Russlands rosa Taxis Im Rückspiegel der Boom
"Achtung, Achtung. Zwischen Moskau und St. Petersburg sind zwei ungewöhnliche Taxis unterwegs", knarzt die Stimme aus dem Autoradio, "unschwer zu erkennen an der Farbe: beißend rosa." "Was soll'n hier beißend heißen", echauffiert sich die dicke Walja am Steuer. "Das ist halt eine weibliche Farbe!" Sie lacht ihr kollerndes Lachen, tritt aufs Gas und überholt einen klapprigen Lastwagen. Ihr rosa Taxi überholt ihn auf der rechten Spur, drängt danach einen renitenten Lada ab.
Walja und Ljuba fahren die beiden farbenfrohen Volvos auf dem Weg nach St. Petersburg. An den Ampeln reiben sich beinharte Trucker verwundert die Augen, winken russische Halbstarke johlend, versuchen einen Kavalierstart und vergessen dabei die Bierdosen auf ihren Autodächern. Scheppernd fallen sie zu Boden.
Unterwegs im rosa Taxi von Moskau nach St. Petersburg, im Moskauer Frauentaxi. In der russischen Hauptstadt gehören die 20 rosa Wagen seit acht Monaten zum Stadtbild. Mit der 800 Kilometer langen Fahrt bis in die nördliche Metropole nach St. Petersburg soll das neue Angebot auch dort bekannter gemacht werden.
Ljuba fährt Taxi für ein besseres Leben
"Wir fahren nur für Frauen", erklärt Ljuba, eine der 35 ausschließlich weiblichen Fahrerinnen des Unternehmens. An Taxis herrscht zwar in der 10-Millionen-Metropole kein Mangel, zu jeder Tages- und Nachtzeit durchstreifen Tausende wilde Taxen die Stadt, ohne Lizenz und auf eigene Rechnung.
Doch die verwegen aussehenden Fahrer sind oft ebenso wenig Vertrauen erweckend wie ihre klapprigen Gefährte aus der Sowjetzeit. "Uns dagegen vertrauen Frauen guten Gewissens sogar ihre Kinder an", sagt Ljuba, 33, "wir bringen sie dann in den Kindergarten, zu den Großeltern, auf die Datscha." Auf dem Armaturenbrett ihres Wagens sitzt ein kleiner Plüschhase mit geknicktem Ohr.
Im Rückspiegel verschwinden die Baustellen des boomenden Moskaus. Die Straße wird schlechter, Ljuba weicht gekonnt Schlaglöchern aus. Eine Hand am Steuer, die andere hantiert mit dem Handy. Zwiebeltürme orthodoxer Kirchen glänzen im goldenen Sonnenlicht. Die beiden rosa Taxis brettern über eine Brücke, überqueren einen gestauten Fluss. Der Fahrtwind zerzaust Ljubas blonde Locken. Sie fährt Taxi für ein neues Leben, für ihre Tochter. "Katja soll es einmal besser haben als ich", sagt Ljuba.
Sie lebt allein mit ihrem Kind - seit die Polizei vor fünf Jahren ihren Mann aus einem Fluss zog, ermordet. "Wir wissen bis heute nicht, wer ihn umgebracht hat", erzählt Ljuba. Sie schaut weiter nach vorn, auf die Straße.
Ljuba ist lange Jahre Taxi gefahren, wie so viele Moskauer, die in ihren eigenen Autos Nacht für Nacht durch die Straßen der Hauptstadt fahren und Anhalter gegen Geld mitnehmen. Sie hat als Putzfrau gearbeitet, eine kleine Autowerkstatt betrieben. Reifen wechseln? Für die zierliche Ljuba kein Problem. "Aber ein Glück, dass ich das rosa Taxi gefunden habe", freut sie sich. Je nachdem, wie das Geschäft läuft, verdienen die Fahrerinnen über 750 Euro im Monat. Das ist viel für Moskau, eine Stadt, in der zwar viele unermesslich Reiche leben, die Mehrheit der Bewohner aber mit weniger als 400 Euro pro Monat auskommen muss.
Ljuba braucht das Geld, um ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Sie ist so stolz auf ihren kleinen Sonnenschein: "Katja lernt Englisch, Französisch und Italienisch. Sie will Dolmetscherin werden."
Die Reise hinter die drei Meere
Etappenstopp in Twer, 200 km von Moskau entfernt. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Sie feiert das Gedenken an Afanasij Nikitin. Der Kaufmann aus Twer brach im 15. Jahrhundert auf, um eine Handelsroute nach Asien zu eröffnen. Über Aserbaidschan und Iran gelangte er bis nach Indien. "Er reiste hinter die drei Meere", erzählt Wladimir, 22.
Twer die alte Stadt, die einst mit Moskau um die Vorherrschaft im mittelalterlichen Russland focht. "Twer kämpfte damals gegen die Horden der Tataren, für ganz Russland", erzählt Wladimir, "Moskau dagegen kämpfte nur für sich." Die Fürsten von Moskau siegten, weil sie sich mit den tatarischen Eindringlingen aus dem Osten verbündeten und das stolze Twer unterwarfen.
Heute hat die Stadt an der Wolga 450.000 Einwohner, eine kleine Provinzstadt, und lang vergangen sind die Zeiten, als es sich mit dem großen Moskau maß. Twer ist Wladimirs Heimatstadt, doch auch ihn hat es in den Moloch Moskau gezogen, wie so viele Junge. In Moskau gibt es Arbeit und Perspektiven. "Aber hier in Twer", schwärmt der junge Mann, "ist das Leben so viel ruhiger, so viel weniger angespannt."
"Nein, Lenchen, das ist nicht das Meer", ruft ein kleiner Junge seiner Schwester zu, "das ist Mütterchen Wolga." Mütterchen, so nennen die Russen den großen Strom, der unweit von Twer seine lange Reise durch die russischen Ebenen beginnt, 3500 Kilometer bis zum Kaspischen Meer.
Die schlaflose Stadt im Norden
Beim Aufbruch aus Twer steht die Sonne hoch am Himmel, schon um sechs Uhr morgens. Sie wird heute nicht untergehen. Ljuba schaut in den Rückspiegel und zieht ihren Lippenstift nach. Es geht weiter nach St. Petersburg, der schlaflosen Stadt im Norden.
Die Taxis rasen vorbei an russischen Dörfern. An vom Wind gebeugten Zäunen, an mit Schnitzereien kunstvoll verzierten Holzhütten. Aber auch an vielen verlassenen, verfallenen und im morastigen Boden halb versunkenen Häusern. Die Bewohner sind aus der Perspektivlosigkeit der russischen Dörfer geflohen. "Na, ich würd' so eine Hütte nehmen, in der Nähe von Moskau natürlich", seufzt Ljuba. Sie träumt von einem eigenen kleinen Häuschen, für sich, für ihre Tochter Katja. "Mit einem Garten, wir könnten Blumen pflanzen, wir hätten einen kleinen Brunnen", sinniert die Taxifahrerin.
Stop-and-go an einer Ampel. Auf der Nebenspur starren sich die Männer die Augen aus dem Kopf: "Frauentaxi". Rumms sie fahren ihrem Vordermann auf die Stoßstange. "Ganz stark, Jungs", brüllt die resolute Walja und gibt Gas.
St. Petersburg. Matrosen auf Landgang spazieren durch die Stadt, die Mützen keck in den Nacken geschoben, Touristen stehen staunend vor den Palästen des "Venedig des Nordens". Das Licht während der "Weißen Nächte" verzaubert die Metropole an der Ostsee, in den Tagen um die Sommersonnenwende wird es in diesen Breiten nicht dunkel. Ljuba hat das Steuer an ihre Beifahrerin Olga übergeben, den Fotoapparat ausgepackt. Sie kann sich gar nicht sattsehen: "Was für eine Schönheit!"
Olga überschätzt eine Grünphase, steht jetzt mitten im Gegenverkehr. Die goldzähnigen männlichen Taxifahrerkollegen in ihren Ladas und Wolgas ziehen Grimassen, zeigen mit Fingern auf das unbekannte rosa Objekt in ihrem Revier. Sie stimmen ein ohrenbetäubendes Hupkonzert an. Olga vergisst sämtliche Etikette des Frauentaxis, verhält sich ganz undamenhaft, wie jeder russische Taxifahrer. Sie flucht wie ein Kutscher: "Deine Mutter!"