Sherpa-Chef Ngawang Thiele Große Sehnsucht Schweiz

Viermal stand der Sherpa Ngawang Thiele bereits auf dem Gipfel des Everest. Nicht Ehrgeiz oder der Drang nach Selbsterfahrung trieben ihn, der Aufstieg in die Todeszone ist sein Job. Der umsichtige Bergführer hat viele Achttausender im Himalaja bestiegen, ihn locken jedoch ganz andere Berge.


Sirdar Ngawang Thiele: Die Meinung des 52-Jährigen hat großes Gewicht im Basislager am Everest
Oliver Häussler

Sirdar Ngawang Thiele: Die Meinung des 52-Jährigen hat großes Gewicht im Basislager am Everest

Schnee. Schnee. Schnee. Vier Tage lang saßen Ngawang Thiele, Khamsum Sherpa und der Rest des Teams im Lager des Makalu. Eingeschneit, und nichts mehr zu essen. Hubschrauber konnten wegen des Wetters nicht einfliegen. Vier Tage lang aßen sie Wassersuppe. Morgens. Mittags. Abends. Doch nicht alle mussten 1986 bei der Winterexpedition an den 8481 Meter hohen Makalu hungern. "Die Teammitglieder hatten zu essen", erzählt Khamsum Sherpa. Ja, ja, Reinhold Messner und sein damaliger Kletterpartner Hans Kammerlander hätten genug zu essen gehabt, die Sherpa nicht. Der 43-jährige Kletter-Sherpa klopft sich auf den Bauch und lacht.

Ngawang Thiele, Khamsum Sherpa und die anderen drei Kletter-Sherpa der deutsch-schweizerischen Jubiläumsexpedition sitzen zusammen mit dem Küchenteam in einer Runde. Alle lachen über die Geschichte von Khamsum. Außer Ngawang Thiele. Nie würde er etwas Schlechtes über eine Expedition erzählen. Nie würde er etwas Abfälliges über ehemalige Partner am Berg sagen. Auch wenn er einiges zu sagen hätte.

Der 52-jährige Sherpa Ngawang Thiele aus dem Dorf Bedhing in Rolwaling ist der Sirdar, der Sherpa-Chef der Expedition. Neben dem Khumbu-Gebiet des Everest und dem Makalu-District ist das Rolwaling-Tal eines der Hauptsiedlungsgebiete der Sherpa. Die Sherpa, das "Volk aus dem Osten", wanderten vor Jahrhunderten aus Tibet in den nepalischen Teil des Himalaja ein. Rolwaling ist im Gegensatz des Khumbu-Gebiets touristisch wenig erschlossen.

Das Team von Sirdar Ngawang Thiele: Sohn Pemba Chhotee Sherpa, Ang Jangbu Sherpa, Bruder Ang Phurba Sherpa und Khamsum Sherpa (v.l.n.r.)
Oliver Häussler

Das Team von Sirdar Ngawang Thiele: Sohn Pemba Chhotee Sherpa, Ang Jangbu Sherpa, Bruder Ang Phurba Sherpa und Khamsum Sherpa (v.l.n.r.)

Wer Ngawang Thiele sieht, würde kaum glauben, dass er Leiter des rund 300.000 Euro teueren Projekts der Jubiläumsexpedition ist. Bei jeder Etappe zwischen Lukla und dem Basecamp baut er, wie jeder andere Sherpa auch, die Zelte der Bergsteiger auf und ab. "Du musst meinen Schlafsack nehmen", sagt Ngawang Thiele zu Tom Zwahlen. Beim ersten Teilstück in Richtung Basecamp verstand ein Träger seinen Auftrag falsch und trug das persönliche Gepäck von Tom Zwahlen weiter, anstatt es in Phakding abzuliefern. Der Schweizer stand ohne Schlafsack da. Der Sirdar nahm den Fehler persönlich und wollte Tom Zwahlen seinen warmen Daunenschlafsack überlassen: "Ich leihe mir ein paar Decken aus der Lodge." Letztlich fand sich noch ein Ersatzschlafsack. Früh morgens lief Ngawang Thiele dem Träger hinterher, damit er nicht mit Zwahlens Gepäck den gesamten Weg ins Basecamp läuft.

Jahrelang durfte Ngawang Thiele immer nur Lasten bis zum 8000 Meter hohen Südsattel des Everest tragen. Nie durfte er auf den Gipfel, obwohl er sich stark genug fühlte. Damals hieß er noch Pemba Dorje. Erst später bekam er von dem Lama den buddhistischen Namen Ngawang Thiele. 1990 - sein jüngerer Bruder Sonam Tschering war Sirdar bei der französischen Expedition unter Marc Batard - bekam er seine erste Chance auf den Everest. 17 Jahre lang trug er da schon Sauerstoffflaschen und Zelte in die unwirtlichen Höhen der Achttausender. Und er nutzte die Gelegenheit.

Zwei Jahre später wurde er selbst zum Sirdar einer Expedition befördert - die höchste Position für einen Kletter-Sherpa. An mehr als 60 Expeditionen hat er bisher teilgenommen. Als erster Nepali stand Thiele auf dem K2, einem der schwierigsten Achttausender. Die leichteren der höchsten Berge bestieg er mehrere Mal, den Cho Oyu achtmal und den Shishapangma in Tibet "many times". Ngawang Thiele zieht es nicht zu den ruhmträchtigen, schwierigen Bergen, sondern zu den Bergen, an denen er eine relativ sichere Arbeit findet. Eine Expedition zum Annapurna etwa will er auf alle Fälle vermeiden: "Zu gefährlich." Der Annapurna ist bekannt für seine Lawinen. Auch erfahrene Bergsteiger wie Anatolij Boukreev kamen dort ums Leben.

Träger der Expeditionen: Ohne die Hilfe der Sherpa geht gar nichts am Berg der Berge
Oliver Häußler

Träger der Expeditionen: Ohne die Hilfe der Sherpa geht gar nichts am Berg der Berge

Dem Everest blieb Ngawang Thiele immer verbunden. An 18 Expeditionen zum höchsten Berg der Welt nahm er teil. Elfmal als Träger, siebenmal als Sirdar. Viermal waren die Götter mit ihm: Von seinen sieben Versuchen bestieg er 1990 und 1993 den Everest von Nepal aus. 2000 und 2002 konnte er von Tibet aus als Sirdar des Schweizer Kari Kobler punkten. Er stieg immer mit zusätzlichem Sauerstoff. "Aber nur um den Kunden besser helfen zu können", sagt er. Sonst bräuchte er keine künstliche Luft aus den Zylindern. Mit der deutsch-schweizerischen Expedition will er in diesem Jahr zum fünften Mal erfolgreich sein.

Über seine Besteigung von 1993 spricht der Sherpa nur ungern. Damals verlor er seinen zehn Jahre jüngeren Bruder Sonam Tshering, den fünffachen Everest-Besteiger, und die Frau seines Arbeitgebers, Pasang Lhamu, starb. Die Leiche seines Bruders konnte Ngawang Thiele nicht beerdigen. Der Everest behielt sie bei sich.

Für Ngwang Thiele hat die diesjährige Expedition an den Everest ein besondere Bedeutung. Zum ersten Mal begleitet ihn sein 21-jähriger Sohn Pemba Chhotee Sherpa als Höhenträger. Mit ihm zusammen will er den Gipfel erreichen. Eine erfolgreiche Besteigung des Everest gilt unter den Höhenträgern in Nepal als Jobgarantie. Für den Vater von sieben Kindern ist die Expedition ohnehin ein Familienangelegenheit. Auch seinen älteren Bruder, den Lama Ang Phurba, hat er für die deutsch-schweizerische Expedition angestellt. Dazu kommen seine Freunde Khumsum Sherpa und Ang Jangbu Sherpa.

Wie viel ein erfolgreicher Sirdar pro Saison verdient, darüber lässt sich Ngawang Thiele nicht aus. Auf alle Fälle reichen zwei Expeditionen pro Jahr, um die Familie zu versorgen - auch für ein kleines Haus und ein Auto in Katmandu, wo der Sherpa bereits seit längerer Zeit lebt. Zwischen 3000 und 6000 Dollar verdienen die Sirdars mindestens. Nach oben gibt es für das Honorar keine Grenze, es ist abhängig davon, wie berühmt die Sherpa sind. Noch sieben Jahre will Ngawang Thiele in die Berge gehen, um sein Geld zu verdienen. In dieser Zeit will er noch einen der großen Achttausender besteigen: den 8598 Meter hohen Kanchenjunga. "Wenn es die Götter zulassen", sagt er. Einen anderen Wunsch könnten ihm weltliche Sponsoren erfüllen. Er würde einmal gerne in die Schweiz zum Bergsteigen eingeladen werden.

Von Oliver Häußler, Nepal



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