Rotes Meer Überfahrt nach Palmenland

Einst ähnelten sich die beiden Städte am Roten Meer wie Geschwister. Heute ist Suakin im Sudan ein wasserloses Armenhaus und Dschidda in Saudi-Arabien ein klimatisiertes Einkaufszentrum, in dem Sudanesen die Einheimischen bedienen. Die Passage zwischen beiden Häfen ist auch eine Reise zwischen zwei Welten.

Von Bernd Hauser und Andrew Testa (Fotos)


Die prächtige Altstadt Suakins verfiel beinahe so schnell wie die toten Kamele, die am Rand der Straße nach Port Sudan liegen
Andrew Testa

Die prächtige Altstadt Suakins verfiel beinahe so schnell wie die toten Kamele, die am Rand der Straße nach Port Sudan liegen

Esel ziehen mit gebeugten Köpfen Karren mit leiernden Rädern, darauf ein Tank aus zwei zusammengeschweißten Ölfässern. Jeden Tag wackeln die Gefährte durch die Stadt, um die Menschen mit Wasser zu versorgen, und eines fährt auch über den Damm vom Festland herüber zum blinden Hussein Abdul-Hamid auf der Ruineninsel.

Neulich hatte sich der Alte verirrt. Sein Stock suchte im Staub aus zerfallenem Mörtel und Wüstensand, er klapperte gegen die Schutthaufen aus weißen Korallensteinen, aus denen die Stadt gebaut war. Plötzlich spürte er, wie sich eine kleine Hand in die seine schob und ihn führte. "Wessen Sohn bist du?", fragte Hussein das Kind an seiner Seite. Der Junge antwortete nicht. Er führte den Alten bis zu seinem Zuhause, eine zusammengenagelte Bretterbude, die der Gluthauch des Windes grau gefärbt hat. Dann verschwand der Kleine, und Hussein verstand. "Das Kind war ein Dschinn."

Einst verbannte der Prophet Salomon alle Dschinn, alle Geister also, auf eine Insel an der Rotmeerküste des Sudans. Die kleine Insel, 400 Meter im Durchmesser, war das Sidschinn, das Gefängnis der Geister. Sidschinn, so geht die Legende, wandelte sich zu der Hafenstadt Suakin, aus der die Schätze des Sudans nach Dschidda in Arabien gebracht wurden: Butter von Schafen und Kamelen, Mais, Sklaven. Bis die Engländer Anfang des vergangenen Jahrhunderts Suakin zerstörten, ganz ohne Kanonen und Brandfackeln. Sie bauten 60 Kilometer weiter einen neuen Hafen, Port Sudan, weil es dort weniger Riffe gab. In den zwanziger Jahren begann der Niedergang, erinnert sich der 94 Jahre alte Hussein. Immer mehr Handelsleute verließen Suakin, gingen nach Port Sudan oder übers Rote Meer nach Dschidda.

Also blieb Hussein Fischer

Auch Husseins vier ältere Brüder schifften sich nach Arabien ein. Im Jahr 1950 folgte ihnen Hussein, er watete von einem Schmugglerboot an Land. Seine Brüder hatten Angst vor den Behörden und wollten ihm nicht helfen. Nach zwei Monaten griff ihn die Polizei auf und deportierte ihn zurück ins verfallende Suakin. Also blieb er Fischer, 50 Jahre lang fuhr er jeden Tag hinaus. Das grelle Licht draußen habe ihn das Augenlicht gekostet, meint er; vor drei Jahren begann es, plötzlich sah er immer schlechter.

Hussein heiratete in seinem Leben fünf Frauen und ließ sich nach jeweils fünf Jahren von den ersten vier wieder scheiden, denn "keine von ihnen konnte Kinder gebären". Es war, als sei die Insel mit einem Fluch des Todes belegt. Die prächtige Altstadt verfiel beinahe so schnell wie die toten Kamele, die am Rand der Straße nach Port Sudan liegen. Bei mehr als 40 Grad im Schatten werden ihre Kadaver immer flacher, Rippen staken in die Luft wie in Suakin die Deckenbalken aus dem Schutt der einst dreistöckigen Häuser.

Es war, als sei die Insel mit einem Fluch des Todes belegt: Der blinde Hussein Abdul-Hamid
Andrew Testa

Es war, als sei die Insel mit einem Fluch des Todes belegt: Der blinde Hussein Abdul-Hamid

Mit den Geistern komme er gut aus, manchmal tränken sie zusammen Tee und redeten über früher, erzählt Hussein. "Suakin war eine prächtige Stadt. Im Palast des Händlers Schinawi gab es 365 Zimmer. Für jede Frau eines, wie es hieß. Bündel von Straußenfedern und Stapel von Elefantenstoßzähnen lagerten in den Magazinen. Auf dem Boden lagen edle Teppiche, importiert aus Dschidda."

Die "Inglesi" wollten Suakin auslöschen

In den Gassen der Inselstadt verwandelten Juweliere Goldbarren zu Geschmeide für die Bräute Arabiens. Die 200 Häuser hatten schwere Türen aus javanischem Teak und Erker aus indischem Redwood mit kunstvoll geschnitzten Gittern, durch die ein kühlender Luftzug ins Innere strich und die Frauen nach draußen blicken konnten, ohne gesehen zu werden. Pilger, die auf ihrem Weg durch die nubische Wüste nicht verdurstet oder von Räubern erschlagen worden waren, schifften sich ein, um in Mekka zu beten, der heiligsten islamischen Stätte, 60 Kilometer nördlich von Dschidda.

Dass die Kolonialherren Suakin den Todesstoß versetzten, liege nicht an den besseren Schifffahrtsbedingungen in Port Sudan, erzählen Großväter den Enkeln. Aus Suakin kam Osman Digna, der 1883 der anglo-ägyptischen Armee mit seinen Kämpfern vom Stamm der Beja bittere Verluste beibrachte. Die "Inglesi" hätten deshalb beschlossen, Dignas Heimatstadt auszulöschen. Dass Osman Digna erst zum Kämpfer für Islam und Freiheit geworden war, weil die Kolonialherren sein Geschäft eindämmen wollten, erzählen die Alten den Enkeln nicht: Digna war Sklavenhändler.

800.000 Sudanesen haben sich nach Saudi-Arabien aufgemacht

Das neue Suakin wächst auf dem Festland. In der Siedlung aus einstöckigen Häusern, Bretterbuden und Zelten leben mehrere zehntausend Menschen. Nördlich gibt es einen neuen Ölterminal und einen Verladekai für Kamele und Schafe, die nach Dschidda exportiert werden, häufig als Opfertiere für die Pilger in Mekka. Der Besitzer des besten Hotels sagt: "Die Regierung investiert in Suakin - schließlich ist es ein Symbol der Zivilisation." Auch in seinem Haus mit einem Dutzend Vierbettzimmern gibt es kein fließendes Wasser.

Wo Palmen wachsen, da ist Wasser, Schatten, Nahrung. 800.000 Sudanesen haben sich nach Saudi-Arabien, in das Land mit der Palme in seinem Staatswappen, aufgemacht. Gegenüber der Ruineninsel liegt im Osman-Digna-Port die "Sara" vor Anker, eine 100 Meter lange Autofähre, in der es nach Maschinenöl riecht. Sie bringt Techniker, Computerexperten, Lehrer, Lastwagenfahrer, Buchhalter, Übersetzer und Kamelhüter über das Rote Meer. In saudischen Krankenhäusern arbeiten 800 sudanesische Ärzte. Ein Lehrer verdient im Sudan 40 Euro im Monat, in Saudi-Arabien 400.



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