Stephan Orth als Gast in Buraida: »Scheich Steve«
Stephan Orth als Gast in Buraida: »Scheich Steve«
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Christoph Jorda

Land im Umbruch Was ich als Couchsurfer in Saudi-Arabien erlebte

Kurz vor der Coronakrise hat Saudi-Arabien erstmals Visa für Touristen vergeben. Stephan Orth ist hingefahren – und erlebte große Gastfreundschaft. Hier erzählt er von Prunk, Granaten und Tabus.

Der »Cowboy« legt mir einen Lammfellmantel um und drapiert ein rot-weißes Guthra-Tuch auf meinem Kopf. »Scheich Steve«, sagt er zufrieden und drückt mir einen messingfarbenen Mörser mit Stößel in die Hand. Wir sitzen um eine Feuerstelle in seinem privaten Gästeraum, und seine Freunde, allesamt Männer, blicken mich erwartungsvoll an.

»Mach Folklore«, verlangt der Cowboy, seinen richtigen Namen kenne ich nicht, alle nennen ihn nur Cowboy.

»Was?«

»Folklore.«

Er nimmt den Stößel und klopft rhythmisch auf den Mörser, zweimal an der Seite für einen dumpfen Klang, zweimal oben auf den Rand für länger klingende Töne.

Ich tue es ihm gleich, mit ein bisschen weniger Enthusiasmus.

»Und jetzt sing dazu ein Lied.«

»Was für eins?«

»Was Deutsches.«

»Mir fällt keins ein.«

»Die deutsche Nationalhymne.«

»Wollen wir nicht einfach…«

»Aufnahme läuft, du kannst loslegen!«

Er hält sein Handy hoch, es gibt kein Entrinnen. So kommt es in Buraida, der konservativsten Stadt Saudi-Arabiens, zu einer historischen A-Capella-Aufführung des Deutschlandliedes in traditioneller Saudi-Tracht. Als meine Botschaft von Einigkeit und Recht und Freiheit rausgeht an seine 50.000 Snapchat-Follower, frage ich mich, wer hier eigentlich wem die Geschichten liefert.

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Couchsurfen in Saudi-Arabien: Zwischen Granaten und Bombast

Foto: Christoph Jorda

Noch vor dem Lockdown in der Corona-Pandemie war ich neun Wochen unterwegs , um ein Buch zu schreiben. Über die Menschen und darüber, wie dieses Land tickt, das jahrzehntelang verschlossen war. Seit ein paar Jahren erlebt Saudi-Arabien unter Mohammed bin Salman, dem Kronprinz und De-facto-Herrscher, eine radikale Modernisierung. Spaß soll nicht mehr verboten sein, Touristen sind jetzt ausdrücklich erwünscht. Als erstmals Visa für Individualreisende vergeben werden, fülle ich den Antrag aus. Vorher durften fast ausschließlich Mekka-Pilger, Gastarbeiter und persönliche Gäste des Königshauses ins Land.

Auf meiner Reise verbringe ich jeden Tag mit Einheimischen. Mithilfe der Onlineplattform Couchsurfing.com finde ich Gastgeber, bei denen ich für ein paar Tage wohnen kann und die mir ihren Alltag zeigen. Bei den meisten bin ich der erste ausländische Besucher. Einer fragt mich wegen meines Wanderrucksacks, ob ich Fallschirmspringer sei. Man ist hier bislang nur Menschen mit Rollkoffern gewohnt.

»Warum sollten Frauen nicht Auto fahren dürfen?«

Stephan Orth im Gästezimmer im Nadschran: ungewohnt viel Platz

Stephan Orth im Gästezimmer im Nadschran: ungewohnt viel Platz

Foto: Christoph Jorda

In Nadschran im Südosten des Landes wohne ich bei Anwar, einem Juristen Mitte 30 mit einem gepflegtem Bart wie aus der Bartölwerbung. Er hat in den USA studiert, kehrte dann aber zurück zu seiner Familie. Im Ausland ging er in Hemd und Jeans zur Uni, in seiner Heimat trägt er wieder das knöchellange Thaub-Männergewand und einen weißen Turban.

Nadschran liegt direkt an der Grenze zum Jemen. So nah, dass in meinem Schlafzimmer immer der vordere der drei Kronleuchter klimpert, wenn draußen eine Panzergranate detoniert. Warum klimpern nicht alle drei, reagieren die Glasteile auf verschiedene Frequenzen?

»Lass dich von dem ›Boom boom boom‹ nicht stören«, sagt Anwar. »Das ist alles jenseits der Grenze, auf unserer Seite gibt es keine Bodenoffensiven. Wir sind vom Stamm der Yam, zu dem auch viele Jemeniten gehören. Sie greifen uns nicht in unserem Gebiet an. Außerdem wissen sie, dass wir eine Menge Waffen besitzen.«

Er meint es beruhigend, aber so klingt es für mich nicht. Zumal die Grenze, markiert durch eine Hügelkette, keine zwei Kilometer entfernt verläuft.

Mein Schlafzimmer hat mehr Quadratmeter als meine Wohnung in Hamburg, die U-förmige Couchreihe mit 30 Sitzplätzen kostet ein Vielfaches aller Möbel, die ich besitze. Ein persönlicher Rekord: Auf einem solchen Riesensofa habe ich noch nicht übernachtet, obwohl ich seit Jahren regelmäßig als Couchsurfer unterwegs bin. Ein Hausdiener aus Bangladesch serviert Kardamom-Kaffee und Datteln im Silberkelch.

Ich bin Ehrengast in einer Welt des Wohlstands – und direkt nebenan findet die laut Uno »weltweit schlimmste humanitäre Krise« statt, dieser medial nahezu unsichtbare Konflikt, zu dem Journalistinnen oder Fotografen kaum Zugang haben.

Nächste Detonation. Ein dumpfer Knall. »Man gewöhnt sich dran«, verspricht Anwar. Er spielt auf seinem Handy ein Video ab, das einen kleinen Lichtpunkt in schwarzer Finsternis zeigt. Der Punkt bewegt sich nach links und explodiert. »Das war gestern Abend – unsere Patriot-Abwehrsysteme haben eine Rakete abgeschossen.« Er bemerkt meinen irritierten Blick und fügt hinzu: »Aber hier ist seit Monaten nichts mehr passiert. Das ist wie Volleyball – die meisten Lenkraketen fliegen weit über uns hinweg.«

Wir machen eine Stadttour mit seinem Toyota FJ Cruiser, einer Mischung aus Geländewagen und Mondfahrzeug. Er bringt mich zu einem restaurierten Fort, zum Dolchmarkt, dann zum Gästezimmer von ein paar Freunden. Selbstverständlich ausschließlich Männer. Sie laden uns zu mehr Kaffee, Datteln und einer Partie Parchis ein, der lokalen Variante von Mensch-ärgere-dich-nicht. Das Spielbrett haben sie per Hand auf ein gespanntes Leinentuch gezeichnet. Ich würde mich fühlen wie in einer längst vergangenen Zeit, wenn nicht ständig einer das Handy für ein paar Snapchat-Kurzvideos zücken würde.

»Was hältst du von der aktuellen Modernisierung des Landes?«, frage ich Anwar.

»Das ist schon richtig so«, sagt er. »Zu Mohammeds Zeit sind Frauen auch auf Kamelen geritten. Im Koran steht nirgends, dass das falsch sei. Warum sollten sie also nicht Auto fahren dürfen? In Nadschran geht manches ein bisschen langsamer – erst in ein paar Monaten bekommen wir das erste Kino.«

Die Herrscherfamilie hofft auf Imagepolitur und viel Geld

Farbprojektion auf historischen Hauswänden in At-Turaif bei Riad

Farbprojektion auf historischen Hauswänden in At-Turaif bei Riad

Foto: Stephan Orth

So absurd es aus der europäischen Perspektive wirkt, wenn ein Land erst im 21. Jahrhundert darauf kommt, Filmtheater und Führerscheine für alle zu erlauben, so radikal ist es dennoch, was in Saudi-Arabien gerade passiert. Der König hat die gefürchtete Sittenpolizei Mutawa entmachtet, Männer und Frauen müssen nicht mehr getrennt in Restaurants sitzen, bei Sportevents sind nun Angehörige beider Geschlechter willkommen.

Weltstars wie BTS, Enrique Iglesias oder Mariah Carey spielten Konzerte in Städten, in denen noch vor zwei Jahren als einzige öffentliche Musik die Melodien der Muezzin-Gebetsrufe erlaubt waren. Die Rallye Dakar, Fußballspiele europäischer Spitzenteams und bald auch ein Formel-1-Rennen bringen Abwechslung in einen vorher vergleichsweise reizarmen Alltag.

Dazu kommt der Tourismus: Fünf Unesco-Welterbestätten wurden für Besucher herausgeputzt. Die Herrscherfamilie hofft auf Imagepolitur und viel Geld, denn die Öleinnahmen werden nicht ewig sprudeln. Warum sollte man den lukrativen Entertainment-Sektor weiter Nachbarstaaten wie Dubai oder Bahrain überlassen, wenn damit Millionen zu verdienen sind?

Auf einem Wüstenstreifen außerhalb von Riad feiere ich beim »MDL Beast«-Electrofestival mit 100.000 Besuchern, während weltbekannte DJs wie David Guetta oder Steve Aoki auflegen. Ich spreche mit jungen Menschen, die selbst kaum fassen können, dass nun Dinge möglich sind, die noch vor Kurzem per Fatwa  verboten waren. Ich treffe einen Mann, der sich traut, auf offener Straße Lippenstift und Rouge zu tragen. Er spricht mit mir ganz offen über seine Homosexualität, obwohl darauf offiziell die Todesstrafe steht.

So ganz genau weiß gerade niemand, wo sich die roten Linien befinden, die man nicht übertreten sollte. Die Verunsicherung ist groß. Zumal die Regeln innerhalb der Familie oft strenger sind als die staatlichen Gesetze.

Die gnadenlose Seite des Königshauses

Ich erlebe eine fantastische Gastfreundlichkeit, doch ich merke auch, wie groß die Angst der Menschen ist, sich politisch zu äußern.

In Dschazan senkt ein Gesprächspartner beim Abendessen im Restaurant seine Stimme immer zu einem Flüstern, wenn er den Namen Jamal Khashoggi erwähnt.

In Dschidda bittet mich die Juristin Layla, nichts zu schreiben, was sie ins Gefängnis bringen könnte. Obwohl wir überhaupt nicht über Politik gesprochen haben.

In der Neom-Region im Westen erfahre ich von der Angst der Menschen, für das Prestigeprojekt einer ökologischen Hightech-Zukunftsstadt aus ihren Dörfern vertrieben zu werden. Mein Gastgeber Nasser übersetzt mir nur Teile des Gesprächs mit seinen Cousins und Brüdern, weil er weiß, wie verboten ihre Aussagen sind.

Der Wandel findet statt, aber es ist kein Wandel zu mehr Zivilgesellschaft, Mitspracherecht oder Redefreiheit. Gespräche enden manchmal abrupt, weil jeder Saudi weiß, welche Strafen Regimekritikern drohen. Seine gnadenlose Seite zeigte das Königshaus gegenüber dem Journalisten Khashoggi (ermordet im Konsulat in Istanbul), dem Blogger Raif Badawi (zehn Jahre Haft) oder der Frauenrechtlerin Loujain Alhathlou (knapp sechs Jahre Haft).

Das sind nur die Bekanntesten, weitere benennt der Twitteraccount »Prisoners of Conscience« . Laut der saudischen Menschenrechtsorganisation ALQST muss jemand, der über das Königshaus schimpft, heute sogar mehr Ärger befürchten als noch vor ein paar Jahren.

In Buraida frage ich meinen Gastgeber Shahin während einer Autofahrt, ob einige Konservative die Modernisierung des Landes kritisch sähen. »Dazu kann ich nichts sagen. Ich liebe den König!«, ist seine Antwort. Und dann wiederholt er den Satz noch einmal, diesmal lauter, als hätte er den Verdacht, jemand würde uns belauschen: »Ich liebe den König!«