Skigebiet Gudauri in Georgien Ein Lift dreht durch

Endlose Freerider-Hänge, billiger als die Alpen: Skitourengänger und Snowboarder schätzen Gudauri schon länger. Ein virales Video machte das größte Skigebiet Georgiens weltweit bekannt.

Gudauri/ TMN

Gudauris Weltruhm begann mit einem schrecklichen Video. Auf verwackelten Aufnahmen sieht man einen Sessellift rückwärts rasen, Skifahrer und Snowboarder werden durch die Luft geschleudert. Das Video ging im Frühjahr 2018 viral, Millionen Menschen sahen es sich im Internet an. Eine Katastrophe für das Skigebiet in Georgien - am Ende aber auch ein Glücksfall.

"Mit einem Schlag wussten die Leute auf der ganzen Welt, dass man in Georgien Ski fahren kann", sagt George Gotsiridze. "Im Nachhinein war es gutes Marketing. Aber nur, weil niemand starb." Was ein großes Glück war, wenn man sich die Aufnahmen ansieht.

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Skigebiet Gaudari in Georgien: Ein Unfall als Glücksfall

Gotsiridze, 47, ist Geograf, er berät die Regierung des kleinen Kaukasuslandes beim Ausbau seiner Skigebiete. Wer mit ihm in Gudauri Ski fahren geht, muss Geduld haben. Ständig umarmt er jemanden, schüttelt Hände, tauscht Küsschen aus. Im Winter kommen Gotsiridze und seine Frau fast jedes Wochenende aus Tiflis hierher - so wie viele wohlhabende Hauptstädter.

"Natürlich stornierten in den Wochen nach dem Liftunfall viele Gäste ihren Urlaub", erzählt Gotsiridze. "Aber diesen Winter kommen sogar 30 Prozent mehr Gäste als in der Vorsaison." Seit 2011 sei die Zahl der Gäste gar um 578 Prozent gestiegen.

Bergführer aus Österreich: "Die Möglichkeiten sind der Wahnsinn"

Im Vergleich zu den Riesenskigebieten der Alpen sind die Pisten Gudauris immer noch leer, vor allem morgens. Wenn um 10 Uhr die Lifte anlaufen, carvt man ungestört über breite Hänge. Aus den Skibars wummern dann schon die Bässe gegeneinander an, Paraglider segeln über die Köpfe hinweg. Und mit jedem Lift, den man hinauffährt, wird die Aussicht erhabener: über angezuckerte Bergwälder, weiße Kämme und ein Wolkenmeer bis zum weit am Horizont gezogenen Bogen des Kaukasus.

"In den Alpen wären hier überall Skigebiete", sagt Sven Fölser. Der österreichische Bergführer kommt seit 2012 jeden Winter für mehrere Wochen nach Gudauri. Seine Kunden - überwiegend erfahrene Skifahrer und Snowboarder aus der Heimat - buchen den 44-Jährigen, damit er ihnen die Tiefschneehänge zeigt. "Die Umgebung ist hochalpin wie in der Schweiz, und die Möglichkeiten sind der Wahnsinn", sagt Fölser. "Wenn man nur ein wenig geht, entdeckt man immer wieder neue Routen."

Fölser saß damals im Horrorlift. "Jetzt lachen wir darüber", sagt er. "Aber das war wirklich ungut." Eine Expertengruppe hat ermittelt, wie es zu dem Desaster kam: Zuerst fiel der Strom aus, dann machte ein Mitarbeiter beim Umschalten auf den Generator einen Fehler. Fölser hatte Glück, er wurde abgeseilt. "Die Bergrettung war top", sagt er, "das wäre in Österreich nicht schneller gegangen."

Peter Knischow

Ein Jahr später ist der Vierer-Sessellift längst repariert. An der Bergstation rutscht man hinaus auf das Gipfelplateau des Sadzele West in 3276 Meter Höhe - und schaut hinüber zum breitschultrigen Kasbek.

Der dritthöchste Berg Georgiens ist 5047 Meter hoch, Gletscherzungen lecken von dessen Felsflanke herab. Das Plateau ist ein einziges Fotostudio. Touristen posieren im Sitzen oder Liegen. Manche hüpfen. In welche Richtung man knipst, ist egal. Die Kulisse stimmt immer.

Chatschapuri-Fladen als Pausenbrot

Am Sadzele West beginnen die einzigen schwarzen Pisten Gudauris. Nun, da sich das Skigebiet langsam füllt, fährt man sie besser umsichtig. Denn viele Wintersportler hier sind eher Anfänger. Oder sie pflegen einen unorthodoxen Freistil. Bremsen ist da nicht immer vorgesehen.

Den meisten Westeuropäern, die nach Georgien fliegen, geht es weniger um die planierten Pisten als um die weiten Hänge ringsum: oberhalb der Baumgrenze und sehr verlockend, meist mit mehreren Meter hohem, unberührtem Schnee bedeckt. Schon zu Sowjetzeiten reisten Deutsche, Österreicher und Schweizer an, um mit russischen Helikoptern zu den Tiefschneehängen zu fliegen.

Zuvor war Gudauri lange nur eine Poststation in rund 2200 Meter Höhe, wo die Kutscher ihre Pferde wechselten. Mitte der Achtzigerjahre baute ein Joint Venture mit einem österreichischen Investor die ersten Lifte und das "Marco Polo Hotel", heute ein Vier-Sterne-Klotz mit Hunderten Betten und Pool.

In den Neunzigerjahren verbrachten hier westliche Diplomaten und Entwicklungshelfer bevorzugt ihre Wochenenden. Um diese Keimzelle ist seitdem ein architektonischer Wildwuchs entstanden: entlang der Straße in Richtung Russland Betonkästen und alte Häuser, dazwischen Stahlmasten der Hochspannungsleitung.

Das einzige einheitliche Ensemble ist ein Chaletdorf am Fuße der roten Kabinenbahn. Vor dreieinhalb Jahren wurde das "New Gudauri Resort" gebaut. Im Erdgeschoss gibt es Skiverleihe, Restaurants, Bars und ein Kasino mit abgeklebten Scheiben. Dahinter wächst schon das Betonskelett des ersten Fünfsternehotels. Die meisten Gäste aber setzen sich tagsüber lieber vor die Holzbuden, die Glühwein, Bier und Chatschapuri verkaufen, die georgischen Käsefladen.

An den Tischen sitzen Litauer und Esten, Ukrainer, Polen und Briten. Vor allem aber viele Russen. Zur Grenze im Norden fährt man nur eine Stunde, hinter dem nächsten Bergkamm im Süden beginnt die abtrünnige Region Südossetien, die Russland seit dem Kaukasuskrieg von 2008 kontrolliert. Die Spannungen zwischen den Ländern stören die russischen Gäste aber offenbar nicht.

Im Lift erzählen zwei Däninnen, dass sie in Dubai leben und regelmäßig zum Skifahren nach Georgien kommen. "Wir fliegen direkt in drei Stunden nach Tiflis", sagen sie. Für europäische Fachkräfte, die in den Golfstaaten arbeiten, ist der Kaukasus viel näher als die Alpen - und billiger.

Zu viele Skifahrer? "Wir können die Pisten einfach breiter walzen"

Mit den vielen neuen Gästen sind allerdings die Schlangen vor den Liften gewachsen. Zum 30-Jahre-Jubiläum im vergangenen Winter bekam Gudauri deshalb neue Pisten und Lifte spendiert. 81 Millionen Lari investierte der Staat, umgerechnet rund 25 Millionen Euro.

Im Januar lief die Seilbahn auf den Kobi-Pass an, in Zehnergondeln surrt man jetzt in einer Viertelstunde die 7,5 Kilometer hinauf zur Passhöhe - und zum Start der schönsten Abfahrt des Resorts. Mit Blick auf den Kasbek kurvt man das breite, sanft abfallende Hochtal auf der anderen Seite hinab, umgeben von steilen Hängen. Ein Genuss, finden die meisten. "Ein Freeride-Hang weniger", grantelt Sven Fölser.

"Der Klimawandel ist für uns eine große Herausforderung", sagt Aleksander Kikabidze, 40, der Chef der Bergbahnen. "Vor allem auf den Südhängen." Nächstes Jahr solle der Speichersee gefüllt werden, damit die neuen Schneelanzen endlich Kunstschnee auf die Pisten versprühen. "Besonders zum Start der Wintersaison brauchen wir nun Kunstschnee", sagt Kikabidze, "sonst stehlen andere Skigebiete unsere Gäste."

Einen weiteren Ausbau des Gebiets planen die Bergbahnen derzeit nicht. Die Pisten seien ausreichend für 15.000 Wintersportler pro Tag. Und wenn sie irgendwann nicht mehr ausreichen, kann Kikabidze schnell reagieren. "Alle Berge hier sind Vulkane", erklärt er - also gleichmäßige Hänge. "Wir können die Pisten einfach breiter walzen."

Sven Fölsers Kunden dürften das nicht gerne hören. Vor der Glashütte auf dem Gipfel des 3006 Meter hohen Kudebi sinken sie in die roten Sofas im Schnee und nehmen einen Schluck georgisches Craft Beer. Melodischer Electro dringt aus den Boxen, versonnen schauen sie zu, wie die milchige Abendsonne die Kämme, Falten und Hügel des Kaukasus konturiert und der Himmel von Hellblau über Gelb zu Rosa changiert.

Irgendwann stoppen die Lifte, die Gäste ziehen sich Wolldecken bis ans Kinn. Aber zum Abfahren ist es zu schön.

Florian Sanktjohanser/dpa

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