Route 66 Abgefahrener Klassiker

Die Route 66 ist die Straße der Nostalgiker. Auf den 4000 Kilometern von Chicago bis Santa Monica sind die USA noch das "gute alte Amerika". Hunderttausende Biker und Autofahrer machen sich jedes Jahr auf die Suche nach dem Mythos.

Chicago - Jeff Lessenberry hat im "Launching Pad" einen Stopp eingelegt. "Zwei Eier mit Soße, Coke, und ein T-Shirt, Größe XXL" bestellt er in dem Imbiss in Wilmington, Illinois. Jerry Gatties ruft seiner Frau in der Küche die Bestellung zu, Sharon macht sich an den Ofen, und Lessenberry lässt sich in einer Diner-Nische auf die Sitzbank fallen. "Das ist Amerika, wie es einmal war", sinniert er. "Heute ist doch alles überall vereinheitlicht: Burger King, Wal-Mart - hier ist die gute alte Zeit ein bisschen stehen geblieben." Lessenberry ist unterwegs auf der Route 66, die von Chicago über rund 4000 Kilometer nach Santa Monica in Kalifornien führt.

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Route 66: Mutter aller Straßen

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Wie Lessenberry sind inzwischen jedes Jahr Hunderttausende unterwegs: um etwas von der Zeit zu schnuppern, als eine Fahrt von Chicago nach St. Louis noch ein echtes Abenteuer war. "Im vergangenen Sommer hatten wir an einem Tag 900 Harleys vor der Tür", sagt "Launching Pad"-Inhaber Jerry Gatties. "Autoclubs aus aller Welt kommen hier vorbei." Das "Launching Pad" liegt rund 80 Kilometer südwestlich von Chicago - der perfekte Frühstücksstopp für alle, die die Route von ihrem Anfang mitten in der Innenstadt von Chicago, Michigan Ecke Adams Avenue, nehmen.

Bis 1960 war die "66" die wichtigste Ost-West-Verbindung durch die USA. 1984 ersetzte die Autobahn 40 in der Nähe von Williams in Arizona das letzte Stück der Original-66. Die alte Wegführung geriet fast in Vergessenheit. Bis Liebhaber den romantischen Wert der alten Route erkannten, die alte Schilder aufmöbelten, längst verlassene Stationen am Wegesrand restaurierten, Vereine gründeten, Reiseführer schrieben und den Mythos seitdem pflegen.

"Big Als Chicago Style Hot Dogs

Hinter Wilmington, wenn es sich rund 40 Kilometer lang gemütlich über schier endlos erscheinende Landstraßen zuckeln lässt, geht es immer der Eisenbahn- und Stromleitungstrasse entlang. "Willkommen in Dwight Einwohnerzahl: 4300" - steht auf einem Ortseingangsschild. "Die freundlichste Stadt in den gesamten USA!" Dahinter preist ein Imbiß "Big Als Chicago Style Hot Dogs" an.

Zwischen den Orten ist hier und da ist ein Farmhaus zu sehen, frische Landluft weht herüber, und Eilige werden durch langsam tuckernde Traktoren auf der Straße auf die Geduldsprobe gestellt. Der Getreidesilo am Horizont kündigt den nächsten kleinen Ort an. In Odell, das sich als "Kleine Stadt mit großem Herz" rühmt, wartet ein weiteres Highlight der "66": Eine Tankstelle aus dem Jahr 1932, seit 1975 außer Betrieb, aber seit neun Jahren restauriert. 87 Meilen ist die "66" von Chicago aus "alt", 2361 Meilen liegen noch zwischen Odell und dem Pazifik.

Als Original der "66" gilt Bill Shea. Wer seinen Posten kurz vor Springfield erreicht, tritt unversehens zurück in alte Zeiten. Der 85-jährige Shea ist seit 50 Jahren hier. Seit er im Ruhestand ist, baute er die alte Werkstatt zu einer Fundgrube für "66"-Memorabilia aus: Alte Zapfsäulen, Fotos, Plakate und jede Menge Geschichten hat Shea zu bieten.

Die "66" wurde vor fast 80 Jahren begonnen. Für Zehntausende wurde ein Job beim Straßenbau in der Zeit der großen Depression der frühen dreißiger Jahre zum Rettungsanker. Als dann die große Dürre über den Mittleren Westen kam und die Erde auf den Feldern über tausende Kilometer hinweg vor Trockenheit zu Staub verkam, wurde die "66" eine andere Rettungslinie: Verarmte Bauern packten ihr Hab und Gut zusammen und brachen Richtung Westen auf.

Sehnsucht nach neuen Chancen, Drang nach Westen

Die Straße verkörperte alles, was die noch junge Nation ausmachte: Mobilität, die Sehnsucht nach neuen Chancen, den Drang nach Westen. John Steinbeck setzte ihr 1939 mit seinem Roman "Früchte des Zorns" über den schwierigen Treck der Farmer nach Westen ein Denkmal. "Die 66 ist die Mutterstraße, die Straße der Flucht", schrieb er.

Am Wegesrand der Ost-West-Verbindung entstanden die Motels, Tankstellen, Raststätten und Imbiss-Restaurants, die Nostalgiker noch heute in die damalige Zeit zurückkatapultieren. Allein auf der Route von Chicago nach St. Louis in Missouri gibt es eine Menge weiterer lohnender Haltepunkte, das Museum "Route 66 Hall of Fame" in Pontiac etwa mit alten Ampeln und Straßenschildern.

In Springfield, sagen eingefleischte Springfielder, führt kein Weg am "Cozy Dog Drive" vorbei, wo es in Teig frittierte Würstchen am Stiel gibt. Die Stadt ist die Wirkungsstätte von Abraham Lincoln, dem ein neues Museum gewidmet ist, und - wie viele behaupten - der Geburtsort von Cartoon-Held Homer Simpson, der eben in Springfield lebt.

Endlose Maisfelder warten hinter Springfield, der Mittlere Westen beginnt hier endgültig. "Ein großartiger Ort um eine Familie großzuziehen" - so preist sich Farmersville an. Etwas weiter in Litchfield lädt das Autokino "Sky View Drive In" aus den fünfziger Jahren zum Eintauchen in längst vergangene Tage. Kurz vor St. Louis ist ein Halt bei "Ted Drewes Frozen Custard"-Eisladen ein Muss. Seit 1929 wird hier Eis gemacht, in den verlockendsten Variationen.

Die "66" geht durch acht Bundesstaaten: Illinois, Missouri, Kansas, Oklahoma, Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien. Jeder hat seinen eigenen Verein, der alte Wahrzeichen wieder aufgemöbelt hat und Tipps für Attraktionen am Wegesrand liefert. Die letzten 600 Kilometer zum Pazifik gelten als besonders lohnend: von Flagstaff in Arizona bis Los Angeles. Hier liegt der Gran Canyon nahe, die Künstlerstadt Sedona, das Kasinostadt Las Vegas und die Mojave-Wüste.

Von Christiane Oelrich, gms

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