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Legendärer Boxkampf in Kinshasa Der Tempel Muhammad Alis

Runde um Runde boxte George Foreman 1974 seinen Gegner in die Seile, dann kam die achte - und Muhammad Ali gewann den legendären "Rumble in the Jungle" doch. Was ist geblieben vom Ort seines Triumphs?

Vorne auf dem kleinen Platz vor dem Haupttor, dort, wo einige Mangobäume aus dem Häusermeer aufragen, lässt sich der Glanz von einst noch erahnen. Zwar sind die Gitter der Stadiontore verrostet. Aber wenn für einen Moment die Sonne durch die Regenwolken scheint, leuchtet die Fassade des Stade Tata Raphaël in hellem Gelb auf, beinahe so, als sei sie eben erst gestrichen worden. Vergilbte Mosaike schmücken die Mauern - auch zwei sich duellierende Boxer sind zu sehen.

Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, mit 9,5 Millionen Einwohnern, vielleicht auch 10 oder mehr, ist ein städtebauliches Ungetüm. Hier gibt es wellblechgedeckte Hütten, rauchende Feuerstellen und Wasserkanäle voller Plastikmüll, so weit das Auge reicht. Auf Karren zerren Straßenhändler Mangos und Maniok hinter sich her.

Mitten in diesem Moloch steht jenes halb verfallene Stadion, das einst Berühmtheit erlangte. Gibt es einen absurderen Schauplatz für einen der größten Momente in der Geschichte des Sports?

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40 Jahre danach: "Rumble in the Jungle" in Kinshasas Stadion

Foto: Fabian von Poser

Mobutu wollte sein Land berühmt machen

Vor 40 Jahren, am 30. Oktober 1974, fand in Kinshasa einer der größten Boxkämpfe aller Zeiten statt. Der damals 32-jährige Muhammad Ali forderte den sieben Jahre jüngeren Schwergewichtsweltmeister George Foreman zum Showdown heraus. Alis Ziel konnte nur eines sein: Er wollte den Titel zurückholen, der ihm Jahre zuvor wegen Verweigerung des Wehrdiensts beim US-Militär aberkannt worden war.

Als "Rumble in the Jungle", Prügelei im Dschungel, ging der Kampf in die Geschichte ein. Doch er war viel mehr als das: Bis 2010, dem Jahr der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika, war er das größte Sportereignis, das je auf dem afrikanischen Kontinent stattgefunden hat. Und zu seiner Zeit war er ein wichtiger Identifikationspunkt für viele Millionen Afrikaner.

Keine Fotos von einst hängen an den Stadionwänden, keine Poster von Ali und Foreman in den Katakomben, auch gibt es keine Vitrinen voller Pokale. Stattdessen bröckelt der Putz von den Wänden. Die Tribünen sind verfallen, die meisten der Absperrgitter herausgerissen. Viele der bunten Sitze auf der Haupttribüne sind durch die immerwährende Feuchtigkeit von Moos überzogen.

Der Hauch des großen Fights ist dennoch zu spüren: Zusammengefügt mit der Erinnerung an die Bilder aus Leon Gasts großartigem Dokumentarfilm "When We Were Kings", ist beim Blick in das Oval alles wieder da: die tropische Hitze, der Schweiß, der Enthusiasmus Zehntausender.

Vor dem Kampf ließ der Diktator hundert Kriminelle hinrichten

Zu verdanken hat Kinshasa sein Mega-Event vor allem zwei Menschen: dem US-amerikanischen Boxpromoter Don King, der Foreman und Ali um jeden Preis zusammen in den Ring bringen wollte, und Mobutu Sese Seko, dem machtbesessenen Diktator des damaligen Zaire. King ging es um Ruhm und Reibach.

Mobutus Ziel war es, der Welt zu zeigen, dass die seit 14 Jahren unabhängige Nation nicht nur reich an Bodenschätzen war, sondern auch prädestiniert dafür, eine führende Rolle im postkolonialen Afrika einzunehmen. Sein wahres Gesicht zeigte sich schnell: Im Vorfeld des Kampfes ließ er hundert willkürlich ausgewählte Kriminelle im Stadion hinrichten - als Warnung für die Menschen in den Straßen, sich ruhig zu verhalten, während die Augen der Welt auf Kinshasa blickten.

Nach außen rückte der Diktator sein Land geschickt ins Rampenlicht. Noch heute sind viele Kongolesen stolz darauf. "Für das Prestige unseres Landes war der Kampf von enormer Bedeutung. Viele Leute sind erst durch ihn darauf aufmerksam geworden, dass es uns wirklich gibt", sagt Abdel Aziz, Platzwart in der Arena.

Als Ali und Foreman boxten, war Aziz zehn. Den Kampf sah er mit seinem Vater vor dem Fernseher. Von dem sportlichen Glanz von einst ist nicht viel übrig geblieben. Die Fußballspiele der Clubs DC Motema Pembe, AS Vita Club und Masembé, die im Stadion ausgetragen werden, enden oft mit blutigen Krawallen. Wird nicht gespielt, ist die heute 48.000 Zuschauer fassende Arena meist menschenleer. Hin und wieder schauen ein paar Diplomaten vorbei, die einen Hauch des alten Glanzes spüren wollen. "Aber viele Touristen kommen nicht", sagt Aziz.

"Ali boma ye" - Ali, töte ihn

Ursprünglich war der Kampf für den 25. September 1974 angesetzt. Doch wegen einer Verletzung Foremans wurde er um fünf Wochen verschoben. Ali gelang es in dieser Zeit, die Kongolesen geschickt auf seine Seite zu bringen. Keine Möglichkeit ließ er ungenutzt, um auf die Straße zu gehen und sich mit den Einheimischen zu verbrüdern. Forman verschanzte sich mit seinem deutschen Schäferhund im Hotel, was ihm den Ruf einbrachte, zum US-amerikanischen Establishment zu gehören. Vielen Kongolesen war das zuwider.

Rechter Haken von Ali: Der Kampf um den Titel begann um 4 Uhr früh

Rechter Haken von Ali: Der Kampf um den Titel begann um 4 Uhr früh

Foto: imago/ UPI

Als Ali und Foreman am 30. Oktober um 4 Uhr morgens schließlich in den Ring stiegen, war es eine heiße Nacht. Nach 40 ungeschlagenen Profikämpfen galt Foreman als der haushohe Favorit. Fünf Runden lang boxte er Ali in die Seile. Doch dieser führte den kraftsparenderen und klügeren Kampf. Immer wieder flüsterte er Foreman ins Ohr: "George, ich hätte dich stärker eingeschätzt. George, wir essen hier kein Popcorn." Legendär sind die Momente, als Zehntausende auf Lingala riefen: "Ali boma ye" - Ali, töte ihn. Dann kam die achte Runde. Kurz vor dem Pausengong traf Ali Foreman mit mehreren blitzschnellen Schlägen an die Schläfen. Foreman ging zu Boden. Nur Sekunden später reckte Ali die Fäuste in die Nacht.

Für ihn bedeutete das den Titel, für Ali und Foreman jede Menge Geld: Beide Boxer nahmen je fünf Millionen US-Dollar mit nach Hause, das höchste jemals für einen Boxkampf gezahlte Preisgeld. Kinshasa dagegen, die größte und berüchtigste aller schwarzafrikanischen Metropolen, blieb nach alldem nur eins: ein altes, verwittertes Stadion, verloren im Sturm der Gezeiten.

Fabian von Poser/srt/abl