Katharina Charpian und Axel Hackbarth – auf Instagram bekannt als »Endless Sunshine Sailors« – segeln nach Nordnorwegen
Katharina Charpian und Axel Hackbarth – auf Instagram bekannt als »Endless Sunshine Sailors« – segeln nach Nordnorwegen
Foto: @endlessSunshineSailors

Segelteams auf Instagram Fjorde, Schären, Französisch-Polynesien? Bitte folgen!

Drei Crews unterwegs auf Segelbooten: im Pazifik, in Schweden, rund um Norwegen. Tausende verfolgen ihre Abenteuer auf Instagram, reisen virtuell mit übers Meer. Was sie davon haben? Fernweh. Aber nicht nur.
Von Anne Haeming

Irgendwann Anfang Mai war es so weit, eine kleine Info bei Instagram: Sie hatten endlich einen Trick gefunden, damit »Rainer« definitiv, immer, bestimmt seinen Job erledigte. Neues Relais, neue Batterie, Hammer, alles hatten Anna Lange und Malin Knodel in den vergangenen Monaten schon probiert: Mal klappte es, mal nicht.

»Rainer« heißt der Motor des Boots, auf dem die beiden gerade um Schweden herumsegeln. Sie sind Mitte 20 und seit zwei Jahren unterwegs. Sie kennen sich seit der Schule, nach ihren Ausbildungen wollten sie »raus aus der Komfortzone«. Reisen, aber möglichst flexibel. Der eine Großvater hatte ein Boot, so kamen sie aufs Segeln. Und legten los.

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Social Sailing: Der Ferne so nah

Foto: Anna Lange, Malin Knodel

Dass der Motor einen Namen hat, liegt an ihrer Social-Media-Community: Lange und Knodel teilen regelmäßig in den Netzwerken mit, was gerade bei ihnen passiert. Wie sie morgens um halb fünf zum Sonnenaufgang in See stechen, wie sie mit 5,5 Knoten zum nächsten Hafen auf Öland düsen, wie sie abends am Strand Mais grillen. Und eben: Wenn der Motor mal wieder nervt.

Die beiden litten, die Crowd litt mit, die zickende Maschine: ein Running Gag. Also starteten die Seglerinnen eine Umfrage zur Namensfindung. »Rainer« gewann.

Die Art und Weise, wie die beiden unterwegs sind, ist zehn Knoten besser als jede Reisereportage, die dann irgendwann spätabends für 90 Minuten im ZDF läuft, in einem »Geo«-Heft landet oder als Buch mit schönen Fotos im Laden liegt. Lange und Knodel haben inzwischen Tausende Mitreisende immer im Schlepptau: 12.000 sind es bei YouTube, 7500 bei Instagram.

Ihr Format: eine Daily-Doku. Jeden Tag, oder ok, beinahe, je nach Netzabdeckung oder Laune, sind es Fotos und Storys bei Instagram, einmal die Woche ein Video bei YouTube. Diese Form des Live-Dabeiseins, auf dem Wasser, den schwankenden Blick auf den Horizont gerichtet, ermöglichen auch andere, neben @annaundmalin  etwa auch die @segeljungs  oder @endlesssunshinesailors .

Erst Abi, dann Französisch-Polynesien

Den Instagram-Profilen dieser Duos zu folgen ist ein wenig, wie dem Profisegler Boris Hermann live zuzuschauen. Wie er beim Segelrennen Vendée Globe nonstop um die Welt fährt, Anfang Januar mit dem verdammten Motor kämpft und kurz vor Schluss mit einem Fischerboot kollidiert.

Nur, dass es bei den drei Teams hier um kein Rennen geht. Um keinen Zieleinlauf, keinen Wettbewerb. Sondern ums Unterwegssein.

Die zwei Frauen haben gerade die Südspitze Schwedens umrundet und hangeln sich von Hafen zu Hafen an der Ostküste nach Norden. Die »Segeljungs« Tim Hund und Vince Goymann, Anfang 20, gestartet nach dem Abi, hängen gerade in einer dreiwöchigen Pazifiküberquerung von Mexiko nach Französisch-Polynesien. Das dritte Duo, Katharina Charpian und Axel Hackbarth, schippern seit der Wintersonnenwende um Norwegen, derzeit an der Barentssee jenseits des Polarkreises.

Die einen sind seit zwei Jahren unterwegs und wollen noch mindestens eins dranhängen, die anderen segeln seit Januar, erst mal bis Mittsommer, je nach den pandemiebedingten Einreisebeschränkungen.

Korallensterben statt Quatsch zeigen

Dieses Social-Media-Reisen ist für sie alle ein Geben und Nehmen. Sie wissen, dass viele zu Hause festsitzen und sich darüber freuen, etwas anderes zu sehen als die Hauswand gegenüber. »Unsere Drohnenflüge kommen gut an, Aufnahmen von den leeren Häfen, den Küsten«, sagt Malin Knodel. Sie wollen nicht so viel quatschen, zeigen viele Szenen von den Törns.

Die Segeljungs setzen auf Unterwasseraufnahmen ihrer Tauchgänge, bei YouTube mit eingesprochenem Text, »wir bleiben lieber beim Doku-Style«, sagt Hund. »Wir könnten auch mehr Leute erreichen, wenn wir mehr Alltag, mehr Quatsch zeigen, aber das wollen wir nicht. Wir wollen unsere Plattform nutzen, um zu informieren: über Meeresschutz, Ökologie, die Fischindustrie und das Korallensterben.«

Katharina Charpian und Axel Hackbarth posten, wenn ihnen gerade der Sinn danach steht. »Was bei Instagram zu sehen ist, spiegelt etwa fünf Prozent unserer Reise«, so Charpian. Sie ist Journalistin, sie kennt die Aufmerksamkeitslogik von Social Media, aber eine große Reichweite sei nicht der Fokus. »Wir wollen etwas Positives bewirken. Uns war von Anfang an klar, dass wir transparent machen wollen, wie dramatisch es um die Umwelt auf unserem Planeten steht.« Erst ein paar Tage zuvor transportierten sie hundert Kilogramm Plastikmüll auf ihrem Schlauchboot, den sie auf einer der Inseln aufgesammelt hatten.

Ein Orca für alle

Im Gegenzug beteiligen sich jene, die daheim sitzen, als seien sie mit an Bord: Sie stecken für die Segeljungs die Route über den Ozean mit ab, checken Wettervorhersagen; sie reagieren auf die Detailfragen von Lange und Knodel mit Fachwissen zum Motortyp Volvo Penta; und die »Endless Sunshine Sailors« freuen sich über Orca-Sichtungen in ihrer Nähe.

Sie alle sind in See gestochen, weil sie etwas herausfinden wollen: Für die beiden jungen Teams, direkt nach Schule und Ausbildung, klingen die Fragen offener: Was können wir lernen, über uns, über die Welt? Sie finanzieren sich über Werbeclips auf YouTube, die Unterstützerplattform Patreon, Shirt-Verkäufe. Die jungen Männer hatten das von vorneherein so geplant; bei Knodel und Lange entstand das Modell nach und nach. Sie hatten extra für die Reise gespart, jetzt schreiben sie ein Buch, es erscheint im August.

Für Charpian und Hackbarth, Mitte und Ende 30, längst im Berufsleben verankert, sind die Fragen spezifischer: Welches Lebensmodell funktioniert für uns? Jenseits gesellschaftlich eingeübter Normen? Wie können wir von unterwegs arbeiten? Und so sitzt Charpian, Journalistin und Mitgründerin des Onlinemagazins »Femtastics«, unter Deck und arbeitet etwa am Relaunch ihrer Seite, auch wenn’s schwankt. Sie hat eine Viertagewoche, der Rest ist für Abenteuer reserviert. Für ihn sei es zumindest ein bisschen Sabbatical, erzählt Hackbarth: Der Robotik-Ingenieur nutzt die Zeit, um an neuen Projekten zu tüfteln.

»Die Natur bewegt dieses Boot von vier Tonnen – und uns«

Die Motivation mag sich unterscheiden, aber das Auf-dem-Wasser-Sein hat alle verändert. »Wir konnten uns vorher wenig vorstellen. Aber wir mussten über uns selbst hinauswachsen«, sagen Hund und Goymann, die im ersten Jahr noch zu viert unterwegs waren, die Praxiserfahrung kam unterwegs. »Wir haben eine starke Bindung zum Meer aufgebaut. Es gibt keinen anderen Ort, an dem du in der Natur so zu Hause bist, mit den anderen Tieren lebst.«

Auch bei den zwei jungen Frauen hat sich die Motivation verschoben: Es gehe ihnen jetzt mehr ums Segeln als ums Reisen. »Sobald wir den Motor ausschalten und nur noch die Weite sehen, nur hören, wie der Wind in die Segel pustet, dazu das sanfte Knacken unseres Boots: Das ist faszinierend«, sagt Lange. »Die Natur bewegt dieses Boot von vier Tonnen – und uns. Wie sich der Körper den Wellen anpasst, ist ein unfassbares Gefühl«, ergänzt Knodel. Anfangs wollten sie nur schnell ins Mittelmeer, nun haben sie den Winter im Norden verbracht, von Hafen zu Hafen, dazwischen Ausflüge aufs Meer.

Charpian hat Ähnliches an sich festgestellt: »Diese Reise zeigt mir einmal mehr, wie wichtig es ist, im Moment zu leben.« Dass sie mitten im Winter nach Norden aufbrachen, hat die Erkenntnis nur verstärkt: »Die Extrembedingungen machen das Erleben intensiver«, sagt ihr Partner Axel Hackbarth. »Man muss es sich erkämpfen.«

Immer mit Unvorhersehbarem rechnen

All das passt zum vergangenen Pandemiejahr. Für jenen Modus, in dem es für viele zwangsläufig normal wurde, nur von Tag zu Tag zu schauen, sich vorzubereiten, aber ansonsten die Macht der Natur zu akzeptieren, immer mit Unvorhersehbarem zu rechnen, sich an neue Situationen anzupassen.

Wenn die drei Segelteams vom Unterwegssein erzählen, in ihren YouTube-Filmen, den Instagram-Clips oder den Videocall-Schalten, wo man sie im Golf von Mexiko, Südschweden oder kurz vorm Polarmeer erwischt, klingt es ganz ähnlich: Die Tiefen und Hindernisse in den Seekarten stimmen nicht. Manchmal muss man kurzfristig aufbrechen, bevor der Hafen zufriert. Im Zweifel springt der Motor wieder nicht an, und man weiß immer noch nicht, wieso.

Die Coronapandemie hat für viele Menschen den Alltag neu gemischt. Schaut man sich das Leben der drei Teams auf dem Wasser an, jenseits jeder Komfortzone, scheint es die ideale Grundlage für Grundlegendes. Charpian und Hackbarth hätten diese Reise auch ohne Pandemie gemacht. »Wir möchten andere inspirieren, ihre Träume zu leben und ihren aktuellen Lebensstil zu hinterfragen«, sagen sie.

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