gardarsson

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"Nein, wir sind keine Feministinnen", versichert Erla Gudmundsdottir, um einen nahe liegenden Verdacht zu entkräften. Wenn vier junge Frauen eine Rockband gründen, um als die "Vaginas" aufzutreten, dann könnte man meinen, dass sie nicht nur Musik machen, sondern auch eine Haltung demonstrieren wollen. Aber Erla, 25, Vigdis, 24, Hafdis, 25, und Margret, 22, haben nicht einmal die "Vagina-Monologe" von Eve Ensler gelesen. "Wir wollten einen kurzen, originellen Namen", erinnert sich Vigdis Lara Omarsdottir, "ich hatte Royal Wedding vorgeschlagen, aber den anderen gefiel Vaginas besser."

Es war Erlas Freund, Kristjan, dem der Bandname eingefallen war. "Im Isländischen bedeutet Vaginas gar nichts, es ist ein Kunstwort, niemand denkt sich etwas dabei." Was natürlich eine Tiefstapelei ist, denn die meisten Isländer sprechen Englisch. Wenn sie sich dennoch nichts dabei denken, dann kommt es daher, dass in Island vieles geht, das woanders nicht machbar oder extrem schwierig wäre. Zum Beispiel können vier junge Frauen eines Tages beschließen, die Musikszene aufzumischen, ohne sich daran zu stören, dass sie kein Instrument spielen können.

Ganz Island lebt nach dem Toyota-Spruch: Nichts ist unmöglich. Vigdis, 1981 auf den Westmännerinseln geboren, hat die zehnstufige Schule besucht, danach ist sie "viel herumgereist", hat als Freiwillige bei verschiedenen Projekten in Simbabwe und auf St. Vincent in der Karibik gearbeitet, zwischendurch war sie auch für Humana in Dänemark und Deutschland unterwegs. 2002 kehrte sie nach Island zurück, "vollkommen verschuldet", und stellte sich in einer Fischfabrik ans Fließband. Es war ein schwerer Job, der gut bezahlt wurde. Seit einem halben Jahr lebt sie in "Reykjavik 101" und arbeitet im Nordica-Hotel an der Rezeption.

Im November letzten Jahres hatte sie eine Eingebung. "Ich muss etwas unternehmen, damit mein Leben wieder spannend wird!" Obwohl sie in der Schule kein Instrument gelernt hatte, beschloss sie, Schlagzeugerin zu werden, lieh sich die Geräte aus und fing an zu trommeln.

"Das Wummwumm hat mir gefallen"

Erla, 1979 in Reykjavik geboren, hat dagegen "schon mit vier Jahren gesungen". Im Alter von elf Jahren sang sie im "Graduale"-Chor die Matthäus-Passion, ein Jahr später hatte sie eine kleine Rolle in einer Othello-Aufführung an der Reykjaviker Oper. Dabei wollte sie eigentlich Krankenschwester werden, "um Menschen zu helfen". Ein Jahr lang lebte sie mit einem Freund im Freistaat Christiana in Kopenhagen als Aussteigerin. Seitdem sie wieder in Reykjavik wohnt, hat sie vieles ausprobiert, seit ein paar Wochen berät sie Urlauber bei der Auswahl ihrer Zielorte. "Ist nicht aufregend, wird aber ordentlich bezahlt."

Die Vaginas: "Was soll an dem Namen schlecht sein?"
Omar Gardarsson

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Anfang Mai kaufte sie sich eine Bassgitarre, "weil die nur vier Saiten hat und weil mir das Wummwumm immer gefiel". Die dritte "Vagina", Hafdis Viglundsdottir, spielt "eine richtige Gitarre mit sechs Saiten", wenn sie nicht als Pflegerin in einer psychiatrischen Klinik Dienst hat, die vierte, Margret Gretarsdottir, steht am Keyboard und verkauft Kleider im "Store 17" im Zentrum von Reykjavik.

Bis jetzt hatten die "Vaginas" zwei oder drei "Gigs", je nachdem ob man einen verpatzten Auftritt auf den Färöern mitzählt, wo sie zu einem Festival eingeladen waren, aber wegen Nebels nicht landen konnten. Am 16. Juni - "einen Tag vor unserem Unabhängigkeitstag" - präsentierten sie sich den Reykjavikern im "Smekkleysa Plötubud".

Dort haben auch die "Sigur Ros" ihre Karriere gestartet, und die sind inzwischen weltberühmt, obwohl das Geschäft im Basement eines Supermarkts "der Plattenladen des schlechten Geschmacks" heißt.

Nur eigene Nummern, keine Cover-Versionen

So weit wie "Sigur Ros" sind die "Vaginas" noch lange nicht, aber nach ihrem dritten Auftritt Ende Juli beim Sommerfestival auf den Westmännerinseln haben alle isländischen Medien über sie geschrieben. Jetzt müssen sie sich entscheiden, womit sie berühmt werden wollen. "Mellow Rock", sagt Erla, "zwischen Janis Joplin und P.J. Harvey". Für Vigdis ist John Henry Bonham von Led Zeppelin "der größte Schlagzeuger aller Zeiten". Erla dagegen verehrt Nina Hagen. "Keine kann das Ave Maria schöner singen."

Schlagzeugerin Vigdis: Entwicklungshelferin und Fischfabrik-Arbeiterin
Omar Gardarsson

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Eines steht jedenfalls fest: "Wir spielen nur eigene Nummern, keine Cover-Versionen." Die Stücke heißen: "Mother", "Screwdriver", "Pathological Lier". Die Titel sind englisch, die Texte isländisch. Der Sound ist kräftig, das Zusammenspiel muss noch trainiert werden. Erla will ihre Gesangsausbildung beenden, Vigdis ihre Technik verbessern.

Die "Vaginas" haben Potenzial, bald wird sich ein Produzent melden, um mit ihnen eine Platte zu machen, denn das Label "Rock aus Island" ist weltweit ein Gütesiegel. Außerdem sehen die vier gut aus. Die Frage ist nur, ob sich eine Band mit einem solchen Namen vermarkten lässt. "Wir werden sehen", meint Erla, "was soll an dem Namen schlecht sein?"



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