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Segeltörn vor Marokko: Wüstenfotograf auf hoher See

Foto: Jörg Reuther

Segeln vor Marokko Große Freiheit auf hoher See

Eine Landratte auf schwankenden Planken: Wüstenfotograf Michael Martin stellt sich erstmals den Herausforderungen einer Hochsee-Segeltour. Vor Marokko erlebt er bis zu vier Meter hohe Wellen - und erkennt Gemeinsamkeiten zwischen Ozean und Wüste.

Der Taxifahrer dreht das Radio lauter. Der marokkanische Wetterbericht warnt vor einem Sturmtief über dem Atlantik. Bei strömenden Regen holen wir unser Gepäck im Hafen von Rabat aus dem Taxi und schleppen es zur "Spica", der Hochseeyacht von Kapitän Thomas. Mir ist mulmig zumute. Als Wüstenfotograf habe ich keinerlei Segelerfahrung, schon gar nicht im Spätherbst auf dem Atlantik. Doch der geplante Kurs fasziniert mich: die Küste der Westsahara hinunter bis zu den Kapverden. Das trockene Wüstenklima der Sahara, geprägt durch den immer wehenden Nordostpassat, reicht weit auf den Atlantik hinaus und soll uns bald Trockenheit und perfekten Wind bescheren.

Doch noch sind wir im Einflussbereich des Sturmtiefs, das ein Auslaufen für zwei Tage undenkbar macht. Wegen meterhoher Brecher haben die marokkanischen Behörden den Hafen gesperrt. Rabat ist nicht der schlechteste Ort in Marokko, um auf besseres Wetter zu warten. Die Kasbah und Teile der Altstadt thronen über dem Atlantik, auf einer Freifläche treffen sich jeden Abend die Liebespaare und beobachten händchenhaltend den Sonnenuntergang über dem Atlantik.

Mein Reisekumpel, der Fotograf Jörg Reuther, und ich schleppen unsere Stative durch die Gassen und versuchen, das Miteinander verhüllter Frauen, streng blickender alter Männer und einer von Internet und Facebook geprägten jungen Generation einzufangen. Nach zwei Tagen hat sich der Sturm gelegt, aber es dauert nochmals 24 Stunden, bevor die Wellen kleiner werden und wir mit der Flut um 6 Uhr auslaufen können.

Hohe Wellen, achterlicher Wind

Kaum haben wir das Großsegel und das Genua-Segel gesetzt, nimmt die 15 Tonnen schwere "Spica" Fahrt auf und ist mit acht Knoten fast so schnell wie der aus Nordost blasende Wind. An mehreren Stellen in der Kabine und im Cockpit zeigen Monitore und LED-Anzeigen alle zum Segeln wichtigen Parameter wie Wassertiefe, Windrichtung, Position und Kurs an. Neben Thomas und Jörg sind noch Peter und Hans an Bord, alle vier alte Freunde vom Ammersee. Aus uns fünf sollte schnell ein gutes Team werden.

Es gibt an Bord dauernd etwas zu tun. Jeder Kurs erfordert eine andere Besegelung oder zumindest eine andere Segelstellung. Hinzu kommen die Überwachung des Funkverkehrs, die Beobachtung des Meeres, das Einholen des Wetterberichts und das Zubereiten der Mahlzeiten auf dem kardanisch aufgehängten Gasherd, der auch bei starker Schräglage das Nudelwasser nicht überlaufen lässt.

Unser erstes Ziel ist Lanzarote, gut 400 Seemeilen von Rabat entfernt. Zunächst folgen wir der marokkanischen Küste, passieren Casablanca und Essaouira, dann geht's hinaus auf den offenen Atlantik. Bei drei bis vier Windstärken und achterlichen Wind segelt die "Spica" drei Nächte und drei Tage einen schnellen, wenn auch aufgrund der hohen Wellen unruhigen Kurs.

Mein Lieblingsplatz auf der 15 Meter langen Yacht mit ihren 110 Quadratmeter Segelfläche ist vorne am Bug. Ich kann stundenlang das Auf und Ab der Wellen beobachten, und bei mir stellt sich bald ein überwältigendes Gefühl von Klarheit, von Freiheit und Unendlichkeit ein, das ich auch aus den Wüsten kenne. Die Möglichkeit, den Kurs frei wählen zu können, das Auf-sich-selbst-gestellt-sein, die Nähe zur Natur - all das erinnert mich ebenfalls an die Wüste.

Die Angelleidenschaft von Hans beschert uns täglich frischen Fisch, der von Peter in der Kombüse zu aufwendigen Menüs verarbeitet wird. Selten sind Jörg und ich komfortabler gereist. Selbst die Seekrankheit, vor der ich Angst hatte, scheint mich zu verschonen.

Landkrank in San Miguel

Wie in der Wüste können sich auch auf dem Meer die Bedingungen aber schnell ändern. "Heute Nacht gibt's Starkwind", kündigt Thomas den Wettersturz an. Täglich erhält er über das Satellitentelefon den neuen Wetterbericht in Datenform. Um 4 Uhr morgens setzt der heftige Wind dann auch pünktlich ein, als ausgerechnet Hans und ich Nachtwache haben. Wir wecken Thomas, der als Kapitän nun dringend gebraucht wird. Sofort gibt er die Kommandos zum Reffen der Segel. Dennoch legt sich die "Spica" stark auf die Seite und durchpflügt die vier Meter hohen Wellen, die gerade in der Dunkelheit bedrohlich wirken.

Die einsetzende Dämmerung bringt leichte Entspannung, aber erst am späten Vormittag ist das Schlimmste überstanden. Es klart wieder auf und vor uns zeichnet sich die Silhouette der Vulkaninsel Lanzarote ab. Es sind noch einmal 160 Seemeilen bis Teneriffa und knapp tausend Seemeilen bis auf die Kapverden, also mindestens sieben Tage auf hoher See.

Ich entscheide mich, in Teneriffa von Bord zu gehen, um rechtzeitig zum Start meiner Vortragstournee wieder in Deutschland zu sein. Wir hatten einfach zu viel Zeit in Rabat verloren. Während ich im Hafen von San Miguel im Süden Teneriffas meine Sachen packe, machen die anderen das Schiff bereits wieder klar zum Auslaufen.

Die ersten Schritte an Land fühlen sich äußerst seltsam an, außerdem ist es mir augenblicklich schwindelig. Mein Körper hatte sich an das Auf und Ab der Wellen gewöhnt. "Du bist landkrank" meint Thomas. Während ich bei strahlendem Sonnenschein und lebhaftem Wind ins Taxi zum Flughafen steige, machen die vier Freunde bereits die Leinen los. Der Nordostpassat wird sie weiter auf die Kapverden tragen - und dann über den Atlantik in die Karibik.

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