Saudi-Arabien Abenteuerspielplatz für Bahn-Fans

Die Hedschas-Bahn sollte Damaskus quer durch die arabische Wüste mit Mekka verbinden. Doch die britische Armee sah sich bedroht, mit Hilfe des Offiziers Thomas E. Lawrence zerstörten aufständische Araber die Gleise. Eine Reise zu den Überresten eines der gewaltigsten Eisenbahnprojekte des Osmanischen Reiches.


Überreste der Hedschas-Bahn: Nur wenige Jahr war die Eisenbahn durch die arabische Wüste in Betrieb
GMS

Überreste der Hedschas-Bahn: Nur wenige Jahr war die Eisenbahn durch die arabische Wüste in Betrieb

Medina - An dem schwarzen Ungetüm sticht die Prägung "Guttsmann A.G. Breslau 1911" gleich ins Auge. Trotz des Wüstenklimas in Saudi-Arabien ist die rund 90 Jahre alte Lokomotive samt Waggons in einem erstaunlich guten Zustand. Der Stahlkoloss sieht bei allem Sand im Getriebe aus, als würde sein Kessel gleich losdampfen. Doch die Tage, in denen die Heizer die Kohlen in ihn hineinschaufelten, sind lange vorbei. Die Wartungshalle mit dem Spitzdach beherbergt nur noch Reste der legendären Hedschas-Bahn, die deutsche Ingenieure vor fast hundert Jahren bauten.

Wer in Saudi-Arabien nach Hinterlassenschaften des "Lawrence von Arabien" sucht, stößt unweigerlich auf das einstige deutsch-türkische Prestigeprojekt Hedschas-Bahn. Deren Name ist untrennbar mit jenem sagenumwobenen britischen Offizier verbunden, der im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Araber gegen die Türken kämpfte. Etwa 86 Jahre sind vergangen, seit arabische Aufständische unter maßgeblicher Mithilfe von Thomas E. Lawrence die Eisenbahnlinie von Damaskus nach Medina in einem Guerillakampf zerstören. Die gepanzerten Züge blieben in der Wüste stehen und sind heute "ein echter Abenteuerspielplatz für Bahn-Fans", versichert Fremdenführer Mohamed Boumnina.

Im Freilichtmuseum der Felsstadt Mada'in Salih sind neben Wassertürmen, Pumpen und Werkstätten auch 16 restaurierte Nebenhäuser für Personal und Reisende für die Nachwelt erhalten. Ziegenhirten suchen in der sengenden Hitze dort Schutz für ihre Tiere. Auf der Jagd nach Souvenirs hat ein Besucher neben einem ausgeblichenen Kamelschädel einen rostigen Bolzen entdeckt. "Verbrennen Sie sich nicht die Finger", warnt Boumnina angesichts von Temperaturen um die 50 Grad Celsius.

Die von 1901 bis 1908 unter Leitung des Ingenieurs Heinrich August Meißner aus Leipzig gebaute Bahnstrecke war nach der Landschaft und Provinz Hedschas im Westen des heutigen Saudi-Arabiens benannt worden und galt als technische Pioniertat. Sie sollte von Damaskus über Amman bis nach Mekka führen. Muslime aus aller Welt spendeten für den Bahnbau, und 5500 arabische Hilfskräfte packten mit an, damit der 1302 Kilometer langen Ableger der Bagdad-Bahn fertig wurde.

Das Projekt entlang der Pilger-Route nach Mekka war wegen der Unterstützung des Deutschen Kaiserreichs seinerzeit ein Politikum. Als das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands in den Ersten Weltkrieg eintrat, erhielt die Schmalspurbahn in dem unwegsamen Gelände zudem eine strategische Bedeutung. Ohne diese Linie waren die Türken in der Wüste gefangen. England sah zudem seinen Zugang nach Indien bedroht. Durch die Sprengstoffanschläge während der von den Briten geförderten Revolte der Araber wurde die Bahn deshalb 1917 beschädigt. 1924 - acht Jahre nach dem Ende des Krieges - kam dann die endgültige Stilllegung.

Heute stehen entlang der Straße nach Medina im Abstand von fünf Kilometern verfallene Bahnhöfe. Vor einigen der Forts verlaufen noch einspurige Trassenführungen aus Kies. Bei aller Eisenbahn-Romantik nagt der Zahn der Zeit an den roten Sandsteinbauten: Taubenkot, bröckelnder Putz und eingestürzte Dächer setzen dem einstigen Stolz deutscher Ingenieure zu. Oft haben Hobby-Archäologen die Fundamente aufgebrochen. "Museen kaufen gerne Flinten und Wertgegenstände, die die Türken auf ihrer Flucht vergruben", sagt der Fremdenführer. Bahnschwellen aus belgischer Fabrikation sind als Zäune zweckentfremdet.

Alle Versuche, die Hedschas-Bahn wieder in Betrieb zu nehmen, verliefen aus Kostengründen im Sand. Pilger bevorzugten anstelle der Bahn bald Flugzeuge und Autos - und die Verbindung zur heiligen Stadt Mekka wurde ohnehin nie fertig. Seit einiger Zeit verkehren auf einer Teilstrecke in Jordanien zwar wieder Züge. Doch während der türkische Sultan einst Heinrich August Meißner zum Pascha ernannte und Hollywood "Lawrence von Arabien" ein oscargekröntes Denkmal setzte, drohen die letzten Loks der Hedschas-Bahn vom Winde verweht zu werden.

Von Kai Fortelka, gms



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