Segler in Somalia "Ein bisschen wie Selbstmord"

52 Tage lang waren Jürgen Kantner und seine Frau in der Hand somalischer Erpresser. Jetzt sind sie wieder am Golf von Aden. Die deutschen Segler wollen erneut versuchen, mit ihrem Boot "Rockall" die Piratengewässer zu durchqueren - trotz traumatischer Erlebnisse.

Berbera - Für die Menschen in der somalischen Hafenstadt Berbera ist Jürgen Kantner der "verrückte deutsche Segler". "Sie denken, ich sei wahnsinnig", sagt der 62-Jährige mit der wilden weißen Mähne. "Sie verstehen einfach nicht, was mein Boot für mich bedeutet."

Vor knapp einem Jahr waren Kantner und seine Frau Sabine Merz schon einmal in Somalia - unfreiwillig, als Geiseln brutaler Piraten. 52 Tage lang behielten die Seeräuber die Deutschen im bergigen Hinterland in ihrer Gewalt und taten immer wieder so, als wollten sie die beiden umbringen. "Das war die schlimmste Erfahrung meines Lebens, sie schüchterten uns andauernd ein", sagt Kantner über die Entführung.

Angeblich flossen 600.000 Dollar (445.000 Euro) Lösegeld, bevor das Paar im August 2008 wieder freikam. Dennoch sind Kantner und Merz jetzt nach Somaliland, die international nicht anerkannte Republik im Norden Somalias, zurückgekehrt. Sie wollen ihre Yacht, die "Rockall", zurückholen.

"Mein Boot ist mein Leben, und ich will es nicht verlieren. Piraten und Regierungen kümmern mich nicht", sagt der leidenschaftliche Segler, während er sich am Hafen von den Reparaturarbeiten an seiner Yacht erholt. Der stämmige Mann schlürft süßen Tee, mit am Tisch sitzen seine Frau und ein somalischer Freund, der Deutsch spricht.

"Segeln - so möchte ich leben und sterben"

Kantner macht nicht viele Worte. "Die deutschen Beamten ärgern sich, dass ich hier bin", sagt er, dann lästert er über die "ungeschickten somalischen Mechaniker". Das Einzige, was Kantner interessiert, sind seine Frau und das Meer.

"Zuhause habe ich keine Freunde mehr, nach 32 Jahren auf meinem Boot habe ich den Kontakt zu ihnen verloren. Warum also sollte ich nach Deutschland zurückkehren, wo ich niemanden habe, der mir helfen könnte?", rechtfertigt sich der Deutsche. "Alles, was ich besitze, ist auf meinem Boot. Segeln - so möchte ich leben und sterben", sagt Kantner, nimmt seine Lesebrille ab und schaut aufs Meer, den Golf von Aden. Durch diese Meerenge muss er, wenn seine "Rockall" wieder in Schuss ist.

Dem Segler ist bewusst, dass der Golf von Aden derzeit das weltweit wohl gefährlichste Gebiet für Seeleute ist. Seit er und seine Frau auf See entführt wurden, kaperten Piraten etwa 50 weitere Schiffe. "Es ist ein bisschen wie Selbstmord", sagt er trocken. "Aber ich bete zu Gott, dass mich die Piraten nicht wieder schnappen." Kantner überlegt ein Gewehr zu kaufen, "aber eine Entscheidung habe ich noch nicht getroffen".

Von dem internationalen Versuch, durch Kriegsschiffe den Golf von Aden zu sichern, hält er nicht viel. Er würde ganz anders mit den Piraten umgehen: "Wenn du einen erwischst, dann hack ihm die Hand ab. Wenn er versucht abzuhauen, dann erschieß ihn. Islamisches Recht ist die einzige Strafe, die sie verstehen."

Kantner klettert auf das Deck seiner Yacht, auf dem schmierige Motorteile und Fischernetze verstreut liegen. Noch ist die "Rockall" nicht seetüchtig, dennoch weiß der Segler schon genau, was er machen wird, wenn er sein nächstes Ziel, Malaysia, sicher erreicht hat: eine Woche Urlaub.

Kantner hat selbst Zweifel, ob es jemals dazu kommen wird: "Ich hoffe wirklich, dass die Piraten mich nicht kriegen, denn diesmal wird niemand für mich zahlen und alle werden den Piraten sagen: 'Behaltet ihn!'"

Mustafa Haji Abdinur, AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.