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Ibn-Battuta-Mall: Dubais Shopping-Mekka

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Shoppingcenter in Dubai Wie Pilgern, nur anders

Mekka-Filme auf Großleinwand, Spezialangebote zum Ramadan: Das Ibn-Battuta-Einkaufszentrum in Dubai verbindet Religion und Konsum zu einem Shopping-Erlebnis der emiratischen Art - im Gebäude wurde quasi die gesamte islamische Welt nachgebaut.

Draußen verfinstert sich der Himmel, ein Sandsturm zieht herauf, der Staub knirscht zwischen den Zähnen, die Luft ist schwül. Doch drinnen herrscht ewiger Frühling, vollklimatisiert. Mildes Licht umfängt die Besucher, Pop aus China dudelt seicht. Shopping in Dubai means shopping in Paradise , 70 Percent off, Sale , Great Bargains, Café de Paris, Happy Valentine, Prayer Room.

In Andalusien ist der Haupteingang. Der Andalucia Court wird überspannt von einer Holzdecke, die fast an die Alhambra erinnert. Das höchste Fest des Jahres ist das Shopping Festival im Januar. Die Ware als Fetisch, jenseits aller Religionen und Kontinente und Kulturen, ein kleinster gemeinsamer Nenner. Die Weltwirtschaft ist eingetrübt, die Immobilienpreise in Dubai sind zwischenzeitlich kollabiert. Doch die Show in der Mall muss weitergehen. Die Ibn-Battuta-Mall ist ein west-östlicher Diwan, wie ihn einst Goethe besang, nur eben nicht aus Poesie gemacht, sondern aus Produkten.

Weiter über den Hof von Tunesien, eine Fressmeile, in der sich die Gerüche aus allen Küchen der Welt mischen: Starbucks, Costa Coffee, Noon o Kabap, McDonald's, Baskin Robbins, Lemon Grass Express, Kentucky Fried Chicken, London Fish 'n' Chips.

Reise durch die islamische Welt

Dann kommt Ägypten. Doch was in der Halle verkauft wird, ist keine herkömmliche Ware, sondern ein immaterielles Produkt: "The Travels of Ibn Battuta". Eine Ausstellung über Abu Abdullah Muhammad ibn Battuta, den Korangelehrten, der im 14. Jahrhundert von Marokko aus quer durch die islamische Welt reiste: Andalusien, Alexandria, Delhi, Malediven, Hangzhou, Konstantinopel, Timbuktu, Sansibar.

Über 40 Länder hätte er gemäß heutigen Landkarten betreten, über 100.000 Kilometer zurückgelegt, weite Teile davon zu Fuß, auf kleinen Segelschiffen oder auf Kamelrücken. Sein lebenspraller Reisebericht, verfasst im Jahr 1350, erzählt von einer Wissensgesellschaft, von Globalisierung und von Handelsströmen lange vor Marco Polo oder Kolumbus. Als 21-Jähriger war er zum Hadsch nach Mekka aufgebrochen, mit fast 50 Jahren kam er wieder nach Hause - und musste von seinem Herrscher am Weiterreisen gehindert werden, um seine Erlebnisse einem Hofschreiber zu diktieren.

Viermal war er insgesamt in Mekka. "Rihla" hieß sein Bericht trocken: Reise. Battutas Reise geriet in Vergessenheit, aber Auszüge wurden zitiert, paraphrasiert und plagiiert in Hunderten von Berichten, lange bevor die Grand Tour auch in Europa Mode wurde. Deutsche und Schweizer Gelehrte trugen im 19. Jahrhundert diverse Fragmente zusammen, die besterhaltene Version seines Buches lagert in der Bibliothèque Nationale in Paris. Diesem Ibn Battuta also ist die Mall gewidmet, eröffnet 2004 zu seinem 700. Geburtstag.

Hinter China beginnt die Wüste

Nach anderthalb Kilometern Fußweg erreicht man China, dekoriert mit einer roten Dschunke im Originalformat, dazu gibt es Asia-Restaurants und ein Megaplex-Kino. Draußen der Parkplatz P8 in unwirklich gelbem Mittagsdämmer, die Palmen geschüttelt vom Sandsturm, überragt von Stromleitungen. Dahinter das große Nichts, die Wüste. Wie eine Fata Morgana liegt die Ibn Battuta Mall im Niemandsland vor Dubai, zwischen Ausfahrt 5 und 6 der Sheikh Zayed Road.

Sie ist mehr als ein Warenhaus, sie ist Programm und Vision einer modernen Idealstadt. Die Ibn Battuta Mall, abgekürzt IBM, war das erste Projekt des Baukonzerns Nakheel, der wiederum der Holding Dubai World gehört, geleitet von Familienmitgliedern der herrschenden Maktum-Familie. Nakheel liegt auch im Epizentrum der Finanzkrise und verschuldete sich 2009 so tief, bis der Nachbarstaat Abu Dhabi mit einer milliardenschweren Finanzspritze aushelfen musste, begleitet von hämischen Kommentaren in westlichen Medien: Auf Sand gebaut, Auf Tand gebaut, Gipfel des Größenwahns, Turmbau zu Dubai.

Nakheel wollte schon immer mehr sein als nur ein Baukonzern. Der Name bedeutet Palme auf Arabisch, ein uraltes Symbol des Reichtums und Wissens seit den Ägyptern, auch der griechische Gott Apollo soll unter einem Palmenbaum geboren worden sein. "More than a company - it is a belief", lautet dann auch das Firmenmotto von Nakheel: "When conventional wisdom says no, we say yes and make it happen." Die moderne Machbarkeits-Hybris trifft auf Tausendundeine Nacht. Die IBM war das erste Projekt des Konzerns. Doch ist der arabische Aufbruch nur Kopie und Abklatsch westlicher Disneyworld-Formate?

Kein Copyright für die Aufklärung

"Die Europäer haben kein Copyright auf die Aufklärung", sagte Hans-Magnus Enzensberger 2008 bei einem Besuch in Dubai: "Bei den zahlreichen Versuchen vieler Europäer, die Aufklärung für sich zu beanspruchen, handelt es sich in der Tat bestenfalls um Halbwahrheiten."

Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum, Regent von Dubai und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, hatte zum "arabisch-deutschen Kulturdialog" eingeladen, mit ausgerichtet von einem Verein namens "West-östlicher Diwan", Enzensberger hielt den Eröffnungsvortrag. Der Scheich dichtet selber gerne, und fördert die Künste wie ein aufgeklärter Renaissancefürst. Zehn Milliarden Dollar hat er aus seinem Privatbesitz einer Stiftung vermacht, die unter anderem die Übersetzung von 50 deutschsprachigen Büchern ins Arabische finanziert, darunter: Kant, Adorno, Habermas.

"Ihr Intellektuellen seid mir wichtiger als die Politiker", hatte der Scheich zur Begrüßung gesagt. Dubai ist modern, aber nicht im westlichen Sinne. Überholen, ohne einzuholen ist das Motto. Al-Maktum gibt sich als Herrscher des aufgeklärten Absolutismus, intellektuell interessiert wie einst Friedrich der Große, reformfreudig wie Kaiser Joseph II. von Österreich.

Pastiche aus Baustellen und Hochhaustürmen

Dubai gilt als Eldorado für Zukunftshungrige und Geldgierige aus aller Welt. Vor fünfzig Jahren noch war es ein staubiges Nest mit einem Brackwasserhafen, doch dann wurde Öl gefunden. 1971 folgte die Unabhängigkeit von Großbritannien, seitdem erfindet es sich neu als Herzstück der Weltwirtschaft, als Handelshafen und Wirtschaftsknoten zwischen China und Europa, Indien und Afrika. Jedes Zeitalter träumt von dem ihm folgenden. Und Dubai fiebert einer postnationalen Globalkultur nach.

Wer von der IBM in Richtung Altstadt fährt, reist durch eine surreale Brache, ein Pastiche aus Baustellen und Hochaustürmen mit expressiven Formen, mit Giebeln, mit Löchern in der Mitte, in Pyramidenform, mit Doppelspitze, gebaute Chiffren der Erlebnisökonomie, unverbunden mit dem Rest, als wären sie wie im Computerspiel Sim City per Copy and Paste zusammengeklickt worden. Vorbei an der größten Mall der Welt, mitsamt einer Skipiste im Innern, und einem gigantischen Aquarium.

Um 18 Uhr ruft der Muezzin per Lautsprecher, und die strenggläubigen Touristen aus Saudi-Arabien knien sich in Ski-Overalls zum Beten in den Schnee. Man hat gelernt von Las Vegas - und das Vorbild bei weitem übertroffen. Hier soll der größte Flughafen der Welt entstehen mit Namen "World Central". Der größte Hochhausturm mit mehr als 800 Meter Höhe wurde Anfang des Jahres eröffnet. Der größte Freizeitpark der Welt wird folgen, mit einem Nachbau des Big Ben, der Pyramiden und des Eiffelturms - nur größer. Hier übertrifft die Kopie das Original.

Religion und Kommerz

Die IBM war nur der programmatische erste Punkt im Konsumistischen Manifest der Firma Nakheel. Nach der Mall schüttete sie eine Investoren-Insel namens "The Palm" im Meer auf - sozusagen ihr eigenes Firmenlogo, eine Palme. Die künstliche Sandbarre vervielfachte die Länge der privaten Stände der Stadt auf einen Schlag um 70 Kilometer. Nach demselben Prinzip funktioniert "The World", eine Ansammlung von Privatinseln in Form einer Weltkarte - Israel ausgenommen. Doch auch die Welt ist nicht genug, als nächstes plant man "The Universe", eine Inselgruppe, die dem Firmament nachgebildet sein soll, mit Sonne, Mond und Planeten.

Der Warenfetisch trete an die Stelle der Religion, dachte Walter Benjamin. Die Ibn Battuta Mall will das Gegenteil beweisen: Sie inszeniert die Pilgerreise nach Mekka als die Wurzel des Warentauschs. Die Mall feiert den Fastenmonat Ramadan mit speziellen Shoppingangeboten und Speisekarten sowie Kinofilmen über Mekka. Das höchste Fest des Jahres aber ist das Shopping Festival im Januar. Die Ware als Fetisch, der jenseits aller Religionen und Kontinente und Kulturen funktioniert als kleinster gemeinsamer Nenner einer multikulturellen Gesellschaft.

Der Warenfetisch wird in der IBM als gottgefällig präsentiert, denn Mekka und der Islam gelten in Dubai als Wurzel von Forschung und Handel.

Das Einkaufszentrum inszeniert die Vision einer arabischen Renaissance. In Andalusien wurden die ersten Flugmaschinen entwickelt, erläutert eine Ausstellung inmitten der bunten Warenwelt. Eine riesige Standuhr in der Indien-Halle ist einer Uhr aus dem 15. Jahrhundert nachempfunden, bei der ein robotischer Drache zur vollen Stunde goldene Kugeln in die Hände eines Elefantentreibers plumpsen ließ, um die Stunden des Tages anzuzeigen. "Suche das Wissen", so ein geflügeltes Wort, das Mohammed zugeschrieben wird, "selbst wenn du dafür bis nach China gehen musst."

"Das, was der sogenannte Westen gerne vergisst, ist die Tatsache, dass viele Jahrhunderte, bevor Hume und Locke, Diderot und Kant ihre epochalen Werke schrieben, die islamische Zivilisation im arabischen Andalusien in voller Blüte stand", sagte Enzensberger.

"In den Pariser Passagen denkt man mit den Füßen", schrieb Balzac einst. Das gilt auch für die Ibn Battuta Mall. Am Ausgang von Andalusien drängeln sich die Kunden: Gruppen aus Indien, Saudis in weiß wallenden Dischdaschas, Amerikaner in Shorts. "Hier kriegen wir nie ein Taxi", sagt eine schwer mit Tüten beladene Britin: "Komm, wir laufen rüber nach China."

Gekürzter und leicht veränderter Nachdruck aus "Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft".