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Imizamo-Yethu-Township: Besuch in der Wellblechhütte

Foto: Benjamin Duerr

Slum-Tourismus in Südafrika Im Wohnzimmer der Armen

Weltweit boomt der Slum-Tourismus: Urlauber aus Europa besuchen zu Tausenden Armenviertel in Rio de Janeiro, Kapstadt oder Johannesburg. Manche halten das für eine neue Form der Entwicklungshilfe - andere für Armutspornografie.

Beim Eintritt in die Wellblechhütte fallen die Touristen aus ihrer Luxuswolke. Es gibt nur ein kleines Fensterchen, die Luft riecht leicht faulig. Kenny Tokwe deutet auf eine Pfütze neben dem Bett. "Gestern hat es geregnet", sagt er. "Die ganze Wohnung wird dann feucht." Die Bewohner hocken versunken in einem Sessel, die Besucher schweigen. Wie fast immer: "Die Leute sind meistens überfordert und wissen nicht, was sie sagen sollen", erklärt Tokwe später.

Tokwe ist ein kräftiger Mann mit breiter Nase, Regenjacke und Schildmütze. Wenn er durch die Haustür tritt, zieht er den Kopf ein. Wenn er mit mehr als drei Menschen vorbeikommt, muss der Rest draußen bleiben. Mehrmals in der Woche besucht er das Haus seiner Nachbarn - mit einer Gruppe Touristen im Gefolge. Er führt Europäer und Amerikaner durch sein Viertel, die Township Imizamo Yethu bei Kapstadt in Südafrika. Und er hat viel zu tun.

In Südafrika liegt Armutstourismus im Trend. Jedes Jahr ziehen 800.000 Urlauber durch die Townships, allein in Kapstadt sind es 400.000. In Soweto bei Johannesburg sollen inzwischen mehr als 1400 Jobs vom Fremdenverkehr abhängen.

Vergleiche mit einer Menschensafari

Weltweit reisen Touristen in die Armenviertel zwischen Rio de Janeiro, Kapstadt und Neu-Delhi. Manche halten den Slum-Tourismus für eine Form der Entwicklungshilfe, ein Mittel zur Armutsbekämpfung - andere für Pornografie der Armut.

"Die Vergleiche mit einer Menschensafari sind weit verbreitet", sagt Malte Steinbrink von der Universität Osnabrück, einer der führenden Slum-Tourismus-Forscher  weltweit. "Meine Beobachtungen und Gespräche geben aber kaum Hinweise darauf, dass die Touristen von den Bewohnern als Voyeure wahrgenommen werden - den meisten ist deren Anwesenheit ziemlich egal." Manche entwickelten auch Stolz auf ihr Viertel, sagt Steinbrink. "Anders ist es, wenn in die Privatsphäre eingedrungen wird oder beim hemmungslosen Fotografieren."

Kenny Tokwe führt in Kapstadt zu Hütten und Häusern. Er läuft den Hang hinauf zu einem Gemeindezentrum und einem Kindergarten, an einer Kneipe vorbei, in der Männer im Dunkeln sitzen. Tokwe sagt, man freue sich über jeden Besucher, der sich für das Leben hier interessiere. Es gebe allerdings auch Touren, bei denen Urlauber im Auto durch die Straßen gefahren werden. "Das ist dann wie im Zoo. Wir machen alles zu Fuß, die Besucher kommen in Kontakt mit den Menschen."

Tokwe will Touristen das Leben der anderen zeigen. Nicht verklärt, aber auch nicht dramatisiert. Mit seiner Familie lebt er selbst in der Township, die Einnahmen fließen nicht in die Kasse eines großen Veranstalters. Knapp sechs Euro zahlen Besucher für eine zweistündige Tour. Die Hälfte bekommt Tokwe als Lohn, ein Euro geht an die Familien, deren Hütten besichtigt werden. Damit werde niemand aus der Armut geholt, räumt Tokwe ein. Der Betrag sei eher eine Aufwandsentschädigung. Mit dem Rest des Geldes werden Projekte in Imizamo Yethu finanziert, ein Computerkurs für Kinder zum Beispiel oder ein Gemüsegarten hinter der Schule.

"Kein Mittel der Armutsreduzierung"

"Der Aspekt der Hilfe wird von Touranbietern und Touristen häufig als Rechtfertigung angeführt, um ethischen Zweifeln zu begegnen", sagt Slumtourismusforscher Steinbrink. "Aber wer helfen möchte, braucht wirklich keine Slum-Besichtigung zu machen." Armutstourismus als probates Mittel zur Armutsreduzierung - das erscheint Steinbrink unbegründet. Meist würden nur Einzelne profitieren, außerdem kämen die meisten Anbieter von außerhalb, weil es wie in Rio de Janeiro Sprachbarrieren gibt oder Bewohner selbst nicht über Kapital für eine eigene Firma verfügen.

Steinbrink sieht eine weitere Gefahr dieser Führungen: Vorher würden die meisten Touristen Dreck, Elend und Gewalt mit den Slums verbinden. "Nach einer Tour sind viele aber richtig beseelt und berichten von intensiven, positiven Erlebnissen." Die Art, wie Armenviertel oft gezeigt würden, könne zu einer "Entpolitisierung" führen: Slums würden nicht mehr als Probleme wahrgenommen, nicht als Orte sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten, sondern als Ausdruck einer kulturellen Eigenart.

Dennoch muss nicht jede Tour schlecht sein. Experten empfehlen Interessierten, sich vor Ort einen kleineren Veranstalter zu suchen. Einheimische Guides sollten die Touren begleiten. Eine kleine Gruppengröße hat den Vorteil, dass der Kontakt zu den Menschen direkter ist.

Auch Raymond Rampolokeng aus Soweto bei Johannesburg versucht, ein vollständiges Bild seiner Heimat zu zeigen. Er ist Mitte vierzig, kennt das Soweto der siebziger Jahre mit den staubigen Wegen; die Achtziger, als es in den Straßen brannte; und die Neunziger, als sich die neue Regierung kümmerte. Vor einigen Wochen hat Rampolokeng den ersten Tourismusverein der Township mit gegründet: "Sowetoo" .

Sieben Unternehmer wollen noch mehr Besucher in das Viertel bringen und gleichzeitig sein Bild verändern. Soweto habe mehr zu bieten als Armut, sagt Rampolokeng. Bisher sei das Viertel vor allem als historische Attraktion vermarktet worden, als Ort der Aufstände gegen die Apartheid oder als Wohnort Nelson Mandelas. "Wir wollen das Bild ergänzen um Abenteuer, Kultur und Konferenzmöglichkeiten."

Sie wollen zeigen, wie vielfältig das Leben in der Township ist. Das könne man nicht in zwei Stunden. Mit Kollegen bietet er deshalb Touren durch den Slum an, die zwölf oder sogar 24 Stunden dauern.

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