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14. April 2019, 10:32 Uhr

Von Nordkorea bis Norwegen

In 259 Tagen rund um Russland

Ein Interview von Alva Gehrmann

20.000 Kilometer durch 14 Staaten, über das arktische Meer, immer entlang der Grenze: Erika Fatland hat Russland umrundet und erlebte den weltpolitischen Giganten aus Sicht seiner Nachbarn.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, Russland, immerhin das flächenmäßig größte Land der Welt, zu umrunden?

Fatland: Eines Nachts träumte ich, dass ich über eine große Landkarte wandere. Ich streifte von Land zu Land, immer entlang der Grenze zu Russland, von Nordkorea bis zurück in meine Heimat Norwegen.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah nach dem Aufwachen?

Fatland: Ich begann, die Route zu planen. Ich wollte herausfinden, wie Russland jede der angrenzenden Nationen historisch beeinflusst hat und bis heute prägt. "Die Grenze" ist ein Buch über die Nachbarländer Russlands, aber natürlich auch indirekt eins über Russland.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren 259 Tage in 14 Ländern unterwegs. Wie sind Sie gereist?

Fatland: Ich nutzte alle Arten von Transportmitteln - von nordkoreanischen Propellerflugzeugen, wo sich niemand ums Gurtanlegen scherte, und chinesischen Hochgeschwindigkeitszügen bis hin zu langsamen kasachischen Zügen. Über das Kaspische Meer fuhr ich mit einer Fähre, die erst ablegte, als sie voll war. Andernorts bin ich auf Pferden geritten, und in der Mongolei waren Rentiere dabei. Ich war außerdem mit Bussen, Taxis und natürlich zu Fuß unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Meist sind Sie allein auf Tour gegangen. Was reizt Sie daran?

Fatland: So ist es leichter, mit den Menschen vor Ort in Kontakt zu kommen. Manche hatten auch Mitleid mit mir. In China etwa, wo jegliche Aktivitäten in der Gemeinschaft stattfinden, konnten viele nicht verstehen, dass jemand freiwillig solo reist. Wenn Sie aber den gesunden Menschenverstand nutzen und keine unnötigen Risiken eingehen, sind die Orte, die ich bisher bereist habe, auch für Alleinreisende sicher. Die meisten Menschen sind gastfreundlich und glücklich, dass jemand in ihre teilweise abgelegene Heimat kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Gastfreundschaft gezeigt?

Fatland: In Aserbaidschan und in Georgien geht sie so weit, dass man bei Komplimenten vorsichtig sein sollte. Als ich zum Beispiel den schönen Schal einer Aserbaidschanerin bewunderte, sagte sie gleich: "Willst du ihn haben?"

SPIEGEL ONLINE: Die 14 Nachbarstaaten sind sehr unterschiedlich. Wie blicken diese auf Russland?

Fatland: Nachbar des größten Landes der Welt zu sein, war noch nie einfach. Norwegen ist der einzige Nachbarstaat, der nie im Krieg mit Russland war oder von ihm besetzt wurde. Dies liegt vor allem daran, dass die gemeinsame, eher kurze Grenze sehr hoch im Norden liegt. Kasachstan hingegen hat mit mehr als 7500 Kilometern die längste Grenze zum Nachbarn im Norden. Die Annexion der Krim und der von Russland unterstützte Krieg in der Ostukraine müssen bei der kasachischen Regierung Angst hervorgerufen haben. Sie versucht, ethnische Kasachen in den Grenzzonen anzusiedeln, wahrscheinlich, um zu verhindern, dass diese Gebiete von ethnischen Russen dominiert werden, die rund ein Viertel der Bevölkerung ausmachen.

SPIEGEL ONLINE: Auch in den baltischen Staaten Estland und Lettland stammt ein Viertel der Bevölkerung aus Russland - ein Erbe aus der Zeit, als sie Teil des Russischen Reiches und später der Sowjetunion waren.

Fatland: Ja, auch dort ist nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine in der Bevölkerung die Angst vor der russischen Aggression gestiegen. Ich traf junge Männer und Frauen, die Pläne für den Fall eines Angriffs haben. Sie würden dann die Waffen in die Hand nehmen und in den Wald gehen, um zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben denn die Russen in diesen Ländern?

Fatland: Ein großer Teil der russischsprachigen Bevölkerung ist schlecht in die estnische und lettische Gesellschaft eingebunden. In Tallinn etwa wohnen sie in Vierteln, wo mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Russen sind. Und in der Grenzstadt Narva leben fast nur Russen. Viele von ihnen besitzen noch nicht einmal eine Staatsbürgerschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Hunderte Menschen entlang der Grenze getroffen. Welche haben Sie beeindruckt?

Fatland: In Georgien traf ich Dato Vanischwili. Eines Tages wachte er auf und entdeckte, dass die russischen Grenzsoldaten in der Nacht einen Stacheldrahtzaun um sein Haus gebaut hatten und er nun in der abtrünnigen Republik Südossetien eingeschlossen waren. Da seine Frau sehr krank ist und das Bett nicht verlassen kann, konnten sie sich nicht bewegen und mussten auf der falschen Seite der Grenze bleiben. Ich interviewte ihn durch den Zaun, der von georgischen Soldaten bewacht wurde, da russische Soldaten in der Gegend patrouillierten und manchmal Leute verhafteten, die zu nah an den Zaun kamen.

SPIEGEL ONLINE: Wen trafen Sie noch?

Fatland: In Weißrussland zum Beispiel erzählte mir Maja Levina-Krapina ihre dramatische Geschichte. Sie ist eine jüdische Überlebende des Gettos in Minsk und wurde von ihrem älteren Bruder gerettet. Seine Freunde musste sie in den Wald tragen, da sie nicht mehr gehen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie Akrobatin. Das Treffen mit Maja war eine Erinnerung daran, wie das Leben der Menschen oft von den Kräften der Weltgeschichte auf den Kopf gestellt wird.

SPIEGEL ONLINE: Während Ihrer Tour haben Sie zahlreiche Grenzen überschritten. Welches Erlebnis werden Sie in Erinnerung behalten?

Fatland: Den Übergang von Nordkorea zu China. Ein paar Meter hinter der Grenze bleibt die Landschaft zwar gleich, aber ansonsten ist alles anders. Die Menschen sehen anders aus, haben eine andere Mentalität. Vom abends unbeleuchteten und isolierten Land kam ich plötzlich in ein modernes Land voller Neonlichter. Und ich fühlte mich wieder frei.

SPIEGEL ONLINE: Und das will beim sozialistischen China ja etwas heißen. Was hat Sie auf Ihren Reisen überrascht?

Fatland: Die Nordostpassage - also den Seeweg im Nordpolarmeer entlang der Nordküste Eurasiens. Vier Wochen lang reiste ich mit 47 anderen Passagieren in einem alten sowjetischen Forschungsboot die rund 10.000 Kilometer. Ich erwartete Eisbären, Eisschollen und Einsamkeit, doch wir sahen an den Stränden auch Tausende rostende Ölfässer. Es war eine melancholische Reise. Aufgrund der globalen Erwärmung verändert sich in der Arktis die Natur so rasch.

SPIEGEL ONLINE: Die Umrundung endet in Ihrer Heimat. Wie sieht die dortige Grenze aus?

Fatland: Als ich bei Gegenwind mit einem Kajak auf den Grenzfluss paddelte, kam mir die mit 196 Kilometern vergleichsweise kurze Grenze plötzlich sehr lang vor. An einem Tag wanderte ich gemeinsam mit meinem Vater durch die einsame Tundra nach Treriksrøysa, wo Finnland, Norwegen und Russland aneinandergrenzen. Markiert wird dies durch einen Steinhaufen mit einer weißen dreiseitigen Pyramide. An einem Lagerfeuer in der Nähe saßen zwei junge Soldaten und grillten Würstchen. Sie grüßten höflich und lächelten uns zu. "Habt ihr Hunger?", fragte einer auf Norwegisch.

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