Aussteiger und Kitesurfer auf Sansibar Wenn der Wind weht

An der Ostküste Sansibars etabliert sich eine große Kitesurf-Szene. Mit dabei sind auch einige Deutsche: Auswanderer, die dort arbeiten. Nadja Lindner managt dort eine Hotelanlage - und geht täglich aufs Wasser.

Red Monkey Lodge

Nadja Lindner steht am kilometerlangen Sandstrand von Paje. In den Händen hält die 29-Jährige mit Dreadlocks auf dem Kopf den Lenkdrachen ihrer Kitesurf-Ausrüstung. Vor ihr changiert das tiefe Blau des Indischen Ozeans ins helle Grün. Gleich geht sie eine Stunde lang mit Brett und Segel aufs Meer. Dann muss sie zurück an die Arbeit.

Lindner hatte in Deutschland Deutsch und Französisch auf Lehramt studiert, ihre Hochschulausbildung 2012 abgeschlossen. Dann änderte sich ihr Leben. Auf einem Reggae-Konzert kam sie mit dem Chef einer Lodge auf Sansibar ins Gespräch. Er schwärmte ihr vor, wie schön es dort sei. Außerdem sei man auf Sansibar immer auf der Suche nach Managern für Hotelanlagen.

Lindner hatte in Deutschland ein geregeltes Leben vor sich, ein Referendariatsplatz war ihr fest zugesagt. Doch was der Konzertbesucher sagte, brachte sie zum Nachdenken. Wollte sie wirklich jetzt schon die nächsten Jahre nur im Klassenzimmer verbringen? Lindners Antwort: nein!

Ein neues Leben auf der Insel

Im Netz fand sie einen Job auf der Insel und sagte spontan zu. "Anfangs waren die fremde Sprache und die Personalführung eine große Herausforderung", sagt Lindner. Heute ist sie glücklich. Seit zweieinhalb Jahren lebt sie im Örtchen Paje, hat einen Freund, leitet 40 Mitarbeiter in der Kiteschule Paje by Kite und der angeschlossenen Hotelanlage. An der Ostküste Sansibars gelegen gilt das Dorf als Kitesurf-Mekka. Grund dafür: die konstanten Winde.

Die Kitesaison beginnt hier Mitte Dezember und endet Anfang März. Dann ist es der nördliche Kaskazi-Wind, der die Segel antreibt. Wer will, kann es auch mit den 15 bis 20 Knoten des Kuzi-Winds versuchen, der von Juni bis Ende September weht.

Seit Ende der Neunzigerjahre etablierte sich der Kitesport weltweit. Die Ausrüstung besteht aus einem Board, dem Segel und der Steuermechanik, die mit bis zu 30 Meter langen Seilen und einem Lenkgriff ausgestattet ist. Innerhalb von zehn Gruppen- oder sechs Einzelstunden lässt sich der Sport erlernen.

Kiter im Meer vor Sansibar: In 6 bis 10 Stunden lässt sich der Sport erlernen.
Matthias Lauerer

Kiter im Meer vor Sansibar: In 6 bis 10 Stunden lässt sich der Sport erlernen.

Bis sich Lindner aufs Wasser wagte, dauerte es eine Weile: "Ich hatte wirklich großen Respekt vor dem offenen Meer mit den Strömungen, dem heftigen Wind und dem nicht ungefährlichen Sport." Überzeugt wurde sie von einer Kitelehrerin: "Sie hat mich dazu gezwungen. Jetzt macht es großen Spaß", sagt Lindner. Es sei faszinierend, eins mit der Natur zu werden und das Freiheitsgefühl zu erleben.

Im vier Kilometer entfernten Jambiani macht die 25-jährige Nadia Mair von Grasspeinten seit zwei Monaten ein Hotelpraktikum in der Red Monkey Lodge. Eigentlich arbeitet sie als Grafikerin in einer Südtiroler Internetagentur. "Ich wollte unbedingt ein Hotelpraktikum im Ausland machen, wollte etwas Neues erlernen und Erfahrungen sammeln." Über das Kiten sagt sie: "Ich will es ausprobieren und sehe vor mir täglich bis zu 14 Quadratmeter große Segel über das Meer gleiten." Noch bis Mitte Januar bleibt sie auf Sansibar.

"Ich musste es einfach ausprobieren."

Ihr Chef heißt Mark Dieler. Der Deutsche lebt seit sieben Jahren auf Sansibar und übernahm vor vier Jahren die Lodge, baute eine Kiteschule auf und bietet heute auch Fahrrad- und Gourmettouren an. "Es hieß, dass es niemals klappen würde, aus der alten Lodge ein erfolgreiches Hotel zu machen. Ich habe einfach gespürt, dass ich es ausprobieren musste."

Dieler ließ die kleine Zwölf-Zimmer-Lodge am Mfumbwi Beach umbauen. Mit dem Ergebnis ist er heute zufrieden. Manche seiner Freunde hielten den 37-Jährigen wegen seiner Entscheidung "für komplett verrückt." Lebensqualität und Abenteuerlust hatten ihn auf die Insel gebracht. Zuvor arbeitete er in Kenia und später für einen italienischen Tour-Operator.

Die Kiteschule am Strand gibt es seit vier Jahren. "Besonders die stabilen Winde parallel zum Ufer, das 24 bis 28 Grad warme Wasser und der sandige Grund der großen Lagune eignen sich ideal für Anfänger", sagt Dieler. "Fortgeschrittene finden meilenweite Downwinder am Riff entlang." Dabei lässt sich der Kitesurfer von einem Startpunkt zu einem Zielpunkt ziehen.

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Sansibar ist keine Trauminsel

Obwohl der Tourismus eine große Rolle auf der Insel spielt, kämpfen die Einwohner Sansibars mit Problemen. Das Auswärtige Amt berichtet: "Die Beziehungen zwischen den Religionsgruppen sind angespannt. Geistliche Würdenträger wurden wiederholt angegriffen. Im Februar 2013 gab es gewaltsame Übergriffe und Brandanschläge auf christliche Einrichtungen." Und weiter: "Am Abend des 13. Juni 2014 kam es in Stone Town (der Hauptstadt Sansibars) zu einem Sprengstoffanschlag, bei dem ein Mensch getötet und neun weitere verletzt wurden."

Die Armut vieler der 1,2 Millionen Inselbewohner ist sichtbar, Wellblechhäuser und Lehmhäuser sind weit verbreitet. Im "Human Development Index", dem Wohlstandsindikator der Vereinten Nationen, belegt Tansania Platz 159 von 187.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr, dass zwölf Prozent aller Kinder auf der Insel "unter akuter Mangelernährung leiden". In der Red Monkey Lodge versucht man zu helfen. In ihrem Reisegepäck können Gäste dringend benötigte Medikamente mitbringen, die man dann später an die Dorfbewohner verteilt.



insgesamt 7 Beiträge
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zephyros 30.12.2014
1. typisch..
auf Staatskosten ausgebildete Wohlstandskids aus D., die Nadja oder Marc heißen und "eigentlich" Lehrer oder Marketingfuzzis sind, betreiben trendige Hotelanlagen für Funsportarten - während die Einheimischen in die Röhre gucken bzw. vermutlich für eine miese Bezahlung die Jobs als Köchin, Hausmädchen oder Bauarbeiter machen dürfen..
k70-ingo 30.12.2014
2.
Tja, warum sind "die Einheimischen" nicht vorher tätig geworden? Das war sowas von erwartbar, daß -wie es bei mittlerweile jedem Artikel hier auf der Reiseseite der Fall ist- sofort die typische misantrophische Neidhammelei in die Kommentarspalte geballert wird. @zephyros: als dekadenter luxusliebender Wohlstandstourist gibt man an seinen Reisedestinationen vielfach so vielen Einheimischen einen Lebensunterhalt, als wenn man Backpacker wäre. Von den moralinsauren Stubenhockern, deren Erfahrungshorizont auf Nölerei in Internetforen beschränkt ist, gar nicht erst zu reden.
Usambaras 30.12.2014
3.
Zitat von k70-ingoTja, warum sind "die Einheimischen" nicht vorher tätig geworden? Das war sowas von erwartbar, daß -wie es bei mittlerweile jedem Artikel hier auf der Reiseseite der Fall ist- sofort die typische misantrophische Neidhammelei in die Kommentarspalte geballert wird. @zephyros: als dekadenter luxusliebender Wohlstandstourist gibt man an seinen Reisedestinationen vielfach so vielen Einheimischen einen Lebensunterhalt, als wenn man Backpacker wäre. Von den moralinsauren Stubenhockern, deren Erfahrungshorizont auf Nölerei in Internetforen beschränkt ist, gar nicht erst zu reden.
Weil der tansanische Staat nicht genug Kohle zum Investieren hatte bzw. Entscheidungsträger (vermutlich) gegen ein üppiges Handgeld Grundstücke in Küstenlage für mehrere Jahre steuerfrei an ausländische Investoren verpachteten und dabei einen S... auf die Belange der Dorfbewohner gaben, die plötzlich ihres direkten Zuganges zum Meer beraubt wurden und ansonsten in der Tat maximal als billige Arbeitskräfte für europäische Yuppies dienen dürfen. Dass die örtliche (stark muslimisch geprägte) Swahilikultur zudem nur sehr schwer mit westlicher Freizeit- und Urlaubs"kultur" korrespondiert, sei nur am Rande erwähnt. Ich fand die Situation vor rund 20 Jahren schon ziemlich grenzwertig und möchte mir gar nicht vorstellen, wie es an der Ostküste heute aussieht. Natürlich kann man Entwicklungen nicht in Gänze aufhalten, aber man muss auch nicht alles schönreden. Tansania hat hier ein enormes Kapital verschenkt. Statt die Insel behutsam einem gehobenen, angepassten und schonenden Tourismus zuzuführen und kontrollierte Gewinne zur Aufbesserung des Staatshaushaltes zu erwirtschaften, haben einzelne Entscheidungsträger ganz offensichtlich in die eigene Tasche gewirtschaftet und Filetgrundstücke quasi verschenkt. P.S. @k70-ingo: das Totschlagargument (Sozial-)neid "liebe" ich. Es wird zumeist eingeworfen, wenn jemand zu bequem oder egoistisch ist, mal über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich mit realen Mißlagen auseinanderzusetzen oder Profiteur der angesprochenen Situation ist.
freiher 01.01.2015
4. Ost - West
an Herrn Matthias Lauerer: toller Artikel. Nur soll man das glauben wenn schon beim ersten Blick ein gravierender Fehler vorhanden ist? Die Karte zeigt die WEST-Küste, die Rede ist aber von der OST-Küste, was korrekt ist, dort liegt zum Beispiel Paje und Jambiani
hannelore101 01.01.2015
5. Oh wie schön war Zanzibar ...
... vor den Kitern. Der schöne Strand von Paje – leider verhunzt und besetzt von den Kitern, die sich pestgleich hier ausbreiten. Die schönen blau-türkisen Farbtöne des Wassers – leider verschandelt durch die neongrünen, -pinken, gelben Kites. Und die ehemals coole Atmosphäre eines kleinen, entspannten Dorfes komplett verändert von superarroganten, landesunkundigen Sportafficinados der Fun-Generation, die die Sprache nicht beherrschen, von einheimschem Brauchtum nichts wissen wollen, sämtliche Regeln einer an sich streng muslimischen Gemeinde missachten, oft illegal und ohne gültige Genehmigungen dort wohnen, was entsprechende Auswirkungen auf alle auf Zanzibar beheimaten Ausländer hat. Aus einem kleinen beschaulichen Stranddorf mit ruhigen, beschaulichen Abenden ist eine Rave- und Party-geschüttelte Feier-Meile geworden. Aber wir Nicht-Kiter harren aus! Noch jede Modeerscheinung läuft sich irgendwann tot. Dann kehrt wieder Ruhe ein in ein schönes Zanzibar ......
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