Sinterklaas auf Aruba Rotrock im Rotlichtviertel

Meringue- und Soca-Klänge empfangen den Nikolaus alias Sinterklaas auf Aruba. Der Mützenmann hat einen heißen Job auf der Karibikinsel. Nicht nur wegen der tropischen Temperaturen, sondern auch weil er hier Kult ist - selbst der Rotlichtbezirk wartet auf Bescherung.

Von Martin Cyris


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Sinterklaas in der Karibik: Heiß unter der Mütze
Ein Nachttopf, eine Schiffsschraube, eine Parkuhr, eine Urne mit der Asche eines Verstorbenen, Cowboyhüte, Wimpel, Geldscheine und und und. Diese Gegenstände sind nicht etwa Geschenke, die der Nikolaus mitgebracht hat und nun aus seinem Sack hervorkramt. Nein, dieses Sammelsurium hängt an den Wänden von Charlie's Bar auf Aruba. Oder baumelt von der Decke.

Die circa 25 Quadratmeter große Kaschemme ist ein riesiger Setzkasten und eine Institution auf Aruba, auch weil dort einfache, aber leckere Shrimps-Gerichte aufgetischt werden. Er steht in einer Gegend, in der man auch sonst gerne zeigt, was man hat: In der Nachbarschaft von Charlie's Bar helfen Damen in knapper Bekleidung männlichen Hormonen auf die Sprünge.

Die Zeppenveldstraat ist die Hauptstraße von Sint Nicolaas - und gleichzeitig der Rotlichtbezirk der Karibikinsel. Besucher kommen selbstredend nicht nur wegen der Nachtclubs in die zweitgrößte Stadt Arubas. Sondern auch wegen einem der schönsten Strände, der vor den Toren der Kleinstadt liegt: dem Baby Beach. Die aufgegebene Erdölraffinerie im Hintergrund kann das phantastisch türkisblaue Wasser am Baby Beach kaum trüben.

Palmwedel statt Rute

Ob Baby Beach oder leichte Mädchen - in der Vorweihnachtszeit schaut man eher wegen Sinterklaas, der niederländischen Variante von Sankt Nikolaus in Sint Nicolaas vorbei. Doch warum wird Aruba von Sinterklaas beehrt, und nicht etwa vom global übermächtigen Santa Claus? Schließlich ist die Karibik die Badewanne ganzer Heerscharen von US-Touristen, die kulturellen Segnungen der Vereinigten Staaten sind auch hier allgegenwärtig. Die Antwort: Aruba ist ein autonomer Staat innerhalb des Königreichs der Niederlande, die Inselkultur wurde lange Zeit aus dem Oranjestaat beeinflusst. Eine der Amtssprachen ist Niederländisch.

Vieles verbindet Sinterklaas mit der Figur des Sankt Nikolaus, wie sie in Deutschland bekannt ist. Etwa der rote Mantel und die Bischofsmütze. Oder die Rute, die auf Aruba durch einen Palmwedel ersetzt wird. Und natürlich der Sack, in dem sich die Geschenke für die Kinder befinden. Die sie freilich erst bekommen, nachdem ihnen Sinterklaas die Leviten gelesen hat. Anders als in Europa macht sich Sinterklaas nicht erst am 6., sondern schon am 5. Dezember wieder vom Acker. Beziehungsweise per Boot zurück nach Spanien, wo er mit seinen Helfern, den Zwarte Pieten (zu Deutsch: Schwarze Peter) der Legende nach hergekommen ist.

Welche Sünden und Vergehen der Rotrock den Damen von der sündigen Meile Arubas vorliest, darüber wird freilich der Nikolausmantel des Schweigens gelegt. Doch die Rute scheint Sinterklaas in der Regel stecken zu lassen, denn wenn er traditionell durch Sint Nicolaas stapft, strömen nicht nur die Kinder auf die Straßen, um Süßigkeiten und kleine Geschenke in Empfang zu nehmen. Oder stellen ihre Stiefel vor die Türe, in der Hoffnung, Sinterklaas möge etwas hineinlegen. Auf der Zeppenveldstraat dürfte Sinterklaas freilich eher Pumps und Highheels vorfinden.

Sinterklaas aus der Kaserne

Eingeschleppt und gepflegt wurde der Kult um Sinterklaas auf Aruba übrigens vor Jahrzehnten ausgerechnet von harten Kerlen: Die Soldaten vom niederländischen Marinekorps wollten sich in der gefühlsduseligen Vorweihnachtszeit ein Stückchen Heimat in die Karibik holen. In der Kleiderkammer der Kaserne im Nachbarort Savaneta hängt ein gutes Dutzend Sinterklaas-Kostüme mit allem Drum und Dran: Bischofsmütze, roter Mantel, Bart, Brille und der obligatorische Sack.

Manch muskelbepackter Marine tauscht dann alljährlich Ende November oder Anfang Dezember die Tarnjacke mit dem roten Mantel. Beim tropischen Klima, das ganzjährig auf Aruba herrscht, gewiss ein schweißtreibendes Unterfangen. Die heißen Temperaturen unterm Gewand sind womöglich aber rasch vergessen, sobald Sinterklaas in strahlende Kinder- und lächelnde Damengesichter blickt.

Als Süßigkeit sehr beliebt auf Aruba ist Schokolade aus Belgien. Doch es ist eher ein Zufall, dass Sint Nicolaas bei den Einheimischen den Beinamen "Chocolate City" trägt. Schokoladenstadt, weil der Teint vieler Bewohner von Sint Nicolaas deutlich dunkler ausfällt als etwa bei den Bewohnern von Oranjestad, der Hauptstadt Arubas. Der Grund dafür ist, dass sich in Sint Nicolaas vor allem Arbeiter aus den englischsprachigen Teilen der Karibik niederließen. Etwa von Trinidad, St. Vincent oder Grenada, wo die Hautfarbe vieler Bewohner tiefschwarz ist.

Ein Thema, das auf Aruba eigentlich gar keines ist. "Aruba ist ein Mischmasch, da spielt überhaupt keine Rolle, welche Hautfarbe du hast", sagt Charles Brouns III., dessen Großvater Charlie's Bar ins Leben gerufen hatte. "Unterschiede nehmen wir ziemlich locker", ergänzt er. Seine Familie stammt aus der niederländischen Provinz Limburg.

Zwarte Pieten und der Sinterklaas

In der Tat, der Werbe-Claim Arubas ("one happy island") macht sich im Alltag bemerkbar. Wo sonst auf der Welt - erst recht im hektischen Europa - könnte man sich vorstellen, dass Linksabbieger regelmäßig vom Gegenverkehr durchgewinkt werden. Aus purer Freundlichkeit und Lässigkeit und ohne Hupkonzert der wartenden Autos.

So viel Herzlichkeit erfreut den Sinterklaas, weshalb er auf Aruba schon Mitte November einrückt. Meist bejubelt von Tausenden Besuchern auf einer Straßenparade in Oranjestad. Stundenlang werden dem Mann im Nikolauskostüm Kinder in den Arm gedrückt - für Erinnerungsfotos. Viele tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Bon bini Sinterklaas!" (auf Deutsch: Herzlich willkommen, Nikolaus!"). Dutzende Zwarte Pieten begleiten die Kutsche mit dem Sinterklaas, teilweise auf Stelzen.

Das Sinterklaas-Team wird von Soca- und Merengue-Songs sowie Nikolausliedern begleitet. "Lasst uns froh und munter sein" kennt hier keiner, dafür wird "Sinterklaas kapoentje" (zu Deutsch: Sankt Nikolaus mit der Kapuze) rauf und runter genudelt. Wie es sich für eine karibische Straßenparade gehört, natürlich in ohrenbetäubender Lautstärke. "Gooi wat in mijn schoentje, gooi wat in mijn laarsje" (Gib was in mein Schuhchen, gib was in mein Stiefelchen) heißt es in dem Lied. Der Komponist hat seinerzeit nicht an Highheels gedacht. Aber Sinterklaas wird's schon richten.



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