Samstag, 10. Mai Schwere Entscheidung gegen Gipfelaufstieg

Die Entscheidung war hart, aber richtig. Das deutsch-schweizerische Expeditionsteam hat seine Gipfelpläne nach hinten verschoben, die anderen Teams haben nachgezogen. Die Bergsteiger warten ab, doch die Wettervorhersage ist schlecht und die Vorräte gehen aus...


AP

Seit 5 Uhr morgens sitzen die Expeditionsteilnehmer im Mannschaftszelt. Draußen schneit es. Der Sicht reicht nicht einmal bis zum Khumbu-Eisfall. Die Bergsteiger vergleichen die neusten Wetterdaten aus der Schweiz und aus Österreich. Sie vergleichen ihre Vorhersagen mit den Prognosen, die sie von den Teams der Inder, Franzosen und Südafrikaner haben. Die französischen, indischen und südafrikanischen Bergsteiger sowie zehn weitere Expeditionen sind schon gestern ins Lager 2 aufgestiegen, um am Montag den Gipfel in Angriff zu nehmen. Auch die Sherpa des Expeditionsteams kamen gestern, um auf dem Südsattel die letzten Vorbereitungen zu treffen. Sherpa-Chef Ngawang Thiele will unbedingt zwischen 14. und 16. Mai auf dem Gipfel stehen - der tibetische Kalender verlangt das.

Um 5 Uhr morgens, bei Minusgraden im Mannschaftszelt Entscheidungen zu treffen, ist schwierig. Besonders wenn es um Entscheidungen geht, die den Erfolg der Expedition gefährden könnten. Intuition, das Vertrauen in die heimischen Wetterfrösche und ein fallender Barometer geben letztendlich den Ausschlag. Die sieben Bergsteiger verschieben ihren Gipfelsturm, bis die Wetterdaten eindeutig eine gute Periode voraussagen.

Einige Stunden später sitzt Ian Scanlan im Zelt der Jubiläumsexpedition. Scanlan will mit seinen beiden Sherpa zur selben Zeit einen Gipfelversuch wagen wie die Südafrikaner und Franzosen. Er ist als Erster abgestiegen. Das Wetter war sichtlich zu schlecht, zu stürmisch auf dem Gipfel. Die Franzosen werden heute ebenfalls noch absteigen. Das südafrikanische Team hofft auf eine Wetterbesserung und will zwei oder drei Tage im Camp 2 auf 6400 Meter Höhe verbringen.

Das hätte dem deutsch-schweizerischen Team auch geblüht, wenn es heute aufgestiegen wäre: ein paar unfreiwillige Ruhetage in Lager 2. Das schlechte Wetter hat zwar nicht unbedingt die Stimmung im Basecamp gehoben, aber eine richtige Entscheidung getroffen zu haben, war für das Team doch irgendwie eine Befriedigung.

Allerdings werden die Tage langsam knapp. Ende Mai wird das Basecamp geräumt. Falls es beim nächsten Versuch nicht hinhauen sollte, bleibt kaum noch Zeit für einen zweiten Gipfelaufstieg.

Was das indische Team mit den neuen Wetterdaten machen wird, ist noch nicht ganz klar. Ian Scanlan, der die Expedition des indisch-nepalesischen Militärs gut kennt, vermutet, dass einige Bergsteiger trotz allem einen Gipfelversuch wagen werden. Vor einer Woche hatten die Inder wegen Höhenstürmen bereits ihren ersten Termin verschoben. Scanlan glaubt, dass die bergsteigenden Soldaten einfach zu heiß auf den Gipfel sind, als dass sie sich noch einmal abschrecken lassen würden. Die Inder sind bekannt dafür, dass sie für einen Gipfelerfolg manchmal mehr als nur einen Zeh oder ein Fingerglied opfern würden.



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