Rubondo Island in Tansania: Viel Wald, wenig Affe
Rubondo Island in Tansania: Viel Wald, wenig Affe
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Günter Kast

Affen-Spotting in Rubondo Island Die Touris rasen durch den Wald

Selbst für Ranger ist es schwer, die Schimpansen von Rubondo Island zu finden. Doch der Besuch von Afrikas ältestem und größtem Insel-Nationalpark lohnt – etwas Mut und Kondition vorausgesetzt.
Von Günter Kast

Rubondo Island gehört den Tieren, nicht den Menschen. Das wird bereits bei der Fahrt zum »Rubondo Island Camp« deutlich; es ist die einzige Lodge hier von internationalem Standard.

Durch die Baumkronen turnen Grünmeerkatzen und Schwarz-weiße Stummelaffen, in der Luft tanzen große bunte Schmetterlinge. Schwarzmilane kreisen am Ufer der Insel im Viktoriasee, auf einem Schild steht: »No Swimming«. Flusspferde und bis zu fünf Meter lange Nilkrokodile lassen es ratsam erscheinen, für eine Abkühlung lieber den kleinen Pool zu nutzen. Den See überlässt man besser den flinken und scheuen Fleckenhalsottern.

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Insel der Affen: Rubondo Island im Viktoriasee

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Viele der Inseln in Afrikas größtem Binnengewässer sind dicht besiedelt. Wälder mussten im Zuge der landwirtschaftlichen Erschließung Feldern Platz machen. Am Südufer des Viktoriasees, in der Stadt Mwanza, leben rund 700.000 Menschen. Doch beim Anflug auf Rubondo Island verschwinden alle Anzeichen von Zivilisation. Da ist nur noch üppiges Grün, ein dampfender, verheißungsvoller Regenwald. Lebt dort vielleicht der glücklichste Schimpansenclan der Welt, weil er hier nahezu keine Fressfeinde hat?

Bevor der Pilot des Buschfliegers aufsetzen kann, muss er im Tiefflug eine Extrarunde drehen, um auf der Naturpiste äsende Sitatunga-Antilopen zu vertreiben. Schwüle Hitze empfängt uns. Beim Eintrag ins Gästebuch der tansanischen Nationalparkverwaltung Tanapa wird klar, dass hier seit Wochen keine Besucher mehr gelandet sind.

Viel los war auf der 237 Quadratkilometer großen Insel aber auch vor der Pandemie nicht. Wer die Serengeti verlässt, reist gewöhnlich nach Osten weiter: zum Ngorongoro-Krater, zum Kilimandscharo, nach Sansibar. Zum Viktoriasee im Nordwesten des Landes verschlägt es deutlich weniger Tansania-Reisende.

Schutzzone für Nashörner

Rubondo Island war einst die Heimat der Banyarubondo, Angehörige einer Bauern- und Fischergemeinschaft. 1963, am Vorabend der Unabhängigkeit Tanganjikas, verfrachteten jedoch Wildhüter der britischen Krone eine kleine Population von Spitzmaulnashörnern aus den umliegenden Savannen auf die Insel, um sie vor einer für die nachkoloniale Zeit befürchteten unkontrollierten Bejagung zu schützen. Die hier sesshaften Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Wenige Jahre später erweiterte Bernhard Grzimek die Ansiedlungen mit Mitteln der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft (FZG) auf andere Arten, um aus Rubondo einen sicheren Ort für bedrohte Wildtiere zu machen. Der langjährige FZG-Direktor war damals bereits berühmt. Sein Dokumentarfilm »Serengeti darf nicht sterben« hatte 1959 einen Oscar gewonnen. Doch die Freude darüber wurde überschattet vom Tod seines Sohnes Michael, der bei den Dreharbeiten abstürzte, nachdem sein Buschflieger mit einem Geier kollidiert war.

Grzimek hegte eine Leidenschaft für Schimpansen, weil diese Primaten dem Menschen am ähnlichsten sind, nicht nur in ihrem genetischen Bauplan, sondern auch in ihrem Verhalten. 1945 hatte er mehrere in seiner Wohnung aufgenommen, weil sie im ausgebombten Berliner Zoo obdachlos geworden waren. Die Schrammen und Bissverletzungen, die sie ihm zufügten, schreckten ihn offensichtlich nicht ab. Als er von dem Projekt auf der Insel im Viktoriasee erfuhr, sah er eine Chance auch für diese bedrohte Tierart.

1966 rettete Grzimek zehn Schimpansen, die ursprünglich aus Westafrika stammten und in freier Wildbahn geboren worden waren, aus europäischen Zoos und Zirkussen. In Holzkisten traten die zwischen drei Monate und neun Jahre alten Menschenaffen die 16.000 Kilometer lange und fünf Wochen dauernde Reise von Antwerpen nach Rubondo an. Sie gewöhnten sich gut ein. Lediglich ein Männchen musste erschossen werden, nachdem es einen Aufseher angegriffen hatte.

Grzimeks Mission war damit noch nicht zu Ende. Sechs weitere Schimpansen gingen auf große Reise; ebenso 20 Schwarz-weiße Stummelaffen, 16 ausgewachsene Breitmaulnashörner (die später alle Wilderern zum Opfer fielen), zwölf Giraffen und zwei Paare Pferdeantilopen. 1973 kamen sechs junge Elefanten hinzu. Und im Jahr 2000, da war Grzimek längst tot, traf ein Schwarm Graupapageien aus Kamerun ein, der in Nairobi aus der Hand von Schmugglern gerettet worden war. Was entstand, war eine Art Arche Noah, die 1977 zum Nationalpark erklärt wurde, – und fortan Touristinnen und Touristen anlocken sollte. So erzählen Schautafeln die Geschichte des Parks nach und so schildert es auch Camp-Manager Dastan.

Schimpansen sichten – oder auch nicht

»Die meisten Besucher kommen natürlich wegen der Schimpansen«, sagt Ezra Dastan, der Manager des Camps, das zum Luxusreiseanbieter Asilia Africa gehört. Aus den 16 Tieren von damals seien zwei Gruppen mit jeweils gut 30 Mitgliedern geworden. Der Trupp im Norden der Insel sei habituiert, die Affen hätten sich also an die Menschen gewöhnt, sagt Dastan. Er schränkt jedoch sogleich ein: »Leicht ist es nicht, sie zu finden.«

Gerade eben kommen sechs Safarigäste zurück, verschwitzt und müde. Bis in den Nachmittag hinein hatten sie versucht, die Primaten zu finden. Vergeblich. Ein Trost ist in solchen Momenten eine abendliche Pirschfahrt in den Süden der Insel. Dabei gibt es immerhin die wenig scheuen Sitatungas und Buschböcke zu sehen, die sich hier nicht vor Raubkatzen in Acht nehmen müssen. Und auch Elefanten, deren Population auf rund 200 angewachsen ist.

Gleich am ersten Abend brechen wir zu so einer Erkundung auf – und haben Glück. Ein stattlicher Elefantenbulle bricht aus dem Dickicht. Er versperrt uns den Weg und jagt uns mit seinem Scheinangriff einen Schrecken ein. Was für ein Unterschied zu den teils gut an Menschen gewöhnten Elefanten in der Serengeti.

Die nächste Tiershow erleben wir, als wir später bei einem Gin Tonic am Lagerfeuer sitzen: Hippos pflügen mit viel Getöse aus den Fluten und grasen direkt vor unserem Chalet. Es ist wohl keine so gute Idee, in finsterer Nacht ohne Eskorte zu den Hütten zu spazieren, gelten sie doch in Afrika als die gefährlichste Tierart.

Unterwegs mit den Fährtenlesern

Am Morgen geht gerade erst die Sonne über dem See auf, als wir ins Boot steigen, das uns in den Norden Rubondos bringt. Am Tanapa-Hauptquartier holen wir die Ranger ab, die uns zu den Schimpansen führen sollen. Kurze Zeit später sind wir mittendrin im Nahkampf mit dem Dschungel.

Die erste Stunde geht es zwar ziemlich steil bergauf, aber der Wald ist noch nicht besonders dicht. Die Parkranger legen ein strammes Tempo vor. Sie wollen möglichst schnell zu den Trackern aufschließen, die wissen, wo sich die Schlafbäume der Primaten ungefähr befinden. Als wir auf James Leonard, den Chef der Fährtenleser, stoßen, gönnt uns dieser keine Sekunde Pause: »Der Clan hat die Morgentoilette hinter sich und ist schon weitergezogen.«

Was folgt, ist eine Art Berglauf im Regenwald. Äste mit fiesen Dornen schlagen uns ins Gesicht. Wir fangen uns selbst in Lianen, stolpern in knietiefe Löcher. Aber vielleicht ist es ganz gut, hier nicht stehenzubleiben – sonst drohen bissige Wanderameisen.

Endlich entdeckt James ein Schimpansenweibchen mit ihrem Jungen. Als es uns erspäht, ergreift es sofort die Flucht. Ans Fotografieren ist im dichten Unterholz nicht zu denken. Überhaupt ist da viel Wald und wenig Affe. Besuch scheinen die Primaten nicht zu mögen – vielleicht sind sie es auch nicht mehr gewohnt, viele Menschen zu sehen. »Vor Corona kamen fast jeden Tag Besucher, derzeit oft nur einmal pro Woche«, sagt James.

Endlich, nach fast vier Stunden Dschungel-Jogging, legt der Boss der Affenbande eine Pause ein. Gut, dass wir seiner Gruppe dicht auf den Fersen geblieben sind. Mit viel Gekreische machen es sich die Tiere auf einem großen Baum mit saftigen Feigen bequem. Anfangs bewirft uns eines der jüngeren Männchen noch mit Ästen und Früchten. Die Leute hier nennen ihn Idi Amin, so wie den Ex-Diktator Ugandas. Dann kehrt allmählich Ruhe ein. James wirkt zufrieden mit seinen Gästen. Sie haben nicht zu früh aufgegeben.

Der Chef des Clans – er ist nicht viel größer als seine Gefährten – mustert seine menschlichen Beobachter. »Muskelkraft allein macht ihn nicht zum Anführer«, flüstert James. »Er muss ein ebenso guter Taktiker und Diplomat sein, Allianzen schmieden, Intrigen befeuern, harte Machtkämpfe und sogar Attentate überleben.« Der Boss kümmert sich nun rührend um eine Mutter mit einem Baby auf dem Rücken, packt dann ein anderes Weibchen kräftig am Oberarm und schaut es scharf an.

Lodge-Manager Dastan sagt: »Wir brauchen eine dritte, an Menschen gewöhnte Schimpansen-Gruppe. Unsere Gäste kommen mit hohen Erwartungen und sind enttäuscht, wenn sie die Affen nicht finden.« Vor allem bei den nur für zwei Nächte angekündigten Gästen aus den USA sei der Druck am größten. »Wir wollen keinen Zoo, wollen aber allen ein einigermaßen verlässliches Erlebnis bieten.« Damit das Aufspüren der Primaten erfolgreicher ist, erhielten die Fährtenleser Anreize von der Nationalparkverwaltung Tanapa und dem Luxusreiseanbieter Asilia Africa. Auch Fahrzeuge stellt der Anbieter.

Doch Dastans Wunsch deckt sich nicht mit dem Plan von Tanapa: Sie möchte nur noch Tierarten auswildern, die früher hier heimisch waren wie Zebras, Wasserböcke und Perlhühner.

Kapitulation vor Plastikmüll und Fischdieben

Die nicht immer gute Quote bei der Sichtung von Schimpansen ist nicht das einzige Problem auf Rubondo. Auf der Rückfahrt mit dem Boot fällt auf, wie viel Plastikmüll angeschwemmt wird, wie viele Handleinen und Bojen von Fischwilderern sich im Wasser befinden. Was setzt die Nationalparkverwaltung mit ihren 50 Mitarbeitern dem entgegen?

Die Wachtürme an der Küste sind jedenfalls die meiste Zeit unbesetzt. Auch das Gespräch, das wir im Tanapa-Hauptquartier mit dem Tourismusbeauftragten und einem Naturschutzmanager führen, bringt wenige Erkenntnisse. Es wirkt so, als ob sie den Kampf gegen Plastikmüll und Schwarzfischer aufgegeben hätten.

Dabei gibt Asilia Africa, Betreiberin des »Rubondo Island Camp«, an, bereits konstruktive Lösungsvorschläge präsentiert zu haben: den Fischdieben Säcke in die Hand zu drücken etwa und sie die Strände säubern zu lassen – denn Haftstrafen würden sie nicht abschrecken und Geldbußen könnten sie nicht bezahlen.

Um die Probleme zu lösen, sucht Tanapa weitere Investoren für Lodges. »Aber das Virus bremst uns aus.« Und so fällt die Rolle als Devisenbringer fast ausschließlich den Asilia-Gästen zu. Für einen Aufenthalt mit vier Nächten kommen 330 US-Dollar (umgerechnet etwa 295 Euro) zusammen – allein an Nationalparkgebühren und Naturschutzabgaben. Hinzu kommen die Kosten für die Permits, die Erlaubnis zur Schimpansen-Sichtung: 320 Dollar für zwei Genehmigungen. »Zehn Trackings pro Monat reichen bereits aus, um viele Aufgaben des Parks zu finanzieren«, sagt Dastan.

Die Besucherinnen und Besucher lassen viel Geld auf Rubondo Island, die Erlebnisse sind dafür unvergesslich. Stundenlang hätte ich den Schimpansen zusehen wollen. Ihr Leben ist mehr als Spielen, Fressen, Lausen und Kopulieren. Manchmal orchestrieren die Tiere regelrechte Verfolgungsjagden. Denn noch besser als Feigen schmecken ihnen Stummelaffen.

Und dann gibt es Szenen zum Dahinschmelzen: Dogo – so nennen die Ranger einen noch kleinen Schimpansen – spielt Verstecken mit uns. Lugt einmal rechts und dann wieder links an einem Baum vorbei. Als Dogo sich hinlegt, ihm die Augen zufallen, verabschieden wir uns schweren Herzens von dem Clan.

Günter Kast ist freier Autor von SPIEGEL.de. Die Recherche wurde teilweise unterstützt von Abendsonne Afrika und Asilia Africa.