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07. Dezember 2017, 04:31 Uhr

Neuengland

Wo die New Yorker freeriden

Wer an Neuengland denkt, dem kommen der bunte Indian Summer oder Hummer in den Sinn. Aber Skigebiete? Eher nicht. Dabei gibt es in den Ausläufern der Appalachen eine Menge von ihnen.

Sicher, die Skigebiete im äußersten Nordosten der USA sind keine Megaresorts mit endlos Pistenkilometern, wie man sie in den Rocky Mountains findet. Wer jedoch Schneesicherheit sucht und mit Schneeschuhen, Langlaufskiern oder auf einem Fatbike durch scheinbar unendliche Wälder streifen und Schwünge auf gut präparierten Pisten machen will, ist in dieser Region richtig.

Gerade die Kombination macht es, sagt Sandra Plourde: "Man kann hier klassischen Neuengland-Urlaub machen, sich die Küste anschauen - und auch noch ein paar Tage Ski fahren." Die gebürtige Kielerin betreibt mit ihrem Mann ein Hotel in dem verschlafenen Ort Jackson in New Hampshire. "Hier ist viel Platz, da kann sich jeder austoben, wie er will", sagt sie.

Hier gibt es kaum etwas, das nicht angeboten wird: Abfahrt und Langlauf, alle möglichen Sportarten auf dem Eis, eine Fatbike-Tour oder mit dem Schneemobil. Wer sich austoben will, sollte sich warm einpacken. Temperaturen um die minus 20 Grad und eisige Winde sind hier keine Seltenheit - wie auch sonst in den nördlichen Neuengland-Staaten Maine, Vermont und New Hampshire.

Von Jackson ist es eine gute Stunde Autofahrt nach Westen nach Loon Mountain. Als Sel Hannah den Berg in den Sechzigerjahren zu einem Skigebiet machen sollte, sagte er nüchtern: "Ein Olympia-Berg wird das nie werden. Aber Kinder, Mütter und Väter werden es hier lieben." In der ersten Saison 1966 kamen 30.000 Wintersportler. Seitdem wurde das Resort stetig erweitert, ist mit seinen zwölf Liften und 45 Pistenkilometern bis auf 930 Meter aber noch immer überschaubar.

Besonders beliebt ist Loon Mountain unter Freestyle-Snowboardern und -Skifahrern, die sich auf Kickern und Rails der Funparks austoben wollen. Vor allem Studenten aus den umliegenden Hochschulen nutzen sie: Das Gebiet, zwei Autostunden nördlich von Boston, liegt nur ein paar Meilen vom Highway entfernt - praktisch für einen schnellen Abstecher.

Kalter Mount Washington

30 Meilen entfernt liegt Bretton Woods, wo 1944 eine internationale Währungsordnung samt Weltbank und Internationalem Währungsfonds beschlossen wurde. Mit 56 Pistenkilometern wirbt man hier damit, das größte Skigebiet in New Hampshire zu sein. Auf einer Anhöhe thront das Mount Washington Hotel: ein mehr als 100 Jahre alter Holzbau, weiß gestrichen mit leuchtend rotem Dach, einst ein Grand Hotel unter vielen.

"Hierher kam man vor allem zur Sommerfrische, aus New York und aus Boston", sagt Craig Clemmer, Marketingchef des Hotels. Züge fuhren aus den Metropolen an der Küste hinauf in die sogenannte Presidential Range, die so heißt, weil hier jeder Berg den Namen eines ehemaligen US-Präsidenten trägt: Jefferson, Eisenhower - oder Washington.

Der Mount Washington ist der markanteste und mit knapp 2000 Metern auch der höchste Berg im Nordosten. "Und der mit dem schlechtesten Wetter", ergänzt Tim, der Touristen in einem eigens entwickelten Van auf den tief verschneiten Berg lenkt. Statt Rädern hat der Kleinbus Ketten. Mit dem Gefährt tuckert man langsam über den Schnee direkt in die Höhe.

Aus welcher Richtung der Wind weht, ist genau zu sehen - und wie stark. Denn je höher man kommt, umso kürzer sind die Bäume. Und umso schiefer. Doch das ist noch gar nichts im Vergleich zum Gipfel, auf den einmal in der Woche eine Tour führt. "Da oben ist alles dick voll Eis", erzählt Tim. Hier wurde einmal die kälteste Temperatur der Welt aufgezeichnet, heißt es: minus 70 Grad auf der Fahrenheit-Skala. Minus 57 Grad Celsius.

Pilgerstätte für "Sound of Music"-Fans

In Stowe im Bundesstaat Vermont weht ein echter Hauch Österreich durch die Berge, denn an diesem Ort hat sich vor dem Zweiten Weltkrieg die Familie des vor den Nazis geflohenen Militärs Georg von Trapp niedergelassen. Sie war als Musikgruppe "The Trapp Family Singers" durch die USA gezogen und hatte schließlich ihre Farm in den sanften Hügeln Vermonts gebaut.

Trapps Ehefrau Maria hatte diese Gegend ausgewählt. Die Landschaft erinnerte sie an ihre Heimat Österreich, die sie mit der Familie verlassen musste. Geld verdienten die Trapps auch mit Ahornsirup. "Wenn der Winter sich langsam dem Ende zuneigt, kann man den Saft ernten", erzählt Bob, der Leiter des Outdoor-Centers, der die Gäste entweder auf Schneeschuhen oder auf Langlaufskiern zur "Sugarshack" der Trapp-Familie führt.

Die Hütte der Trapps ist ein Stopp auf einem Loipennetz, das rund 150 Kilometer umfasst - und damit mehr als alle anderen in der Region. Stowe ist auch eine Art Pilgerstätte für die Fans eines der erfolgreichsten amerikanischen Filme: "The Sound of Music". Vorbild war die Familiengeschichte der Trapps.

Das Stowe Mountain Resort ist nicht das größte, gehört aber mit seinen 64 Pistenkilometern zu den beliebtesten der knapp zwei Dutzend Skigebiete in Vermont. Am Morgen startet man am besten auf dem Spruce Peak, denn auf dessen Hänge scheint die Sonne, wenn sie über die Berge kommt. Dann geht es weiter auf der anderen Seite des Berges, auf der es deutlich steilere Pisten gibt und wo der Wind stärker weht.

"Hier gibt es noch die ganz alten Pisten, wie es sie in Neuengland schon immer gab", sagt Bergführer Mike. "Sie sind recht schmal, gesäumt von Bäumen, und immer wieder gibt es leichte Vorsprünge im Terrain, an denen man anhalten und die Landschaft genießen kann", erklärt Mike, der in der Gegend aufgewachsen ist. Das sind die klassischen Neuengland-Pisten, die sich in vielen der Skigebiete in der Region finden.

Schneeskulpturen in Rekordgröße

Wohin es die Besucher aus den großen Städten an der Küste zieht, scheint ohnehin weniger von den Pisten abzuhängen - eher schon von der Entfernung. Das glaubt zumindest Van-Fahrer Tim vom Mount Washington. "Die New Yorker fahren überwiegend zum Killington Peak im Süden von Vermont", erzählt er. Die Bostonians hingegen fahren weiter ins Land hinein, nach Stowe, nach Bretton Woods oder bis hoch nach Maine.

Dort, im nördlichsten der Neuengland-Staaten, haben sie vor einigen Jahren mit einem Weltrekord auf sich aufmerksam gemacht. Im Ort Bethel wurde der größte Schneemann der Welt gebaut - gut 35 Meter brachten den Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Die zwei Skigebiete der Gegend, Sunday River und Mount Abram, halfen dafür mit Schneekanonen aus.

Ein paar Jahre später toppten die Menschen in Bethel den Rekord sogar mit einer Schneefrau, die noch mal gigantischer war. Nach dem Motto: Wir haben nicht die höchsten Berge, aber die größten Schneeskulpturen.

Verena Wolff, dpa

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