Seychellen Die Sage um die Kokosnuss

Hinter einigen der bilderbuchartigen Seychellenstrände mit ihren blauen Lagunen und wie gemalt wirkenden Kokospalmen herrschen wirklich noch paradiesische Zustände. Auf bestimmten Inseln sind Touristen nämlich nur als Tagesgäste geduldet.
Von Frank und Uschi Schneider

Hitchcock hätte vermutlich seine Freude gehabt. Auf der kleinen Insel Cousin leben über 300.000 Vögel, unbehelligt von Feinden und ohne menschlichen Einfluss. Sieht man einmal davon ab, dass genau darüber sechs dort lebende Ranger wachen. Bis 1968 war die bei Praslin gelegene Insel eine Kokosplantage. Lange, hüfthohe Mauern schützten damals die Stecklinge und Palmen vor den gefräßigen Riesenschildkröten.

Heute existieren nur noch Reste dieser Mauern, und die noch lebenden drei Schildkröten dürfen sich frei bewegen. Was man den Tagesgästen auf zwei Beinen nicht zugesteht - aus gutem Grund. Zwar lebt ein Großteil der Vögel in Bäumen und Büschen, aber alle paar Meter sitzen brütende Eltern und flaumgeschmückte Küken zwischen den verzweigten Palmwurzeln auf dem Boden.

Fotografieren ist erwünscht, aber bitte ohne Blitz. Schließlich soll kein Flattermann vor Schreck vom Ast fallen. Aber längst nicht alles, was durch die Luft saust, gehört auf den Seychellen jedoch zur Gattung Vogel. Fliegende Hunde - vegetarisch lebende Fledermäuse - erreichen hier eine Spannweite von knapp einem halben Meter.

Besucher bringen die Ranger in ihren Booten an Land. Mit Vollgas und unter den erschrockenen Schreien der Besucher setzen sie die Boote auf den Strand. Für natürliches Amüsement sorgen die zahlreichen Eidechsen. Sie sind so träge, dass sie nicht einmal der Vogelmist von oben aus der Ruhe bringt, wie so manches von vorn bis hinten beflecktes Exemplar beweist.

Weit weniger fröhlich ging es dagegen über ein Jahrhundert auf dem Eiland Curieuse zu. Ab 1830 lebten dort Leprakranke. Mit zwei kurzen Unterbrechungen wurde die Insel bis ins Jahr 1965 als Quarantänestation genutzt. Wer einmal dorthin verbannt wurde, wusste, dass eine Rückkehr ausgeschlossen war. Im Juni dieses Jahres wurde das alte koloniale "doctor's house" nach einer grundlegenden Renovierung als kleines Museum wiedereröffnet. Zu Lebzeiten hatte der Arzt sicher reichlich zu tun. Seine Patienten wohnten damals in unmittelbarer Nachbarschaft.

Heute erobert die Natur die Reste der schlichten Hütten allmählich wieder zurück. Der Blick vom Hügel auf den menschenleeren Strand vermag aber immer noch das beklemmende Gefühl zu vermitteln, dass letztendlich wohl auch der Doktor hatte. Selber von der lange als unheilbar geltenden Krankheit befallen, teilte er das Schicksal seiner Nachbarn und musste für immer auf Curieuse bleiben.

Dieses Los droht heute nicht einmal mehr den Schildkröten der Insel. Dabei waren die gepanzerten Pflanzenfresser Ende des 19. Jahrhunderts fast nur noch auf Aldabra im Süden anzutreffen. Ob Pirat oder Kapitän von Königs Gnaden: Jedem Seefahrer waren sie willkommene Ergänzung der Speisekarte. Nur eine Art hat überlebt und ist heute wieder auf vielen Inseln anzutreffen. Dies ist einem ganz besonderen Kindergarten zu verdanken. In einer Aufzuchtstation werden die unterschiedlichsten Reptilien von der Größe eines Hamburgers bis hin zu Ausmaßen eines Medizinballs gehegt und gepflegt. Von der ehemaligen Leprainsel werden sie zu anderen Seychelleninseln verfrachtet, um dort den Bestand zu sichern.

Eine botanische Seltenheit gedeiht auf den Inseln Curieuse, La Digue und Praslin: die berühmte Coco de Mer. Der Kern dieser ganz besonderen Kokosnuss gleicht der weiblichen Rückenpartie. Besonders viele dieser einmaligen Früchte gedeihen im Vallée de Mai auf Praslin. Am Baum eher unscheinbar im grünen Mantel versteckt, rankt sich um die berühmteste Frucht der Seychellen manche Sage.

Es heißt, sie stamme von Bäumen auf dem Meeresgrund - weil sie außerhalb der Seychellen nur am Strand gefunden wurde. Der König der Malediven ließ einst jeden mit dem Tode bestrafen, der ein Exemplar für sich behielt. Diese Zeiten sind vorbei. Aber so einfach mit nach Hause nehmen kann man sie immer noch nicht.

Im Vallée de Mai auf Praslin durchforsten allmorgendlich die Ranger den sonst völlig sich selbst überlassenen Palmenwald nach heruntergefallenen Nüssen. Wer eine Coco de Mer ausführen will, muss sich am Flughafen wahrscheinlich die Frage nach Begleitpapieren samt Registriernummer gefallen lassen. Und mit mehreren Kilo Gewicht ist sie fürwahr zu schwer für die Handtasche...

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.