Saigon Nudelsuppe im Fahrradtaxi

Saigon hat einen schnellen Pulsschlag: Wer überleben will, ist in Bewegung und kauft und verkauft, was er braucht: Suppen, Tiere, Benzin und Staubsauger. Und der Marktplatz ist überall.

Von Nicole Müller


Wäre Stillstand die Folge tropischer Hitze, dürften sich in Saigon höchstens die Blätter der Tamarinden am Dong Khoi Boulevard in der schwülen Abendluft bewegen. Doch Reglosigkeit und Stille passen nicht zur Mentalität der Saigoner. Je heißer es wird, umso früher beginnt ihr Tag - zumeist mit einer Schale Pho, Nudelsuppe.

Scheinbares Chaos: Der Verkehr fließt - wie das Leben selbst
Michael Sontheimer

Scheinbares Chaos: Der Verkehr fließt - wie das Leben selbst

Ab 6 Uhr pulsiert dann bereits der Berufsverkehr durch die Hauptverkehrsadern der Stadt. Tausende von Mofas drängeln hupend und blinkend durch die Straßen Nguyen Thai Hoc und Dai Lo Ham Nghi Richtung Zentrum. Sie transportieren mitunter ganze Familien: Vater vorn, zwei Kinder in der Mitte, hinten die Mutter, mit langen Handschuhen, Sonnenhut und über Mund und Nase gebundenem Dreieckstuch darauf bedacht, einen weißen Teint zu bewahren. Mit einer Hand hält sie ein Baby auf dem Schenkel. Weiter vorn drei Männer auf einem Mofa. Einer fährt, einer balanciert stehend eine zwei Meter hohe Glasscheibe, ein dritter hält die Beine des zweiten, der auf der Radnabe steht. Ein Cyclo, ein dreirädriges, pedalgetriebenes Gefährt, überholt an der Ampel. Auf dem gepolsterten Sitz hat ein Geschäftsmann in Anzug und Krawatte Platz genommen, der vom Verkehrschaos um ihn herum gänzlich unbeeindruckt eine Nudelsuppe isst. Natürlich hupt und klingelt jeder, aber kaum einer fühlt sich angesprochen. Der Verkehr fließt wie der Fluss Sai Gon, wie das Leben selbst oder manchmal auch das Gegenteil. In der Nähe einer Kreuzung hat jemand die Straße notdürftig mit ein paar Eimern Wasser gereinigt. Im Rinnstein liegen ein blutverschmierter Bastkorb und das Vorderrad eines Fahrrades. Der Verkehr fließt weiter.

Saigons Vergangenheit: Ex-Präsidentenpalast
Nicole Müller

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Derweil öffnet in einer Seitenstraße der Le Van Sy ein Ohrenputzer seine mobile Praxis. Sie besteht aus zwei Stühlen (auf einem sitzt er, auf dem anderen später sein Kunde) und einem Hocker, auf dem er seine Putzutensilien ausbreitet: Lange Metallstäbchen mit Wattespitze sowie eine Taschenlampe. Der Bettler auf der Pham Ngu Lao schiebt sich auf einem Brett mit Rollen vorwärts. Seine streichholzdürren, gelähmten Beine liegen grotesk verdreht auf seinem Rücken, seine Hände schützen ein Paar vergilbte Plastiklatschen. "Hello", sagt er - und lächelt.

Der Duft Saigons

Um 10 Uhr vormittags schwitzt Saigon bereits unter einer blauen Dunstglocke und gebiert ihr ganz eigenes, unverwechselbares Parfum: Abgase, durchdrungen vom Duft sich öffnender Blüten, dem Geruch von gebratenem Fleisch, frischem Brot und den Schalen tropischer Früchte in allen Stadien des Reifens und Verderbens. Auch in der Dong Khoi rollt der Verkehr. Dennoch hat hier in der von Bäumen überschattete Straße ein Teil des früheren Kolonialstil-Charmes überdauert. Zur Zeit der Franzosen galt sie als Flaniermeile und trug den wohlklingenden Namen Rue Catinat. An die Zeit, in der Saigon sein Image als "Paris des Ostens" pflegte, erinnern noch zahlreiche Gebäude, wie die Backstein-Kopie der Notre Dame, das Hauptpostamt, die Oper, das Hotel Continental und natürlich, am Ende des Boulevards, am Ufer des Sai Gon Flusses, das Hotel Majestic, in dem sich in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Graham Greene zu seinem großartigen Roman "Der stille Amerikaner" inspirieren ließ.

Qua Khai war früher Cyclo-Fahrer. Für 15.000 Dong (1 US-Dollar) chauffierte er Touristen durch die Stadt, zeigte ihnen den früheren Präsidentenpalast, den die Vietnamesen jetzt "Wiedervereinigungspalast" nennen, und das Kriegsmuseum, das die Schrecken des Vietnam-Kriegs dokumentiert - zumindest den Teil der Gräueltaten, den die Amerikaner und ihre Verbündeten begingen. In einer kleinen Tasche trägt Khai ein Büchlein mit Grüßen und Erinnerungsfotos seiner Gäste. Auf Englisch, Französisch, Deutsch und Japanisch bescheinigen sie ihm ein gutes Herz und einen bescheidenen Charakter. Für Khai das beste Empfehlungsschreiben, das er sich wünschen kann.

Mit dem Mofa Richtung Wohlstand

Seit acht Monaten hat Khai seine eigene Honda. Jetzt kann er Touristen sogar bis ins Mekong-Delta bringen. Doch die Konkurrenz ist groß. In den Hotelstraßen Pham Ngu Lao und Da Thiem wimmelt es nur so von jungen Männern mit Mofas, die sich als Pfadfinder im Großstadtdschungel ein paar Dong verdienen wollen. Seit 15 Tagen hatte Khai keinen Gast mehr. Harte Zeiten für ihn, denn er hat zwei Söhne von 11 und 14 Jahren, für die er Schulgeld bezahlen muss. Längst nicht alle Eltern können sich das leisten, und auch die Kinder müssen schon früh arbeiten gehen. Die Ärmsten von ihnen ziehen mit Lotteriescheinen, Sonnenbrillen und Erfrischungsgetränken durch die Straßen

Jackfruit-Stand: Verkaufen, um zu leben
Nicole Müller

Jackfruit-Stand: Verkaufen, um zu leben

Am späten Vormittag schon ist auf Saigons Gehwegen kein Fortkommen mehr. Überall finden sich Verkaufsstände. Eine Frau verkauft einen kleinen Vorrat Jackfruits. Ein Mann repariert Fahrradschläuche. Eine andere Frau kocht Suppe in ihrer mobilen Garküche, die sie in zwei Körben an einem Bambusrohr über der Schulter tragen kann. In der großen Markthalle des Ben Thanh Marktes (zur Zeit der Franzosen noch ein Bahnhof) werden derweil auf winziger Fläche schillernde Seidenstoffe für den ao dai, das traditionelle vietnamesische Gewand aus weiter Hose und engem, langärmligem und von der Wade bis zur Taille hochgeschlitztem Oberteil, vermessen. Einen Gang weiter gibt's Obst: Mangustinen, Mangos, Drachenfrüchte, Litschis und Rambutan sind für eine Erfrischung gut. Geflügel wird kopfüber auf Mofas herangekarrt und sodann mit zusammengebundenen Beinen gestapelt oder gerupft und ausgenommen ausgestellt.



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