Rock'n'Roll-Revival in Ontario Alles ist so - Elvis

Elvis lebt! Und auf einem der größten Revivals der Welt sogar in über hundert Kopien. Dann schallt "Tutti Frutti" durch die Straßen des kanadischen Collingwood, Haartolle und Faltenrock sind wieder in. Torsten Mehltretter und seine Kinder begeben sich auf eine Zeitreise in die sechziger Jahre.

Collingwood Elvis Festival

"Sind die Haare echt?", fragt Jella, als wir an einem Mann mit buschigen, fünf Zentimeter breiten und bis zum Unterkiefer reichenden Koteletten vorbeigehen. "Ich glaube nicht", erwidert Petra, "sieht aber lustig aus!"

"Ob die immer so rumlaufen?", will Marlon wissen und mustert eine rundliche Elvis-Imitation im weiß-goldenen Outfit, im Hintergrund hören wir schon eine Elvis-ähnliche Stimme "Heartbreak Hotel" singen. "Einige bestimmt", schätze ich die Lage ein, "aber vermutlich nicht viele. Wenn die so zur Arbeit gingen, fänden das bestimmt nicht alle Chefs und auch nicht alle Kunden lustig." "Mir gefällt's!" Jella kichert, als sie das sagt und starrt auf die Brille eines großen und breiten Mannes. Seine Haare könnten tatsächlich echt sein und die Koteletten auch. Und die Brille ist nicht nur für Achtjährige ein Hingucker: Golden glitzern die gitarrenförmigen Fassungen um die Gläser.

Mit unseren Kindern Jella, 8, und Marlon, 11, sind meine Frau Petra und ich unterwegs zu einem der weltweit größten Elvis-Revivals: Im kanadischen Collingwood steht das dritte Wochenende im Juli seit 16 Jahren ganz im Zeichen des King of Rock'n'Roll. In den letzten Jahren kamen fast 70.000 Elvis-Fans in die Provinz Ontario - zum Feiern und zum Wettstreiten um die Krone des besten Nachahmers.

Das Festival haben wir auserkoren, um unseren Nachwuchs an die Welt der Musik heranzuführen. Petra und ich haben nie einen Hehl aus unserer Leidenschaft für die frühen Titel Presleys gemacht, ausgelebt haben wir sie jedoch nicht. In unserer Teenagerzeit feierte die Masse das Aha-Erlebnis der Neuen Deutschen Welle, Bekenntnisse zum Rock'n'Roll hätten uns vermutlich mit Peter Kraus in Verbindung gebracht. Doch jetzt, über 20 Jahre später, weit weg vom Bekanntenkreis und in der Euphorie eines ohnehin an Naturerlebnissen überfrachteten Wohnmobiltrips durch Ontario, freuen wir uns auf unser erstes Rockkonzert im Familienkreis.

Haartollen aus Pappmaschee, Hemden mit Riesenkragen

"Elvis liked Wiener Schnitzel!", verrät schon auf der Road 26 eine Werbetafel des Bavarian Brewhouse. Auf der Parkplatzsuche in Collingwoods Straßen lernen wir noch, dass Elvis täglich Donuts gefrühstückt, Armbanduhren aller Marken besessen und nur handgefertigte Schuhe getragen hat. Auch an der eigentlichen Touristenattraktion des Ortes kommen wir vorbei: einem ausgebauten Sportboothafen am Lake Huron. Ansonsten ist Collingwood ein zu vernachlässigendes Nest mit gut 17.000 Einwohnern und damit repräsentativ für viele Kleinstädte Ontarios.

Als wir aus unserem Wohnmobil aussteigen, hören wir bereits den dröhnenden Bass großer Boxen. Und wir treffen Steve. Er ist ebenfalls mit dem Motorhome unterwegs, deutlich über 50 Jahre alt und nach eigenen Bekunden "ein Festival-Original". Steve hat seine fettigen Haare seitlich über die Kahlstelle gekämmt, trägt weiße, bis zu den Knien hochgezogene Socken in ebenfalls weißen Turnschuhen. Sein blaues T-Shirts hat er artig unter den Gürtel einer braunen Shorts geklemmt. Der Druck, den Steves Bauch von innen ausübt, betont den Aufdruck seines Shirts: "Der King lebt!", steht dort auf Englisch.

"Geht in die Hurontario Street", rät uns Steve, "und nehmt Stühle mit." "Hurontario Street, machen wir. Und Stühle, na klar." Stühle? Zu einem Rockkonzert? Mit Verpflegungsrucksäcken, aber ohne Stühle pilgern wir dem Lärm entgegen. Bald steigt die Anzahl der bekennenden Elvis-Fans signifikant an. Tiefschwarze Haartollen aus Pappmaschee zieren eine ganze Reihe von Köpfen, Nietengürtel und weit offene Hemden mit riesigen Kragen sind weitere Must-haves. Die Frauen haben sich mit Faltenröcken und knallroten Lippen der Elvis-Zeit angepasst, und am Straßenrand stehen einige Cadillacs aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Wir sind angekommen, im Karneval des Rock'n'Rolls.

Elvis-Erinnerungen im Gartenstuhl

Im Gewühl der Hurontario Street erkennen wir die Rückseite einer Konzertbühne. Hand in Hand kämpfen wir uns vor. Unser Weg führt direkt am Backstagebereich entlang, der in Collingwood nur durch ein einfaches Gitter abgetrennt wird. Auf beiden Seiten des Zauns stehen gut ein Dutzend mehr oder weniger originalgetreue Elvis-Doubles. Einige tragen schwarze Perücken, andere haben ihr Echthaar nach dem Vorbild des King of Rock'n'Roll frisiert. Eine Gruppe älterer, kichernder Damen holt sich Autogramme ab. Wohin wir auch sehen und hören - jetzt ist Elvis allgegenwärtig. Presley-Konterfeis lächeln uns aus den Schaufenstern des Blumengeschäfts, des Friseurs und auch des Bäckers an.

"Can't Help Falling in Love" schmalzt es von der Bühne, während wir noch immer auf der Suche nach einer Eintrittskasse sind. In der Hurontario Street sei der Eintritt heute frei, klärt uns ein Ordner auf. Bei etliche Parallelveranstaltungen dagegen werde abkassiert. Plötzlich stehen wir statt neben einer im Takt hüpfenden Menschenmasse vor einer voll besetzten Armada an Campingstühlen, die fein säuberlich, Reihe für Reihe korrekt vor der Bühne platziert worden sind.

Fast alle, die darauf kauern, haben den King vermutlich noch lebend und live und auch am Anfang seiner Karriere erlebt. Hier treffen sie sich jetzt und lassen die Erinnerung aufleben. In Gartenstühlen und mit Fastfood. So hatten wir uns ein Baseballspiel vorgestellt, aber kein Rockkonzert. Petra und ich müssen laut auflachen, doch als wir unsere Freudentränen aus den Augenwinkeln wischen, können wir auch genießen. Alles ist so friedlich. Alles ist so - Elvis.

Wackel-Elvis für die Windschutzscheibe

Feuerwehrmänner und Polizisten, die wie wir am Straßenrand stehen, tippen zu den schnellen Songs mit ihren Füßen im Takt. Bei "Rock-A-Hula Baby" stürmt eine bunt gemischte Gruppe aus sieben Jahrzehnten die kleine Freifläche zwischen Campingstühlen und Bühne und führt eine Choreografie auf, die uns an frühere Tänze unserer Kinder in der Minidisco eines Ferienclubs erinnert. Auf der Bühne wechseln sich die mehr oder weniger begabten Imitatoren ab. Mehr als 130 sollen es sein. Auch ein paar Kinder werden von ihren fanatischen Eltern in Nietenanzüge gesteckt und auf die Bühne genötigt.

Jeder Interpret trägt maximal zwei Songs vor, und einige aus der Imitatorenriege sind wirklich gut. Der "Jailhouse Rock" von Tim E. Hendry, dem späteren Gesamtsieger, beispielsweise, bringt Unruhe in die Campingstuhlreihen. Klatschende Hände auf Armlehnenhöhe und tanzende Stehplatzgäste lassen auch bei uns ein bisschen Festival-Feeling aufkommen.

Nach zwei Stunden legen wir eine Pause ein und steuern einen Flohmarkt, zwei Straßenecken weiter, an. Hier gibt es alles, was auch nur ansatzweise mit Elvis in Verbindung stehen könnte. Alte Originale genauso wie neuesten Ramsch aus China. Eine kleine Metalldose - angeblich aus den Sechzigern -, eine Sonnenbrille mit angeklebten Koteletten und ein Wackel-Elvis mit Federhüfte und Saugnapf für die Frontscheibe unseres Autos kommen mit.

Als wir in der Dämmerung noch einmal einen Blick auf die Bühne werfen, kämpft eine Damenriege unter schwarzen Perücken in im Laufe der Jahre zu eng gewordenen weißen Hosenanzügen mit den technischen Grenzen der Musikanlage. Das gleichmäßige Gestampfe zu "Tutti Frutti" bringt den CD-Player aus der Spur. Vergnügt beschließen wir am Ende unseres Familienkonzerts ungezügelt Ungesundes zu konsumieren. "All you can eat" bei Pizza-Hut. Mit Musik von - Elvis. Der Restaurantbetreiber hat zwei der Imitatoren für den Abend gebucht.

Elvis lebt. In Collingwood jedes dritte Wochenende im Juli.



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