Rocky Mountains Mit Volldampf in den Wilden Westen

Atemberaubende Natur, technische Meisterleistungen und ein Hauch von Hollywood: Früher transportierte die Durango & Silverton Schmalspureisenbahn Goldsucher, heute ist sie fest in der Hand von Touristen.


Durango/Silverton - Morgens, um viertel nach acht, ist Schluss mit der Nachtruhe. Vier präzise Pfeifsignale - lang, lang, kurz, lang - gellen durch die Stadt. Die mächtige, schwarze Dampflok der Durango & Silverton Schmalspureisenbahn macht sich auf den Weg hinauf in die Rocky Mountains - zum kleinen Minenort Silverton.

Knapp am Abgrund vorbei: Mehrnals täglich windet sich die alte Durango & Silverton Schmalspureisenbahn die Berge hinauf
GMS

Knapp am Abgrund vorbei: Mehrnals täglich windet sich die alte Durango & Silverton Schmalspureisenbahn die Berge hinauf

Seit 1882 schnauft die Eisenbahn durch eine der schönsten Landschaften des US-Bundesstaates Colorado. Damals beförderte sie Silber- und Goldgräber in das 3000 Meter hohe Silverton. Heute sitzen auf den Holzbänken des Zuges ausschließlich Touristen. "200.000 Passagiere fahren Jahr für Jahr mit uns", erzählt Schaffner Richard Millard - mehr als zu den Hochzeiten des Goldschürfens.

Von Mai bis Oktober pendelt der Zug mehrmals täglich zwischen Durango und Silverton, in den Wintermonaten steht eine verkürzte Strecke auf dem Programm. Begehrt ist die dreieinhalbstündige Fahrt vor allem bei Fans des Wildwestfilms. In mehr als einem dutzend Hollywood-Streifen, darunter "Butch Cassidy and the Sundance Kid" oder "Viva Zapata!" hat der Zug eine entscheidende Rolle gespielt.

Die Zugreise entlang des sprudelnden Animas River ist eine atemberaubende Naturerfahrung - besonders im Herbst, wenn sich in der klaren Colorado-Luft die Bäume leuchtend bunt verfärben und die Besucherströme langsam abebben. Nach einer beschaulichen Anfangsetappe durch grüne Wiesen geht es steil in die Rockies.

Männer bei der Arbeit: Die Lokomotive aus den zwanziger Jahren in die Rocky Mountains zu bewegen, ist ein harter Job
GMS

Männer bei der Arbeit: Die Lokomotive aus den zwanziger Jahren in die Rocky Mountains zu bewegen, ist ein harter Job

Nach dem Baubeginn im November 1881 schafften es die Bahnarbeiter in nur knapp neun Monaten, die Gleise durch die raue Gebirgslandschaft bis ins 72 Kilometer entfernte Silverton zu verlegen. Die Strecke windet sich über klapprige Brücken und enge Vorsprünge. Wer Höhenangst hat, sollte nicht aus dem Fenster blicken. Stellenweise scheinen die Schienen gerade noch am Felsen zu kleben, linker Hand gähnt der Abgrund.

Die vorbeiziehende Landschaft ist menschenleer, nicht einmal Wildtiere sind in Sicht. Nur am Himmel kreisen Raubvögel auf der Jagd nach Nahrung. Zweimal muss der Zug unterwegs anhalten. Dann wird über altertümliche Zuleitungsrohre Wasser aus Bergquellen in den Kessel der Lokomotive gegossen. Auf halber Strecke öffnet sich im Berg ein erster Minenschacht. Bald werden es mehr, während die Gegend immer unwirtlicher wird.

Gegen Mittag ist Silverton erreicht. Der Dampfzug lässt den alten Bahnhof links liegen und hält mitten im ehemaligen Rotlichtbezirk. Wegen der Höhe ist die Luft dünn. Selbst im Sommer sind die Gipfel der umliegenden Viertausender mit Schnee überzogen.

Warten auf die Abfahrt: Jeden Morgen um Punkt viertel nach acht startet der Zug in Richtung Silverton
GMS

Warten auf die Abfahrt: Jeden Morgen um Punkt viertel nach acht startet der Zug in Richtung Silverton

Silverton ist - wie seine Eisenbahn - liebevoll konservierte Vergangenheit. Der Ort hat Glück gehabt: Größere Zerstörungen blieben ihm erspart. Die besten Tage erlebte Silverton kurz nach 1900, als 5000 Menschen in der kleinen Stadt lebten und raubeinige Westernhelden in 40 Saloons und Bordellen ihr Geld auf den Kopf hauten.

Besucher brauchen nicht lange, um Silverton zu erkunden - der Zug ermöglicht einen Aufenthalt von zwei Stunden und 15 Minuten, bis er auf der eingleisigen Strecke gedreht hat und zur Rückfahrt bereit steht.

Wer aber das Flair des alten Westens genießen will, sollte in einem der örtlichen Hotels übernachten. Aus den Gasthäusern dringt schmissige Klaviermusik, drinnen hocken am Holztresen die Einheimischen und trinken Bier oder Bourbon.

Nachdem 1991 die letzte Mine schloss, leben noch etwa 500 Menschen in Silverton, die sich ihrer touristischen Pflichten durchaus bewusst sind: Zu den vorherrschenden Kleidungsstücken in der Westernstadt gehören Karohemd und Cowboyhut.

Informationen:

Tickets kosten hin und zurück 53 US-Dollar für Erwachsene und 27 US-Dollar für Kinder bis elf Jahren. Plätze sollten vorab reserviert werden - telefonisch von Deutschland unter: 001/970/247 27 33 oder über das Internet.



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