Ski-Junkies in Kanada Auf Champagner-Powder in den Abgrund

Auf der Suche nach dem perfekten Skigebiet landen viele Adrenalin-Junkies in Alberta. Dort, in den kanadischen Rockies, wartet nicht nur der Champagner-Pulverschnee. Sondern auch Abfahrten, die wie ein Aufzug in die Tiefe gehen.

Banff Lake Louise Tourism / Paul Zizka

Von Jens-Martin Trick


Mit einem Ruck stößt sich Shannon Martin von der steilen Kante ab und stürzt sich Richtung Tal. Rechts und links der Abfahrt ragen braune Felsbrocken aus dem Schnee, eisiger Wind peitscht ihm ins Gesicht. Selbst kleine Fehler verzeiht diese Steillage nicht, der Druck auf die Oberschenkel muss stabil bleiben. Ein paar scharfkantige Slalomschwünge später ist es geschafft. Ein abrupter Stopp hüllt den sportlichen Skifahrer in eine Schneewolke.

Shannon Martin (v.) bei seinem Aufstieg zum Elevator Shaft in Lake Louise
Jens-Martin Trick

Shannon Martin (v.) bei seinem Aufstieg zum Elevator Shaft in Lake Louise

Martin zieht die Sturmmaske von der Nase und grinst: "So schwer ist die Abfahrt gar nicht", meint der 30-Jährige. Dank des griffigen Schnees, der so weich und trocken ist, dass er auch als Champagner-Powder berühmt wurde, fährt man in den Skigebieten von Alberta angeblich zwei Klassen besser als woanders. Doch selbst dies für Strecken wie den Elevator Shaft im Lake Louise Skigebiet ist das oft nicht genug.

Australier Shannon Martin: Adrenalinfahrten ins Glück

"Aufzugsschacht" heißt die Abfahrt, das sagt eigentlich schon alles. "Aber landschaftlich reizvoll inmitten des Felsengartens gelegen", scherzt Martin und schiebt sich ein Haarbüschel unter den Helm. "Kettenrasseln gehört bei uns zum Geschäft. Und ein furchteinflößender Name ist Pflicht." Ihn hat die Abfahrt wenig gefordert - kaum zu glauben, dass der Australier erst mit 21 Jahren zum ersten Mal Schnee gesehen hat.

Martin, der in Perth fernab von Puderschnee aufwuchs, ahnte damals nicht, welche Glücksgefühle diese Adrenalinfahrten auslösen können. Er kam mit einem befristeten Visum als Hobbyfotograf in die Provinz. Lange habe er sich für wenig Geld die Füße in den Bauch gestanden, erzählt er und erinnert er sich an erste Gelegenheitsjobs. Ein Schicksal, das von vielen Work-and-Travel-Gästen aus dem Ausland geteilt wird, die einem überall in Albertas Skizirkus begegnen.

"Vor allem der Lohn war spärlich", sagt Shannon, "aber das kostenlose Skifahren nach Feierabend entschädigt." Er selbst hat es über den Job als Ausflugskoordinator und Gelegenheitsskilehrer bis in die Verwaltung des Resorts Lake Louise geschafft. "Banff ist einer der schönsten Plätze der Welt", sagt er über das romantisch zwischen den Rocky Mountains eingebettete Örtchen, das mit dem Ort Lake Louise zusammen die drei Skigebiete Sunshine Village, Lake Louise und Banff Mount Norquay unterhält.

Hier hat Shannon mit seiner Freundin, die er natürlich auf der Piste kennengelernt hat, sein privates Glück gefunden. Dennoch: Wie die meisten Ski-Junkies werden sie bald zur nächsten Station weiterziehen. Noch in diesem Jahr steuert das Paar Niseko an, eines der größten Skigebiete Japans. Platz für neue Sehnsüchte. Obwohl die Weiten Albertas in diesem Punkt nur schwer zu toppen sind.

Neuseeländer Simon Maffat: "Banff ist jetzt meine Heimat"

"Die Vorzüge des Banff Nationalparks mit seinem trockenen Pulverschnee haben sich weltweit herumgesprochen", sagt Simon Moffatt, der vor neun Jahren als arbeitssuchender Skilehrer aus Neuseeland anreiste. Haltlos baumeln seine Beine im wackeligen Doppelsitzer. Das Fehlen der Fußhalterungen stört den blonden Mann ebenso wenig wie das der beheizten Sitze.

Simon Moffatt an seinem Hausberg Norquay, im Tal liegt das Städtchen Banff
Jens-Martin Trick

Simon Moffatt an seinem Hausberg Norquay, im Tal liegt das Städtchen Banff


Schließlich komme man hierher "zum Skifahren und nicht zum Popowärmen", sagt Moffat. Auf eisige minus 35 Grad können die Temperaturen hier im Januar fallen. Doch die ständige Fahrt hält auf Betriebstemperatur - lange Liftschlangen oder dicht bevölkerte Pisten gibt es ohnehin nicht.

Nicht ganz so einsam ist es im Zentrum von Banff, wo Moffatt mit seiner Frau und der sechsjährigen Tochter lebt. Dass er sich hier niederlassen durfte, hängt mit seiner Arbeit am Hausberg Norquay zusammen.
In Banff gibt es einen Wohnsitz nur gegen Arbeitsnachweis, eine Regel, die verhindern soll, dass der Ort zum verwaisten Zweitwohnsitz für die Schickeria aus der 140 Kilometer östlich gelegenen Metropole Calgary wird. Ein Plan, der funktioniert. Zumindest in Banff sind 7500 Einwohner wirklich heimisch, Tendenz stabil.

Anders sieht es bei den Touristen aus, ihre Zahl wächst stetig. Zur Freude von Moffatt. Am Ende des North-American-Lifts, der ihn rund 400 Höhenmeter nach oben befördert hat, hüpft er aus der Sitzschale und geht direkt in den ersten Schwung über. Gekonnt hinterlässt er mit den breiten Geländeskiern Spuren zwischen den Douglasien-Fichten. Und nur zwei Bögen weiter steht er ebenfalls an einer steilen Kante: der Gun Run. Kanadas angeblich größte Herausforderung: Eine dunkelschwarze Doppeldiamant-Abfahrt, die Spitze der fünf kanadischen Schwierigkeitsgrade. Zu Recht: Auf 600 Metern Strecke warten 300 Meter Gefälle. Diese Mischung treibt selbst erfahrenen Pistenwedlern die Furcht in die Beine.

Moffatt hat mittlerweile mit Bravour den Gun Run bewältigt. Er wischt sich den Schnee aus dem Gesicht. "Fahrt Nummer 5344 und noch immer nicht genug davon", sagt er und strahlt. Im Gegensatz zu Shannon hat der Neuseeländer hier seine Endstation erreicht. Eher untypisch für Ski-Junkies, die ständig dem perfekten Schnee hinterherziehen. "Banff ist jetzt meine Heimat", sagt er. Seine Bretter wird Moffatt in jedem Fall noch lange nicht an den Nagel hängen, sie lechzen nach mehr Champagne-Powder.



insgesamt 10 Beiträge
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actiovitalis 05.12.2014
1. Schnee?
Für mich ein paar wichtige Fragen im Vergleich zum Skifahren in den Alpen. Ist der Schnee in Kanada tatsächlich anders? Gibt es dort nur Champangner Schnee? Gibt es dort keine wechselnden Schneearten? Gibt es dort auch "Wetter"?
nymousano 05.12.2014
2.
Zitat von actiovitalisFür mich ein paar wichtige Fragen im Vergleich zum Skifahren in den Alpen. Ist der Schnee in Kanada tatsächlich anders? Gibt es dort nur Champangner Schnee? Gibt es dort keine wechselnden Schneearten? Gibt es dort auch "Wetter"?
Nein, das Wetter wurde in Kanada bereits 1987 abgeschafft...
pulver-schnee.de 05.12.2014
3. Champagne Powder
In den östl. Rockies ( Banff usw.) ist es viel kälter als in den Alpen. Deshalb ist der Schnee oft sehr leicht und "fluffig". An der Küste ( Whistler) kann es sehr guten Powder haben aber es kann auch mal etwas schwererer Schnee liegen. Dafür schneit es dort extrem viel und wer abseits fahren will, kommt voll auf seine Kosten.
riko67 05.12.2014
4. Banff ist toll
Champagne-Powder klingt zwar nach einer Erfindung der Skigebiete, ähnlich dem Valentinstag der Blumenhändler. Tatsächlich war ich auch schon in Alberta und kann dieses Plus an Qualität bejahen - was am kälteren+ trockenen Klima liegt! Witziger Text, mich hätte noch interessiert, ob es ein Zufall ist, dass ein Neuseeländer und ein Australier dort zu finden sind!? Stichwort Commonwealth... Ich finde es ebenfalls herrlich dort und kann jedem, der es sich leisten kann und wert auf Skifahren pur legt, das nur empfehlen!
axelmueller1976 05.12.2014
5. Hallo Nr.1 Nicht immer Champangner Schnee
Zitat von actiovitalisFür mich ein paar wichtige Fragen im Vergleich zum Skifahren in den Alpen. Ist der Schnee in Kanada tatsächlich anders? Gibt es dort nur Champangner Schnee? Gibt es dort keine wechselnden Schneearten? Gibt es dort auch "Wetter"?
Die schneearten wechseln in Whistler hatten wir auch bei 6 m Schnee schon Regen. Den besseren Schnee haben Aspen und,Telluride in USA. Hinzu kommt ,daß es in Kanada kälter ist als in USA.
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